«Mutterschaft und Gleichstellung sind hochpolitisch»

Pasqualina Perrig-Chiello ist emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie der Universität Bern, sie leitete ein Nationalforschungsprojekt zum gesellschaftlichen Wandel von Generationenbeziehungen und einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Geschlechterrollenentwicklung.

Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie der Universität Bern

Wie ist es um die Gleichstellung in der Schweiz tatsächlich bestellt?
Die Frauen haben extrem aufgeholt, auch dank einer guten Bildungsoffensive in den letzten Jahrzehnten. Die Frauen überrunden teilweise die Männer in Bezug auf die Bildung. Aber: Die strukturellen Hindernisse sind nach wie vor da. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist immer noch ein Riesenthema. Was ausserdem verkannt wird und bisher kaum thematisiert worden ist: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in späteren Lebensphasen.

Das ist ein neuer Aspekt. Was meinen Sie damit?
Der öffentliche Diskurs fokussiert noch sehr stark auf die Vereinbarkeit Familie und Beruf bei jüngeren Generationen. Frauen im mittleren Lebensalter sind in einer Sandwich-Position: Ihre Kinder erwarten, dass sie sich um die Enkel kümmern, und ihre alten Eltern erwarten ebenfalls Hilfe – dabei spreche ich noch nicht einmal von Pflege. Gleichzeitig möchten Frauen ihre eigene Karriere verfolgen. Erst langsam wächst das Bewusstsein dafür, dass die sogenannte Care-Arbeit die Frauen von sehr jung bis sehr alt daran hindert, ihr eigentliches Potential auszuschöpfen.

Es gäbe ja auch noch die Söhne. Wieso können sich Frauen bzw. Töchter dieser Erwartungshaltung nicht entziehen?
Einwand und Frage sind berechtigt. Die Erwartungen sind da, und das beginnt schon in der Familie, die sich verändert hat. Wir reden von der Bohnenstangenfamilie, die vier Generationen umfasst, aber weniger Mitglieder pro Generation hat. Care-Arbeit wird von den Frauen erwartet. Wer Hilfe benötigt und die Wahl hat, lässt sich lieber von Frauen als von Männern pflegen, weil man sich mehr Empathie erhofft – das zeigen Befragungen. Die Gesellschaft erwartet die Betreuung durch die Frauen ebenfalls. Die Familie gilt nach wie vor als Privatsache und nicht als kleinste, öffentliche, gesellschaftliche Institution. Dazu existiert ein ganz langer Diskurs, auch in der Philosophie, Ethik und Moral.

Die Schweiz steht damit aber nicht allein.
Nein, aber in Europa gibt es nur wenige Staaten, die in Bezug auf die staatliche Familienunterstützung schlechter dastehen als die Schweiz. Wir wenden gerade einmal 1,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts für Familienunterstützung auf.

Ist das die Antwort darauf, wieso es mit der Gleichstellung in der Schweiz so lange dauert?
Genau. Für Frauen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer noch ein Balanceakt, der nicht aufhört, wenn die Kinder erwachsen sind. Er zieht sich durch ihr ganzes Leben. Mit der wenig erfreulichen Perspektive, dass sie am Schluss selbst auf Hilfe von anderen angewiesen sind. Acht von zehn Menschen im Altersheim sind Frauen. Das ist ein bedrückendes Szenario. Es zeigt aber auch eine riesige Diskrepanz und Inkonsequenz auf. Zuerst wird grossartig in die Bildung der Frauen investiert, aber danach lässt die Gesellschaft sie fallen, sobald die Familie ein Thema wird. Vergessen wir nicht: Die meisten Frauen möchten Kinder und zwar mindestens zwei, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. In der Realität sind es dann durchschnittlich 1,4.

Das heisst, die Gleichstellung wird mit der Mutterschaft zur Illusion…
… ausser man verfügt über ausreichend finanzielle Mittel. Der Grossteil ist aber auf Unterstützung angewiesen. Deshalb stehen die Grossmütter in der Pflicht, die ihrerseits wiederum im Konflikt stehen.

Aber die Geburtenrate steigt doch stetig.
Ja, im Moment ein klein wenig und zwar nur dank der Zuwanderung. Aber Frauen, die ein persönliches Ziel haben, erkennen, dass sie dieses häufig besser ohne Kinder erreichen. Insbesondere Akademikerinnen haben extrem wenig Kinder oder bekommen sie immer später, weil sie sich zuerst eine Position erarbeiten wollen. Die Geburtenrate eines Landes hängt im Übrigen davon ab, ob die Grosseltern bereit sind, ihre Enkel zu hüten. Das hat das Max-Planck-Institut für Demographie in Rostock in einer europaweiten Studie nachgewiesen. Es ist doch absurd, dass die Entscheidung, schwanger zu werden, davon abhängt, ob die Grossmutter zwei Mal pro Woche zum Hüten einspringen kann. Daran sehen wir, dass Mutterschaft und Gleichstellung hochpolitisch sind. Wenn wir eine starke Gesellschaft mit gleichgestellten Frauen möchten, dann müssen beide unterstützt werden.

Dann sind mehr Krippenplätze nur eine ungenügende Lösung, um die Gleichstellung zu erreichen.
Nein, und die Politik hat das auch erkannt. Der Bundesrat will die Personen entlasten, die Betreuungsarbeit leisten – das sind zu 80 Prozent Frauen. Gefragt sind Beispiele, wie Beruf und Familie in späteren Lebensphasen besser vereinbart werden können. Dazu gehört eine frühe und gute Aufklärung von Männern und Frauen. Junge Frauen sind heute der Ansicht, dass ihnen die Welt offen stehe. Diese positive Einstellung ist leider zu optimistisch. Es fehlt das Bewusstsein, dass die Gleichberechtigung noch ein fragiles Gebilde ist, für das meine Generation hart arbeiten musste. Das will heute niemand mehr hören. Ein kritisches Bewusstsein hilft Männern und Frauen jedoch, ihre Möglichkeiten richtig einzuschätzen. Politisch wäre die Situation eigentlich ideal. Denn aufgrund des Fachkräftemangels und für die Finanzierung der Sozialwerke geht es nicht ohne die Frauen.

Was brächten Lenkungsmassnahmen?
Die Anreize für die familiäre Betreuung und darüber hinaus zum Beispiel auch jene von Freunden und Nachbarn – Stichwort Wahlverwandtschaften – müssen anders werden. Es wird in Zukunft nicht ausreichen, wenn ausschliesslich Frauen Care-Arbeit leisten. Ich habe für die Spitex eine schweizweite Studie zu pflegenden Angehörigen durchgeführt. Bereits heute reduzieren zwei Drittel der Frauen ihr Anstellungspensum, um jemanden zu pflegen und 16 Prozent geben gar den Job auf.

Liegt es an den Unternehmen, dass sie die Gleichstellung zu wenig ernst nehmen?
Die Arbeitgeber tragen eine grosse Verantwortung. Ich stelle fest, dass die internationalen Konzerne, etwa in Basel, schon sehr weit sind. Es gibt nicht nur Betreuungsangebote für Kinder, sondern die Angestellten werden auch unterstützt, wenn sie sich um ihre alten Eltern kümmern müssen – «Elderly Care» – also Beratung, flexible Arbeitszeiten und bezahlten Urlaub für den Fall, dass beispielsweise die eigene Mutter einen Schlaganfall erleidet.

Um den Frauenanteil auf Führungsebene zu erhöhen, setzt die Wirtschaft auf einen freiwilligen «Code of Conduct». Funktioniert das?
In den letzten Jahren hat sich dieser Anteil nicht gross verändert, daher geht es wohl nicht ohne Druck. Allerdings habe ich bei der Quotenfrage meine Zweifel. Ehrlich gesagt: Ich möchte keine Quotenfrau sein. Wir Frauen haben das nicht nötig. Schliesslich sind wir gut! Aber der Zugang zur Macht ist in der Schweiz noch stark durch männliche Seilschaften geprägt. Kommt hinzu, dass wir eine Re-Traditionalisierung der Familie feststellen, welche die Geschlechterrolle mit einschliesst. Die Frauen heute wollen nicht mehr 100 Prozent arbeiten, sondern 50 Prozent. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass Frauen und Männer ein Stück weit resigniert haben.

Wer will denn überhaupt noch eine Gleichstellung?
Eine konkrete Umfrage dazu ist mir nicht bekannt. Aber die Vorstellungen der Jugendlichen haben sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Sie wollen eine feste Partnerschaft und eine Familie gründen. Fakt ist auch, dass sich der Anteil der voll arbeitenden Männer in den letzten zwanzig Jahren nicht verändert hat: Er liegt bei 80 Prozent. Trotz Babyboomern und Millennials treten wir auf der Stelle.

Wie erklären Sie sich diese Resignation?
Insbesondere die Millennials haben gesehen, wie es die Generation vor ihnen gemacht hat. Da war nicht alles vorbildlich und auch nicht gerade ermutigend. Eigentlich möchte sich jede Generation entfalten und gesellschaftlich einbringen. Männer wie Frauen sagen, dass sie gerne Teilzeit arbeiten möchten. Doch aufgrund fehlender Möglichkeiten verfällt man wieder in die alten Muster.

Zum Schluss: Welche Rezepte versprechen bei der Gleichstellung einen Erfolg?
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen:

  • Man darf nicht warten, bis die Strukturen für einen geschaffen werden. Ich benutze nicht gerne das Wort Selbstverantwortlichkeit, weil es zumeist politisch falsch interpretiert oder missbraucht wird – aber psychologisch verstanden ist es das richtige Wort. Das braucht Mut, weil es an Vorbildern fehlt.
  • Frauen können sich gegenseitig helfen, indem sie Netzwerke nutzen und Koalitionen bilden. Das beginnt – zumindest auf der Führungsebene und unter Akademikerinnen – zu greifen. Es bräuchte aber auch eine Lobby für Frauen auf und in allen anderen Ebenen und Bereichen.
  • Einfach eigensinnig und selbstbewusst sein, eigene Standards entwickeln und nicht zu sehr nach rechts oder links schauen.

 

Gespräch: Petra Wessalowski