Aufbruch im Mittelalter

Wie Zug zum Herzen des Crypto Valleys wurde und es auf die Weltkarte der zukunftsweisenden Technologien schaffte.  

Das «Crypto Valley» ist seit mehreren Jahren in aller Munde. Es bezeichnet eine Region in der Schweiz, die Start-ups im Bereich Kryptowährungen und Blockchain-Technologie aus der ganzen Welt anzieht. Heute sind es bereits über 600 Blockchain-Firmen (CV Maps). Zug ist eines der Epizentren des globalen Blockchain-Booms und erstreckt sich über die Kantons- und Landesgrenzen. Wie genau mauserte sich der zurückhaltende Kanton zum weltweiten Hotspot von Kryptowährungen und Blockchain-Technologie?

Ein plötzlicher Erfolg mit vielen hundert Jahren Vorgeschichte
Der Aufstieg des Crypto Valleys ist eine klassische Geschichte eines vermeintlichen Erfolgs über Nacht, der viele Jahre Vorarbeit brauchte. Die Transformation von Zug zum Crypto Valley erforderte Mut, Erfindungsreichtum und Durchhaltevermögen. 

Zug war lange unter der Herrschaft der Habsburger. Im Jahre 1415 erkämpften die mutigen Zugerinnen und Zuger in zahlreichen blutigen Schlachten ihre Unabhängigkeit. Die Idee einer dezentral organisierten Demokratie würde später wunderbar einhergehen mit dem Ethos der Blockchain Technologie.

Was hat die Schlacht am Morgarten mit dem Crypto Valley zu tun? (Bild: Wikimedia, Schachtlerenchronik)

Vom Armenhaus der Schweiz zur reichsten Region
Nach ihrer Unabhängigkeit von den Habsburgern litten die Zuger während Jahrhunderten bittere Armut. Bis in die 1860er-Jahre galt Zug als das Armenhaus der Schweiz mit dem tiefsten Einkommen und den meisten Schulden pro Kopf. Erst nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) kam Wohlstand in die Region, allerdings durch mehrere buchhalterische Tricks.

Die Zuger Kantonsregierung führte 1921 als eine der ersten der Schweiz das Holdingprivileg ein, das Holdingfirmen mit Zuger Sitz erlaubte, keine Einkommenssteuer und nur Kapitalgewinnsteuer zu bezahlen. Ein weiterer Meisterstreich der Zuger war die Einführung der Gemischten Gesellschaft: Firmen, die mehr als 80 Prozent ihres Einkommens im Ausland erwirtschaften, bezahlen weniger Steuern. Diese beiden Steuerprivilegien waren der Beginn des Zuger Aufschwungs. 

Es dauerte ein paar Jahre, bis internationale Firmen den Weg in die Schweizer Berge fanden. Sobald sie jedoch auf Zug aufmerksam wurden, zogen Zugs Einnahmen rapide an. Unter den multinationalen Firmen mit Hauptquartier in Zug sind Siemens, Nestlé, Glencore Xstrata, Shell, BP und viele mehr. Zug ist auch einer der weltweit wichtigsten Umschlagplätze für Rohstoffe wie Erdöl und Kaffee.

Wie sich Zug in knapp 90 Jahren entwickelt hat: Luftaufnahmen von 1922 (links) und 2010. (Bilder: Stadt Zug)

Seit Beginn der 1980er-Jahre zogen die günstigen steuerlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen internationale Investitionsfirmen und Hedge-Fonds an. Als schliesslich die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) 2014 erklärte, dass sie von einer formalen Regulierung der Kryptowährung Bitcoin absehen würde, schuf die Schweiz als eines der ersten Länder der Welt Rechtssicherheit für Kryptofirmen. 

Zugs früher Link zur Kryptographie
Lange vor der Erfindung von Bitcoin etablierte Zug bereits seinen ersten Link zur Kryptographie. Boris Hagelin (1892-1923), ein schwedischer Ingenieur und Erfinder, der fünf Sprachen fliessend sprach, stellte mechanische Verschlüsselungsmaschinen in seinem Heimatland her. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog er nach Zug und gründete dort die Crypto AG, noch heute ein Pionier in Verschlüsselungssystemen. Die Firma brachte einen geheimnisvollen Nimbus ins verschlafene Bergdorf. Hagelin versorgte unter anderem die US-Armee und die National Security Agency (NSA) mit kryptographischen Systemen. 

Crypto Valley: Ein Nährboden für Blockchain-Start-ups
Zugs niedrige Steuern, die rechtliche Sicherheit, die Offenheit, Neues auszuprobieren, und das wachsende Netzwerk von Finanz- und Rechtsdienstleistungsfirmen stellte sich als perfekter Nährboden für die entstehende Krypto- und Blockchain-Bewegung heraus. Als Bitcoin 2009 die Ära der Kryptowährungen einläutete, wurden Unternehmer in dem jungen Sektor schnell auf Zug als idealen Standort für ihre weltverändernden Ideen aufmerksam.

Trotz seiner Popularität ist der Ursprung des Namens «Crypto Valley» ungewiss. Höchstwahrscheinlich entstand er in einer Sitzung mit den Zuger Kantonsbehörden und einer Gruppe von Unternehmern. Diese diskutierten die Idee, in Zug ein Ökosystem wie in Kaliforniens Silicon Valley mit dem Fokus auf Blockchains und Kryptowährungen aufzubauen und dieses Crypto Valley zu nennen.

Die Crypto-Börse Bitcoin Suisse wurde als eines der ersten Projekte 2013 in Zug gegründet, die Kryptowährung Ethereum installierte kurz darauf eine Stiftung und ihr Hauptquartier in der Stadt. Ethereums Gründer, Vitalik Buterin, lebt inzwischen in Singapur, doch die Tatsache, dass Crypto Valley ein Mega-Projekt wie Ethereum möglich machte, trägt zum Mythos der Region bei. Ethereum ist heute rund 22 Milliarden Dollar wert (Coinmarketcap). Diese Erfolgsstory hat eine beispielslose Sogwirkung.

Hauptsitz und WG von Ethereum in Zug. (Bild: Mihail Alisie)

Im Juli 2016 setzte die Stadt Zug einen weiteren Weltrekord: Die Zuger Stadtverwaltung war die erste Regierungsbehörde der Welt, die Bitcoins für kleinere Transaktionen akzeptierte (Handelszeitung, 2018). Bereits mehrere hundert Crypto-Projekte hatten sich bis dahin in der Region angesiedelt und mehrere regionale Interessenvertreter gründeten die Crypto Valley Association (CVA) im Januar 2017. Darunter waren Lakeside Partners (jetzt CV VC), Bitcoin Suisse, die Hochschule Luzern (HSLU), Luxoft und Thomson Reuters.

Bei der Zuger Stadtverwaltung werden Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptiert. (Bild: Stadt Zug)

Die Zukunft des Crypto Valley
Das Crypto Valley beherbergt heute ein milliardenschweres Ökosystem mit rund 600 Crypto-Start-ups und -Stiftungen, darunter einige der grössten Namen der Branche wie ConsenSys, Shapeshift, Dfinity, Aragon, Bancor und viele mehr (CV Maps).

Was macht nun den Erfolg des Crypto Valleys aus? Kryptoaffine Regulation, direkte Demokratie und Dezentralisierung, kurze Wege zwischen Unternehmern und der Regierung sowie das reichhaltige Angebot von Dienstleistungen für Blockchain-Firmen sind entscheidende Faktoren. Die Region ist heute ein multikultureller Schmelztiegel mit Inkubatoren, Konferenzen, Wettbewerben, Risikokapitalisten, Kryptoanwälten und Co-Working-Spaces. Mit seiner langen Geschichte und Erfolgsbilanz hat das Crypto Valley eine goldene Zukunft vor sich.

Autor: Manuel Stagars

Dieser Beitrag erschien Ende September 2018 erstmals auf Englisch auf www.cvvc.com.