Vier Megatrends prägen den Arbeitsmarkt

Wie wir uns am besten auf Unbeständigkeit, neue Berufe und die steigende Lebenserwartung vorbereiten.

Ein Haushaltsroboter kann nicht nur beim Staubsaugen Arbeit abnehmen. (Bild: Fotolia)

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz revolutionieren die Arbeitswelt. Arbeiten, die nur geringe Qualifikationen erfordern, werden vermehrt von Maschinen übernommen. Es gibt beispielweise automatisierte Mautstellen, Self-Checkout-Systeme in Supermärkten, Paket-Drohnen oder Haushaltsroboter – fast überall wird Personal eingespart.

Der Einzug neuer Technologien und automatisierte Vorgänge gefährden aber auch Jobs von höher qualifizierten Arbeitskräften. Paolo Gallo, Autor beim World Economic Forum, schreibt in seinem Bericht, dass in den USA bereits Finanzanalysten, Anwälte und Steuerexperten durch Maschinen wegrationalisiert worden seien. Er stützt seine Aussage mit einem unfassbaren Beispiel: Noch im Jahr 2000 waren beim in New York beheimateten Investmentbanking- und Wertpapierhandelsunternehmen Goldman Sachs noch mehr als 600 Händler beschäftigt. 2017 war diese Zahl auf zwei Aktienhändler geschrumpft. Der Grund: Computeringenieure hatten Algorithmen entwickelt, welche die Arbeit an den Finanzmärkten ebenso gut verrichteten wie früher die Arbeitskräfte aus Fleisch und Blut.

Wohin geht die digitale Reise? Paolo Gallo zeigt vier Megatrends auf, die den sich ändernden Arbeitsmarkt prägen werden.

Megatrend 1: Unbeständigkeit
Die meisten Arbeitsplätze, die in fortgeschrittenen Volkswirtschaften neu geschaffen werden, werden nur für kurze Zeit besetzt. Es kommen selbständig Erwerbende oder freischaffende Berater zum Zug. Das bedeutet, dass diese Arbeitskräfte keine sozialen Sicherheitsnetze wie Versicherungen, medizinische Versorgung, geregelte Tagesstruktur oder bezahlte Ferien in Anspruch nehmen können. Nur 6 Prozent der zwischen 2005 und 2015 in den USA neu geschaffenen Stellen verfügten über längerfristige Verträge. Das hat einerseits zu einer wachsenden Verletzbarkeit der arbeitenden Menschen geführt. Andererseits stellt es die Relevanz der Gewerkschaften auf den Prüfstand.

Megatrend 2: Lebenserwartung
Wir werden immer älter. Jedes Jahrzehnt steige die Lebenserwartung der Menschen um etwa zwei Jahre, schreibt Gallo. In Japan, Italien und Deutschland liege die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen näher bei 90 als bei 80 Jahren, die Männer hätten gerade die 80-Jahre-Marke geknackt. Was sind die Folgen der steigenden Lebenserwartung? Paolo Gallo stellt die Frage, ob wir nach dem letzten Arbeitstag vernünftigerweise damit rechnen können, die nächsten 20 Jahre eine Rente zu beziehen. Einige Zeitungen haben kürzlich berichtet, dass in Italien mehr als 700'000 Menschen seit 1982 eine Rente beziehen. Oder anders formuliert: Diese Menschen befinden sich seit mindestens 36 Jahren im Ruhestand – in vielen Fällen also länger als sie beschäftigt waren.

Gallo empfiehlt lebenslanges Lernen. Es sei nicht mehr zeitgemäss, das eigene Leben in drei Phasen einzuteilen – Schul- und Ausbildungsphase (22-24 Jahre), Erwerbstätigkeit (35-40 Jahre) und Ruhestand (ab 60 Jahre). Die einzige Möglichkeit, nicht durch «lernende Maschinen» ersetzt zu werden, sei selber eine lernende Maschine zu werden.

Megatrend 3: Neue Berufe
Technologie schaffe mehr Arbeitsplätze als sie vernichte, so Paolo Gallo. Die Veränderungen seien jedoch schmerzhaft. Eine kürzlich von der Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey publizierte Studie förderte zu Tage, dass 56 Prozent der neuen Arbeitsplätze in neuen Berufen geschaffen werden. Ein Blick auf die Karriereseite des World Economic Forum zeigt, welches Fachwissen gerade gefragt ist: künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Netzsicherheit, Internet-Verwaltung, Soziale Medien, Startups, maschinelles Lernen, Robotik, 3D-Druck, selbststeuernde Fahrzeuge und Blockchain. In diesen neuen Berufen schnellten die Löhne exorbitant in die Höhe, die Gehälter für traditionelle Berufe hingegen dürften allmählich sinken.

Megatrend 4: Frauen
In der Weltbevölkerung liegt der Frauenanteil bei 52 Prozent. Trotzdem seien die Frauen aber nach wie vor unterbezahlt und in Rollen beschäftigt, die oft nicht ihren Fähigkeiten und ihrem Fachwissen entsprächen, meint Paolo Gallo. Dennoch gehöre ihnen die Zukunft. Der Autor begründet seine Aussage damit, dass Frauen über menschliche Eigenschaften verfügen, die ihnen einen Vorteil verschaffen, wenn es darum geht, einen neuen Job in der Industrie 4.0 anzutreten. Wie zum Beispiel Empathie und Kreativität; die Gabe, zuhören und lernen zu können sowie die Fähigkeit zur Zusammenarbeit (statt Konkurrenz).

Verantwortung übertragen statt Kontrolle
Angesichts des sich ändernden Arbeitsmarktes müssten auch Unternehmen neu gestaltet werden, schreibt Gallo. Statt die arbeitenden Menschen zu kontrollieren, müsse ihnen Verantwortung übertragen werden. «Mechanische» Organisationen, bei denen die Arbeitnehmer lediglich als austauschbares Werkzeug fungierten, hätten ausgedient. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass die bürokratischen Modelle des öffentlichen Sektors auch in Zukunft funktionierten.

Die neue Realität der Industrie 4.0 erfordere ein neues Denken und Handeln, ist Paolo Gallo überzeugt. Probleme könnten nicht gelöst werden, indem alte Vorgehensweisen angewendet würden. Um sich an die Zukunft der Arbeit anpassen zu können, brauche es einen moralischen Kompass, mit dem Gefahren umschifft und Chancen erkannt würden.

Autor: Thomas Wälti