Fünf Drinks für die «Nacht der langen Messer»

Rückblick auf legendäre Bundesratswahlen.

Die Bundesratswahlen vom 9. Dezember 2015. (Bild: Parlamentsdienste 3003 Bern)

Bundesratswahlen sind dann spannend, wenn sie nicht nach Parteidrehbuch ablaufen. Die grössten Nervenkitzel der Vergangenheit - und fünf Drinkempfehlungen für die Nacht vor dem Wahltag.

Ladykiller

Nach dem abrupten Tod von Bundesrat Willi Ritschard 1983 ist für die SP sonnenklar: Eine Frau muss die Nachfolge antreten. Nominiert wird die Zürcher Nationalrätin Lilian Uchtenhagen, aber die Bürgerlichen haben andere Pläne. Sie suchen innerhalb des rechten SP-Flügels nach Sprengkandidaten und wählen am Ende Otto Stich in die Landesregierung.

Stich sagt später, er habe nur deshalb nicht im Voraus abgesagt, weil er nie an eine Chance geglaubt hätte. Die Genossen verzeihen ihm nie, dass er die Wahl annimmt. Als sie zwei Monate später einen Grundsatzentscheid über einen Austritt aus der Regierung fällen, obsiegt aber die Parteiräson.

Seit der Nichtwahl Uchtenhagens ist die "Nacht der langen Messer" ein stehender Begriff in Bundesbern. Ein Drahtzieher ist FDP-Nationalrat Felix Auer, der am Vorabend des Wahltags in den Wirtshäusern gegen Uchtenhagen mobilisiert. Offensichtlich mit viel Erfolg, denn der Coup wird alles andere als eine Zitterpartie. Stich erreicht schon im ersten Wahlgang mit 124 Stimmen das absolute Mehr, Uchtenhagen erhält 96 Stimmen.

Rezept Ladykiller: 3 cl Gordon's Gin, 1,5 cl Cointreau, 1,5 cl Bols Apricot Brandy, 6 cl Passionsfruchtsaft, 6 cl Ananassaft, Eiswürfel. Garnieren: 1 Orangenschalenspirale, 1 Cocktailkirsche, 2 Minzeblätter. (Quelle: Peter Roth / Kronenhalle)

Sundowner

Nur wenige Bundesratswahlen wurden von öffentlichen Kundgebungen begleitet. Die Nichtwahl der Genfer SP-Nationalrätin Christiane Brunner 1993 löst landesweit und weit über das linke Lager hinaus Proteste aus. Die Bundesversammlung wählt statt der von der Fraktion nominierten Gewerkschaftsfunktionärin und Frauenrechtlerin den Neuenburger Nationalrat Francis Matthey. Die 117 Stimmen für Matthey bereits im ersten Wahlgang zeigen, dass die Absprachen im bürgerlichen Lager gut funktionieren. Anders als Otto Stich zehn Jahre zuvor nimmt der Nationalrat aus Neuenburg die Wahl nicht an.

Die SP schiebt Ruth Dreifuss in die Pole-Position, die sich als "politischer Zwilling" Brunners entpuppt und sich auch so inszeniert: Genferin, Sozialdemokratin, Gewerkschafterin. Die Sonne, welche die Kandidatin und die Nichtgewählte in Form einer Brosche tragen, wird zum Protestsymbol. Eine Woche später wird Dreifuss im dritten Wahlgang gewählt. Fraglich ist, ob Brunner im Bundesrat wirklich linker politisiert hätte als ihre "Zwillingsschwester". Jedenfalls trägt Dreifuss auch im Bundesrat noch lange eine Sonne.

Rezept Sundowner: 1 cl Grenadinesirup, 1 cl Zitronensaft, 4 cl Orangensaft, 8 cl Cranberrysaft, 6 cl Wodka, Eiswürfel.

Appenzeller Sour

Nach den Parlamentswahlen 2003 stellt die SVP die anderen Parteien vor die Wahl: Ein zweiter SVP-Bundesrat in der Person von Christoph Blocher, oder die Partei geht in die Opposition. Die FDP ist bereit, der SVP auf Kosten der CVP zu einem Sitz zu verhelfen, der ihr nach den Regeln der arithmetischen Konkordanz auch zusteht. Soll Ruth Metzler oder Josef Deiss bleiben?

Blocher setzt sich im dritten Wahlgang gegen Metzler mit 121 zu 116 Stimmen durch. Deiss' Wiederwahl folgt erst danach. In ihrem Buch "Grissini und Alpenbitter" wirft Metzler später der eigenen Parteiführung vor, diese habe sie zugunsten von Deiss fallengelassen. Die Abwahl Metzlers im Kapitel "Ladykiller" abzuhandeln, wäre übrigens falsch. Entscheidend war nicht die Geschlechterfrage. Viele Linke wählten den Ökonomieprofessor Deiss wieder, weil Metzler ihnen zu wirtschaftsnahe war.

Rezept Appenzeller Sour: 4 cl Alpenbitter, 4 cl Zitronensaft, 2 cl Zuckersirup, Limettenscheibe, Eiswürfel.

Knock-out

Im Vorfeld der Erneuerungswahl 2007 gibt es in fast allen Parteien Stimmen, die sich offen oder hinter vorgehaltener Hand für die Abwahl Christoph Blochers aussprechen. Wie viele es sind, wie gut sie hinter den Kulissen koordiniert werden und wer Blocher ersetzen soll, wird sich erst spät herausstellen.

Der Name Eveline Widmer-Schlumpf macht am Vortag der Wahl in Bern die Runde. Am Abend wird klar, dass das Gerücht einer Bündner Regierungsrätin als Sprengkandidatin ernst zu nehmen ist. Strippenzieher ist SP-Nationalrat Andrea Hämmerle, der den Kontakt zu Widmer-Schlumpf hergestellt hat. Nebst gewissen SP-Exponenten lobbyiert auch die CVP-Spitze für die Sprengkandidatin. Die FDP will offiziell nichts mit dem Manöver zu tun gehabt haben, aber der Name Widmer-Schlumpf steht am Ende auch auf einigen freisinnigen Wahlzetteln. 125 Stimmen gehen im zweiten Wahlgang an die abwesende Bündner Regierungsrätin, 115 an Blocher.

Rezept Knock-out: 2 cl Pernod, 2 cl Gin, 2 cl Vermouth Dry, 1 cl Crème de Menthe (weiss), Eiswürfel.

Planter's Punch

Auch im Vorfeld der Ersatzwahl von Bundesrat Samuel Schmid 2008 machen Gerüchte über einen Sprengkandidaten die Runde. Anders als Eveline Widmer-Schlumpf erklärt der von Mitte-Links umworbene SVP-Nationalrat Hansjörg Walter, er würde im Fall einer Wahl ablehnen. Offizieller und einziger SVP-Kandidat ist Ueli Maurer.

Hansjörg Walter, Thurgauer Landwirt und Präsident des Bauernverbands, erhält im ersten Wahlgang 109 Stimmen, Ueli Maurer nur 67 und Christoph Blocher 54. Mit nur einer Stimme Vorsprung auf Walter zieht Maurer schliesslich in die Landesregierung ein. Der Nichtkandidat gesteht im Nachhinein, dass es ihm schwergefallen wäre, das Amt abzulehnen.

Rezept Planter's Punch: 5 cl brauner Rum, 2 cl Zitronensaft, 1 cl Grenadinesirup, 6 cl Orangensaft, 6 cl Ananassaft, Eiswürfel.

 

Dieser Artikel erschien am 19. September 2017 in der «Neuen Zürcher Zeitung»Hier der Link zum Beitrag.

Autor: Simon Gemperli, bis Ende 2017 NZZ-Redaktor