«Die Schule bereitet unsere Kinder nicht auf eine reelle Zukunft vor»

Computerwissenschaftler und Pädagoge Alexander Repenning erklärt, wie die Schweiz Vorreiterin in der digitalen Revolution werden kann.

Voraussetzung für den digitalen Wandel: Die Kinder sollen Freude an der Informatik haben. (Bild: Flickr)

Alexander Repenning leitet an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz die Informatische Bildung. Er setzt in der Schweiz das fort, was er während Jahren an der Universität Colorado USA mit Leidenschaft verfolgt hat: Wie sollen Kinder auf die Herausforderungen des digitalen Wandels bestmöglich vorbereitet werden?

Sie beschäftigen sich seit über 25 Jahren mit der Frage, wie die Jugend am besten fit gemacht wird für die Digitalisierung. Ihre Antwort?
Die meisten Kinder denken, dass Informatik generell und Programmieren im Speziellen «schwierig und langweilig» seien. Diese Einstellung hat sich in den letzten 20 Jahren nicht wirklich verändert. Das heisst, es gibt nicht nur Herausforderungen der Kognition, also des Geistes, sondern auch bezüglich Motivation. Deshalb haben wir Tools entwickelt, die Schülerinnen und Schülern helfen, sogenannte Computational Thinkers zu werden. Programme wie AgentSheets ermöglichen den Kindern, spannende 3-D-Welten zu bauen. Diese können sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen austauschen und sogar mit einem 3-D-Drucker ausdrucken.

Welche Bedeutung messen Sie der Dualen Berufsbildung bei?
Bei der Dualen Berufsbildung erfolgt die Ausbildung im Betrieb (Praxis) und in der Schule (Theorie). Diese Kombination ist sehr erfolgsversprechend, vor allem in einem Fachbereich wie Informatik, der sehr stark von einer guten Integration von Theorie und Praxis profitiert.

Durch welche Massnahmen liesse sich die Bedeutung der Berufsbildung noch stärker national und international verankern?  
National bedarf es an Aufklärung, um auf einer breiteren Basis zu verstehen, dass eben genau diese Kombination von Praxis und Theorie einem theoriefokussierten Bildungsansatz wie einem Studium nicht notwendigerweise nachsteht. International muss sich die Duale Berufsbildung noch besser verkaufen. Erste Schritte wie ein konzeptueller Austausch zwischen den USA und der Schweiz sind erfolgt, aber haben noch viel «room for improvement».

Wissen wird immer wieder als die wichtigste Ressource der Welt bezeichnet. Ist aber Wissen Bildung? Ist unser Bildungssystem nicht in der Fabrikgesellschaft des letzten Jahrhunderts stecken geblieben?
Das ganze Konzept der Spezialisierung ist tatsächlich ein Artefakt der Fabrikgesellschaft. Das Fliessband-Konzept von Henry Ford hatte zum Ziel, die Effizienz zu steigern. Dieser Ansatz hat leider nicht nur in der Industrie Einzug gehalten, sondern auch in der Bildung. Die Idee, Fachbereiche komplett zu separieren und Wissen als Auswendiglernen zu verstehen, muss im Digitalen Zeitalter hinterfragt werden. Wir brauchen Computational Thinkers, die in der Lage sind, unbekannte Probleme kreativ anzupacken sowie relevante Information zu finden, zu verstehen und zu synthetisieren. In diesem Sinne bereitet die Schule unsere Kinder nicht auf eine reelle Zukunft vor.

Ist die Forderung nach Programmierkenntnissen in der Primarschule die richtige Antwort?
Da muss man differenzieren. Programmieren und Computational Thinking sind nicht identisch. Die Idee ist nicht, dass Schulen Programmierer ausbilden, weil die Wirtschaft Programmierer braucht, vielmehr weil die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts an Computational Thinkers interessiert ist. Ein Computational Thinker ist eine Person, die mit dem Computer denken kann. Es geht also nicht darum, dass Leute denken wie ein Computer. Sie müssen kreative Problemlösungsstrategien beherrschen, welche die Benutzung von Computern sowie das Schreiben von einfachen Programmen einschliesst. Diese Computational Thinkers können mit Modellen denken, können «What If»-Szenarien durchdenken und mit vage definierten Problemen umgehen. Die Primarschule ist der richtige Ort, diese Transformation zu starten.  

Weshalb sind Sie so sicher?
Die Forschung zeigt klar: Primarschülerinnen und Primarschüler können und wollen Computational Thinkers sein. Lehrpersonen haben die einzigartige Möglichkeit, mit dem Computational Thinking das oben beschriebene Problem der Wissenskanalisierung zu bekämpfen. Computing kann Fachbereiche wie Gestalten, Sprache, Musik und Mathematik auf einzigartige Art und Weise verbinden, die Spass machen. Zudem hilft sie auch integrative Denker zu formen, welche die Gesellschaft braucht.

Alles, was reproduzierbar ist, lässt sich durch Maschinen und Algorithmen, Systeme und Prozesse besser und gründlicher erledigen als durch Menschen. Stösst die Industrialisierung der Bildung durch die Digitalisierung derzeit nicht an ihre Grenzen?
Die Grenze zwischen Computer Affordances, also was Computer können, und Human Abilities, was Menschen können, verschiebt sich tatsächlich. Schon jetzt spielen Computer besser Schach, GO oder Jeopardy als die meisten Menschen auf dieser Welt. Aber wir sollten trotzdem diesen Trend nicht als Bedrohung ansehen. Wichtig ist die Kombination von diesen Fähigkeiten in einer Art Yin-Yang-Symbiose. Der Computer ist nicht reduziert auf die Rolle eines Informationszugriff-Gerätes – er ist auch ein Denkverstärker, der Menschen hilft, neue Gedanken zu formulieren und die Konsequenzen dieser Gedanken zu verstehen.

Sie haben lange Zeit in den USA gelehrt und geforscht. Wie gross ist der Unterschied zwischen der IT-Supermacht USA und der Schweiz?

Die Unterschiede sind sehr gross. Der grösste Unterschied ist die Einstellung der Menschen. Schweizer Kinder sind zwar genauso begeistert wie amerikanische Kinder, aber vor allem die Lehrpersonen hierzulande haben grosse Bedenken. Ich unterrichte in vielen Ländern wie Mexiko, Brasilien und Japan. Mir fällt in der Schweiz eine eigenwillige Negativität gegenüber Informatischer Bildung auf. Die Vorbehalte lauten: Informatik ist zu kompliziert, Informatikunterricht braucht zu viel Zeit, Computer sind zu teuer, das Internet ist zu gefährlich. Die nächste Generation von Lehrpersonen, die wir jetzt ausbilden, wird weniger Mühe haben. Doch die Digitale Transformation schreitet in der Schweiz sehr langsam voran.

Was müsste jetzt in der Bildungslandschaft passieren, damit sich die Schweiz bestens für die digitale Revolution positioniert und zu den Vorreitern gehört?
Die Schweiz ist zwar im Moment noch abgeschlagen von den Vordenkernationen USA und UK, hätte aber eigentlich ideale Voraussetzungen, um eine Vorreiterin für die digitale Revolution zu sein. Ich sehe vor allem drei wesentliche Faktoren:

  1. Mit dem Schweizerischen Nationalfond hat die Schweiz eine etwa fünfmal grössere Pro-Kopf-Forschungsfinanzierung als die USA mit der National Science Foundation.
  2. Mit dem Lehrplan 21 hat die Schweiz einen grossflächigen (nicht ganz nationalen) Lehrplan, welcher Informatische Bildung miteinschliesst.
  3. Das nationale Netzwerk der Pädagogischen Hochschulen ist am Entwickeln von progressiven Informatischen Bildungsstrategien. Die Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz hat ab diesem Jahr schon die obligatorische Informatische Bildung, basierend auf Computational Thinking, für alle zukünftigen Primarlehrpersonen eingeführt. Diese Art der Progression findet man in den USA noch nicht.

Um dieses Potenzial voll entwickeln zu können, müssen allerdings noch ein paar schwierige Herausforderungen angegangen werden. Im Gegensatz zu den USA gibt es in der Schweiz gegenwärtig keine Grundlagenforschung zur Informatischen Bildung.

Welches wäre denn eine gute Lösung für die Schweiz?
Meiner Meinung nach müsste man einen grossen Teil der versprochenen Bundesgelder für die Digitale Schweiz via den Schweizerischen Nationalfonds den Pädagogischen Hochschulen zugänglich machen. Diese sind stark abhängig von der kantonalen Finanzierung. Die Digitale Revolution ist eine Herausforderung auf Bundes- und nicht auf Kantonsebene. Ein Nationales Forschungsprogramm zur Unterstützung von Computer Science Education Research würde den Pädagogischen Hochschulen den nötigen Zugriff auf Forschungsressourcen geben.

Ist die Zivilgesellschaft ausreichend in den gegenwärtigen Transformationsprozess einbezogen?
Die Zivilgesellschaft ist zu wenig einbezogen. Diskussionen sind tatsächlich oft begrenzt auf die negativen Konsequenzen. Medienbildung beispielsweise fokussiert zu stark auf die Gefahren. Das heisst nicht, dass man Gefahren nicht auch thematisieren sollte, aber im Vordergrund soll die Entwicklung eines Verständnisses stehen, also Computational Thinking, welches Benutzern digitaler Technologien erlaubt, positive und negative Konsequenzen ihrer Aktionen wirklich zu verstehen.

Wie überzeugt man Lehrer, Politiker, Eltern und Pädagogen?
Wichtig ist vor allem die Entwicklung überzeugender Beispiele. Das föderale Prinzip der Schweiz basiert auf demokratischen bottom-up- Prozessen, die halt leider oft viel Zeit brauchen. Um diese zu beschleunigen, braucht es geeignete Visionen und Finanzierungen. Findet man überzeugende Beispiele, sollen diese als Leuchttürme gefördert werden. Das ist vor allem eine Frage der Kommunikation. Mit mehreren Landessprachen und verschiedenen Kulturen ist eine flächendeckende Kommunikation in der Schweiz schwierig. Mit unserer Swiss Computer Science Education Week (csedweek.ch) haben wir aber beispielsweise viel Resonanz gefunden. Dort geht es darum, Vorurteile gegenüber dem Programmieren abzubauen. Ohne jedes Vorwissen bauen Kinder 3-D-Spiele in nur einer Stunde. In den letzten paar Jahren haben das Kinder in allen Sprachgebieten und Kantonen der Schweiz gemacht. Seit wir 2015 angefangen haben, sind schon über 1 Million Projekte kreiert worden. Diese ungeheure Energie und Motivation der Schülerinnen und Schüler mitzuerleben, hilft auch äusserst skeptischen Lehrpersonen, Politikern, Eltern und Pädagogen, ihre Bedenken gegenüber Informatik zu überwinden.

Die Fragen stellten Oliver Heiler und Pascal Ihle.