«Extremsport kann süchtig machen»

An der Patrouille des Glaciers, am härtesten Tourenskiwettkampf der Welt, stossen die Teilnehmenden an ihre Grenzen. Warum tun sie sich diese Strapazen an? Dr. Hanspeter Gubelmann (53), Fachpsychologe für Sportpsychologie FSP und Dozent an der ETH in Zürich, erklärt, wie Extremsportler ticken.

Kompetente Stimme: Dr. Hanspeter Gubelmann sagt, dass er aus moralisch-ethischen Gründen die Zusammenarbeit mit einem Basejumper ablehnen würde. (Bilder: ZVG)

Wie definieren Sie Extremsport?
Hanspeter Gubelmann: Eine messerscharfe Definition ist schwierig. Grundsätzlich geht es um eine sportliche Herausforderung im Grenzbereich physischer und psychischer Belastung in Verbindung mit hohen oder gar höchsten Risiken für Leben und Gesundheit. Der deutsche Sportpsychologe Henning Allmer hat schon im Jahr 1995 eine noch heute gebräuchliche Systematisierung vorgeschlagen. Er schrieb: «Zusammengefasst sind für Extrem- und Risikosportaktivitäten ausserordentliche Strapazen, ungewohnte Körperlagen und -zustände, ungewisser Handlungsausgang, unvorhersehbare Situationsbedingungen und lebensgefährliche Aktionen charakteristisch.» Im Gegensatz zu früher ist Extremsport heute vermehrt medial inszeniertes, gesponsertes Spektakel.

Was sagt die Teilnahme an der Patrouille des Glaciers über die Psyche eines Teilnehmers aus?
Jede Sportart hat ein spezifisches mentales Anforderungsprofil. Die zentralen psychischen Fähigkeiten, die es braucht, um die Patrouille des Glaciers zu bestehen, sind aus meiner Sicht: Selbstvertrauen, ausgeprägte Willensfähigkeit, emotionale Robustheit und ein hohes Mass an Resilienz. Wer sich in sportliche Grenzbereiche der menschlichen Leistungsfähigkeit wagt, muss sich zwingend mentale Trainingsstrategien zugelegt haben. Dazu zählen unter anderem Aufmerksamkeitskontrolle, positive Selbstgespräche, Umgang mit negativen Gedanken und Emotionen, Selbstaktivierung sowie das Aneignen von leistungsunterstützenden Automatismen.

Wie kann ein Sportpsychologe einen Sportler beeinflussen – welche Techniken kommen dabei zur Anwendung?
Aufgrund des Anforderungsprofils der Extremsportart und angepasst auf die Bedürfnisse des Athleten wird der Sportpsychologe ein entsprechendes Trainingsprogramm entwickeln. Beim Base-Jumping dürfte das Erreichen eines optimalen Vorstartzustands – also der Umgang mit Nervosität, die Visualisierung der Bewegungshandlung hinsichtlich optimaler Handlungsautomatisation und anderes mehr – im Vordergrund stehen. Ein Extrembergsteiger würde vermehrt von Trainingsformen der Aufmerksamkeitsregulation – beispielweise Konzentrationstraining – oder in der mentalen Bewältigung schwierigster Situationen – sogenanntes mentales Probehandeln – profitieren können.

Gehen Extremsport und die Teilnahme als Team an der Patrouille des Glaciers überhaupt zusammen?
Eigentlich schon. Je nach Witterungsbedingungen können die 110 Kilometer zur schier unüberwindlichen Prüfung werden. Zusätzlich wirkt ein starker Mythos mit Legenden und militärischer Geschichte mit, was dem Anlass noch weiteren Anreiz beschert. Hinzu kommt der ausgeprägte Teamgedanke – normalerweise sind Extremsportler Einzelkämpfer mit höchst egozentrischer Perspektive.

Grenzerfahrung: Dr. Hanspeter Gubelmann (Startnummer 451) bestritt 2001 den Swiss Alpine Marathon in Davos.

Was motiviert Extremsportler, an ihre Grenzen zu gehen?
Aus Fachliteratur und Aussagen der Protagonisten kennen wir verschiedene Gründe, weshalb Menschen derart an ihre Grenzen gehen wollen. Ein Kernelement dabei ist unsere Sensationslust. Wissenschaftler unterscheiden zwischen «Low Sensation Seeker» und «High Sensation Seeker». Professionelle Extremsportler trainieren wie verrückt, um bei höchster sportlicher Leistung in ihrem Tun aufzugehen, um in diesem Flow-Zustand Rekorde zu brechen. Diese Lust nach immer schneller, immer höher, immer weiter gilt es für den «High Sensation Seeker» immer wieder zu stillen. Dafür lohnen sich in ihren Augen auch gesundheitliche oder soziale Risiken.

«Höher, schneller, tot»: Weshalb haben Sie diesen Titel in einem Ihrer Blogbeiträge gewählt?
Ich finde diesen Titel schlimm! Ich wurde dafür auch ziemlich heftig kritisiert. Trotzdem stehe ich dazu, weil er einer inneren Logik folgt, die in Extremsportarten mit hohem Mortalitätsrisiko offenkundig ist. Im Höhenbergsteigen über 8000 Meter spricht man von der Todeszone, die unabhängig vom Trainingszustand des Bergsteigers ihre Opfer fordert. Das kumulierte Risiko, wenn also ein rekordgetriebener Extremsportler immer wieder dorthin zurückkehrt, fordert leider oft im Alter über 40 Jahren seinen Tribut. Der renommierte Höhenmediziner Oswald Oelz bringt es auf den Punkt: «Irgendwann passiert es auch den Allerbesten. Irgendwann schlägt die Statistik zu.»

Nehmen Extremsportler den Tod in Kauf?
Für mich als Sportpsychologe eine sehr interessante Frage, die aber letztlich jeder Extremsportler für sich selbst beantworten muss. Fakt ist, dass jede Extrembergsteigerin oder jeder Basejumper mit dem Tod regelmässig konfrontiert wird – eben aufgrund wiederkehrender Hiobsbotschaften von tragisch verunglückten Kollegen. Zudem gehe ich davon aus, dass sie mit ihren engsten Vertrauten und Lebenspartnerinnen über die hohen Risiken sprechen, die eben auch einen möglichen Unfalltod miteinschliessen. In seinem letzten Interview vor seinem tödlichen Absturz soll Ueli Steck gesagt haben: «Scheitern heisst sterben.»

Würden Sie einen Extremsportler unterstützen?
Jeder Sportler und jede Sportlerin kann zu mir kommen, um ein Gespräch zu führen. Bezüglich aktiver Unterstützung im Sinne einer längerfristigen Begleitung stosse ich an moralisch-ethische Grenzen. Die Zusammenarbeit mit einem Basejumper lehne ich kategorisch ab. Auch würde ich eine 17 Jahre alte Extremsportlerin, die bis zu ihrem 20. Lebensjahr alle 14 Achttausender besteigen möchte, nicht in diesem Anliegen unterstützen. Reizvoll wäre für mich hingegen die Aufgabe, einem 45 Jahre alten Extremalpinisten den Ausstieg aus seiner Karriere zu erleichtern.

Weshalb ist das Interesse an Extrem- und Risikosportarten in den letzten Jahren derart gestiegen?
Aus meiner Sicht gibt es mehrere Gründe, die es je nach Sportart unterschiedlich zu gewichten gilt. Ich sehe einen Trend im Aufkommen neuer Extremsportarten wie Freerunning oder Wingsuit Flying, die einem gewissen «Zeitgeist» folgen. Ihre Entwicklung ist vor allem durch die sozialen Medien befeuert. Dank eines bekannten Getränkeherstellers werden «gut vermarktbare» Extremsportarten verstärkt finanziell unterstützt, professionell inszeniert und mediatisiert.  Natürlich erleichtern auch materialtechnische Entwicklungen den Einstieg. Vielleicht aber ist das generell gesteigerte Interesse an Extrem- und Risikosportarten auch dem einfachen Umstand geschuldet, dass viele von uns ihr beschauliches und recht sorgenfreies Leben durch ein lustbetontes Freizeiterlebnis mit besonderem «Kick-Faktor» dynamisieren wollen.

Kann Extremsport süchtig machen?
Extremsport kann süchtig machen. Die Sucht entsteht allmählich und setzt sich aus den Teilen innerer Antrieb, Leistungsmotivation, Sensationslust und Erfolg zusammen. Aus der Sicht eines ehemals bescheidenen Leistungssportlers kann ich mir die hochemotionalen Glücksgefühle eines Extremsportlers sehr gut vorstellen, der mit neuer Bestzeit die Patrouille des Glaciers gewonnen hat. Viele wollen das immer und immer wieder erleben, darum werden sie 2020 ein weiteres Mal an den Start gehen (die Patrouille des Glaciers findet alle zwei Jahre statt, die Red.). Tatsächlich leiden Extremsportler im Falle eines Entzugs. Extremsportlerin Evelyne Binsack spricht von einer «amputierten Seele», wenn sie daran gehindert würde, ihre Leidenschaft auszuleben.

Wie können Angehörige eines Extremsportlers mit dieser Sucht umgehen?
Das ist eine zentrale und ebenso brisante Frage. Auf einen ganz einfachen Nenner gebracht, bleibt wohl nur: Es akzeptieren lernen und so gut wie möglich Unterstützung bieten.

Was ist aus ärztlicher Sicht problematisch am Extremsport?
Das fragen Sie am besten einen Sportmediziner. Für mich gilt die Formel: der grösste Teil des Trainings eines Extremsportlers ist gesundheitsfördernd – darum sind sie ja auch so fit, widerstandsfähig und gesund. Darüber hinaus ernährt sich der Extremsportler richtig und achtet sehr sorgsam auf beste Erholung. Absolut gesundheitsschädlich hingegen ist der Wettkampf oder der Rekordversuch. Das gilt im Übrigen auch für jeden Hobbyläufer, der einmal im Jahr einen Marathon laufen möchte.

Existiert im Wortschatz eines Extremsportlers das Wort «Restrisiko»?
Ja, das gibt es. Kritiker des Extremsports sprechen vom «kalkulierten Wahnsinn» und beziehen sich dabei auf das nicht durch den Sportler selbst beeinflussbare Restrisiko wie Steinschlag, Lawinen oder die Folgen von Fehlern anderer. Extremsportlerin Evelyne Binsack sieht das auch so: «Und wenn auf diesem Niveau etwas schiefgeht, kann das eben auch fatale Folgen haben.»

Warum betreiben Top-Manager Extremsport?
Top-Manager bringen höchste Motivationsfähigkeit, Robustheit, Fokussierung und Selbstvertrauen mit für ihre berufliche Tätigkeit. Alles Fähigkeiten, die gepaart mit einer Portion Egoismus auch den Extremsportler charakterisieren. Manager finden im Extremsport zudem einen spannenden Lebensbereich, um eigene Grenzen auszuloten. Die Versuchung, Top-Management und Extremsport zu verbinden, kann gross werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Überbeanspruchung erachte ich aber als hoch riskant.

Inwiefern könnte eine Teilnahme an der Patrouille des Glaciers den Führungsstil eines Top-Managers beeinflussen?
Ich glaube nicht, dass die Bewältigung einer Patrouille des Glaciers den Führungsstil grundsätzlich verändert. Die Erfahrung, gemeinsam und mit gegenseitiger Unterstützung die Herausforderungen des Wettkampfes zu bestehen, dürfte einen positiven Impuls hinsichtlich Teamfähigkeit geben. Diesen in den Arbeitsalltag zu übertragen, scheint ungleich schwieriger zu realisieren.

Was geht in jemanden vor, der aufgeben muss?
Das hängt im wahrsten Sinne von der «Fallhöhe des Scheiterns» sowie der physischen und psychischen Versehrtheit des Betroffenen ab. Im ersten Moment ist es ein Schockerleben, gefolgt von negativen Emotionen wie Frust, Niedergeschlagenheit und Wut, Schmerz und Tränen. So heftig diese Reaktion auch ausfallen mag, sie ist ein notwendiger Teil dessen, was ich als Sportpsychologe als «Productive Failure» bezeichnen möchte. Es setzt ein wichtiger Lernprozess ein, an dessen Ende hoffentlich stehen wird: Es ist total okay – ich habe zum richtigen Zeitpunkt aufgegeben.

Weiterführende Artikel:
Die Lust am Risiko
Von der (Extrem-) Sportpsychologie lernen: Resilienz-Diagnostik & -entwicklung
Die Sportpsychologen: Höher, schneller, tot

Gespräch: Thomas Wälti


Die Patrouille des Glaciers im Rekordfieber

So schnell wie 2018 das italienische Trio mit Robert Antonioli, Matteo Eydallin und Michele Boscacci hat im Rahmen der Patrouille des Glaciers (PdG) kein anderes Team das Rennen von Zermatt nach Verbier absolviert. Die Squadra benötigte für die 53 Kilometer lange Strecke mit 3994 Höhenmetern Aufstieg und 4090 Höhenmetern Abstieg 5:35:27 Stunden. Der alte Rekord, gehalten vom Schweizer Ensemble Florent Troillet, Martin Anthamatten und Yannick Ecoeur, stand bei 5:52:20. Auf dem zweiten Platz klassierte sich mit einem Rückstand von zehn Minuten die Schweizer Equipe mit den Wallisern Martin Anthamatten und Rémi Bonnet sowie dem Grindelwalder Werner Marti.

Bei den Frauen gab es auf der langen Strecke durch die Walliser Alpen ebenfalls einen neuen Rekord: Jennifer Fiechter (Sz) sowie die Französinnen Axelle Mollaret und Laetitia Roux erreichten das Ziel in Verbier nach 7:15:35 Stunden. Die französisch-schweizerische Patrouille unterbot die alte Bestmarke um fast zwölf Minuten.

Auf der kürzeren Strecke von Arolla nach Verbier über 26 Kilometer sowie 1914 Höhenmeter Aufstieg und 2374 Höhenmeter Abstieg sorgte das favorisierte Schweizer Team mit Déborah Chiarello, Marianne Fatton und Florence Buchs in 3:32:07 Stunden für eine neue Bestmarke. Bei den Männern siegte das Schweizer Junioren-Team mit Julien Ançay, Maximilien Drion und Pierre Mettan in der Spitzenzeit von 2:44:32 Stunden.

Die 21. Ausgabe der PdG fand vom 17. bis 21. April 2018 statt. Insgesamt 4800 Skialpinistinnen und Skialpinisten nahmen gestaffelt in 1600 Patrouillen teil. Die PdG gilt als härtester Tourenskiwettkampf der Welt. Der von der Schweizer Armee organisierte Skialpinismus-Wettkampf findet alle zwei Jahre statt. Ab 1. Juli 2018 wird Daniel Jolliet als neuer Kommandant der Patrouille des Glaciers walten. Der 56 Jahre alte Freiburger löst Oberst Max Contesse ab, der nach drei Ausgaben an der Spitze der PdG in den Ruhestand tritt.