Ist «Social Media» Doping für den Propagandachef?

Das Problem rund um «Fake News» spitzt sich weiter zu. Das haben auch die Diskussionen am Web Summit in Lissabon gezeigt. Das neuste Beispiel ist die Bewegung der «Gilets Jaunes» in Frankreich. Verschiedene Player – auch ausländische – schüren das Misstrauen in Staat, Politik und die traditionellen Medien.

Web Summit 2018 in Lissabon: Bei einem der grössten und wichtigsten Treffen der Tech-Industrie verfolgten 70’000 Personen während vier Tagen die Auftritte von 1200 Rednern. (Bild: Patrick Blaser)

Ann Mettler, die Direktorin des Europäischen Zentrums für politische Strategie, bringt es auf den Punkt: «Social Media is like steroids for disinformation». Mettler sprach am Web Summit 2018 in Lissabon, einem der grössten und wichtigsten Treffen der Tech-Industrie und deren Meinungsmacher. 70’000 Personen aus der ganzen Welt lauschten während vier Tagen den 1200 Rednern auf unzähligen Panels, verteilt auf verschiedene Bühnen im ehemaligen Ausstellungsgelände der Expo’98. Schon 2017 haben wir an dieser Stelle auf die Konsequenzen von «Fake News» aufmerksam gemacht. Das Problem hat sich inzwischen verschärft, wie die Debatten zeigen.

Neben den Fortschritten der künstlichen Intelligenz, Möglichkeiten der Blockchain-Technologie und Problemen der Datensicherheit war die Bedrohung, die Fake News für die Demokratie darstellen, das grosse Thema des Summits. Sicherheitsexperten, Journalisten, Politiker, Wissenschaftler und Ingenieure suchen verzweifelt nach Antworten auf die Frage, wie die fortschreitende Desinformation der Bevölkerung aufgehalten werden kann. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten wir so einfach Zugang zu Informationen, und gleichzeitig wird es immer schwieriger, Fakten von Unwahrheiten zu unterscheiden.

Auch WhatsApp ist zum zweifelhaften politischen Werkzeug geworden
Der Begriff «Fake News» ist spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016 nicht mehr aus den Medien wegzudenken und es scheint, als müssten wir uns daran gewöhnen, dass er mit jeder neuen Wahl und jeder Abstimmung irgendwo in der Welt an neuer Aktualität gewinnt. Neue Technologien haben der Verbreitung von Falschinformationen mit dem Ziel, Menschen zu manipulieren und politische Gegner oder ganze Bevölkerungsgruppen zu diskreditieren, viel grössere Durchschlagskraft ermöglicht. Neben Facebook und Twitter ist auch der in der Schweiz mit Abstand beliebteste Messenger WhatsApp zum zweifelhaften politischen Werkzeug geworden – auch wegen des brasilianischen Präsidentschaftskampf. Das Kampagnenteam des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro steht unter begründetem Verdacht, WhatsApp-Gruppen mit Falschnachrichten geflutet haben. Derzeit läuft ein Verfahren gegen ihn und seine Wahlhelfer.

In Lissabon herrschte Konsens darüber, dass die Tech-Giganten Verantwortung übernehmen müssen. Christopher Wylie, der Whistleblower und ehemalige Forschungsleiter von Cambridge Analytica, hat in einem vielbeachteten Panel noch einmal die Vorgänge und die Involvierung von Facebook in den Datenskandal rund um die US-Wahlen von 2016 und um das Brexit-Referendum aufgerollt. Ironischerweise durfte der damalige CEO von Cambridge Analytica, Alexander Nix, vor einem Jahr noch am Web Summit auf der Bühne stehen und von den Erfolgen seiner Firma schwärmen. Unterdessen musste Cambridge Analytica Insolvenz anmelden.

Whistleblower Wylie sagte, die Politik und die Behörden seien völlig überfordert von den raschen technologischen Entwicklungen. Seit seinem «Outing» wird er nicht nur als Zeuge vernommen, sondern er amtet auch als Berater der amerikanischen und britischen Behörden, damit diese die technologischen Hintergründe des Skandals überhaupt verstehen. Wylie sieht denn auch die Wissenskluft zwischen den Tech-Unternehmen und den staatlichen Instanzen, welche diesen theoretisch auf die Finger schauen sollen, immer grösser werden. Wylie fordert Regulierungsmassnahmen für die Tech-Branche durch Staaten und Staatengemeinschaften. Provokativ fragt er: «If we can regulate nuclear power, why can’t we regulate some f…ing code?» Anders als Anwälte, Ärzte, Krankenpfleger, Banker etc. hätten sich die Ingenieure im Silicon Valley nämlich kaum an Regeln und Codes of Conduct zu halten.

Der russische Präsident Putin setzt Social-Media-Krieger ein
Tony Blair, Ex-Premierminister des Vereinigten Königreichs, äusserte sich im Gespräch mit Brad Smith (Präsident von Microsoft), ähnlich. Die Strukturen in der Politik seien immer noch vergleichbar mit jenen zu seiner Zeit als Premierminister, und das ist mittlerweile mehr als 10 Jahre her. Auch Blair sprach sich für Regulierungen und gar für Sanktionen gegen Tech-Firmen aus. Smith betonte, dass die Zeiten des «Move fast and break things» vorbei seien.

Die Notwendigkeit von Regulierungen scheint also auch von der Tech-Szene erkannt worden zu sein. Aber was heisst das konkret? Antworten auf diese Frage waren in Lissabon rar. In Frankreich wurde immerhin bereits Ende November ein Gesetz gegen die «Manipulation von Informationen» verabschiedet. Damit soll es möglich werden, Falschmeldungen im Vorfeld von Wahlen rasch und unkompliziert zu unterdrücken. Denn der russische Präsident Wladimir Putin wird verdächtigt, seine Social-Media-Krieger gegen den später siegreichen Macron eingesetzt zu haben. Mitunter auch aus diesem Grund hatte die EU ihre Task-Force zur Entlarvung von Desinformationen aufgestockt. Erst letzte Woche hat diese einen Aktionsplan veröffentlicht, wie sie die Verbreitung von «Fake News» vor allem aus Russland, aber auch aus anderen totalitären Staaten, eindämmen will. Gleichwohl: Diese Regulierungen sind nicht trivial. Es besteht die Gefahr, dass die Meinungsäusserungsfreiheit willkürlich beschnitten wird. Mache wittern Zensur.

In Lissabon sahen einige Referenten die Lösung bei der Technologie-Branche selber. Technologie sei nicht neutral. Das Businessmodell von Facebook und Twitter basiert darauf, uns möglichst Inhalte zu zeigen, die wir mögen. Eine Anpassung des Algorithmus wäre aber jederzeit möglich, so dass auch Artikel aus anderen Filterblasen im eigenen Newsfeed lesbar würden. Auch ein Ratingsystem für Artikel sowie die Analyse der erhaltenen Likes zu einem Post wären denkbar.

Aber Regulierungen und technische Anpassungen werden nicht ausreichen. Die Globalisierung, die Wirtschaftskrise von 2008 und Donald Trump haben das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger in die Politik, in die Medien und in die sogenannten «Eliten» erschüttert – es wird so schnell nicht wiederhergestellt werden können. Zumal sich die Verbreiter von Falschinformationen genau dieses Misstrauen politisch zunutze machen.

Werden
die «Gilets Jaunes» aus Moskau unterstützt?
Die «Gilets Jaunes» in Frankreich schrecken selbst vor Gewalt nicht zurück. Es erscheint leider unausweichlich, dass einmal mehr die extremen Parteien die Profiteure dieser Bewegung sein werden. Die «Gilets Jaunes» haben sich fast ausschliesslich online mobilisiert. Unterstützt wurden sie dabei möglicherweise aus dem Ausland, wie etwa Bloomberg recherchiert hat. Interessante Aspekte in diesem Zusammenhang veröffentlichte ein auf Sicherheits- und Privacy-Fragen spezialisierter Blog: Auch dort ist man der Ansicht, dass russische Propagandaspezialisten ihre Finger im Spiel haben könnten. Klar, dass die von der Regierung kontrollierte «Russia Today» dies sogleich wieder dementierte.

Die Diskussionen in Lissabon haben eines gezeigt: Es ist noch viel zu früh, Entwarnung in Sachen «Fake News» zu geben. Dazu kommt, dass die Entwicklung der Technologien den Verbreitern von Falschinformationen immer neue und immer durchschlagskräftigere Instrumente in die Hände spielen: Es existiert bereits Software zum Erstellen täuschend echt aussehender, aber in Wirklichkeit gefälschter Videos. Man spricht dabei von «Deepfakes». Plötzlich könnten z. B. Politikern beliebige Aussagen in den Mund gelegt werden. Solche Manipulationen hätten verheerende Auswirkungen auf die liberalen Demokratien.

Autor: Dominic Tschupp und Patrick Blaser

Links:
Der Web Summit 2018 auf YouTube

Ann Mettler am Web Summit 2018


Christopher Wylie am Web Summit 2018

Tony Blair am Web Summit 2018