«Umgebt Euch mit jungen Unternehmern»

Nathalie Manac’h, Gründerin von Nat Coffee und ehemalige Diplomatin in Westafrika, über das Unternehmertum, die Rolle der Frauen in der Wirtschaft und wie aus ihrer Leidenschaft zu Kaffee und Myanmar ein Start-up entstand.

Nathalie Manac’h, Unternehmerin und Gründerin Nat Coffee.

Hat die Geschichte von Nathalie und Nat Coffee in einer Kaffeebohne Platz?
Ich habe meine Leidenschaft für Kaffee zum Beruf gemacht. Nat Coffee importiert Kaffeebohnen aus fairem und nachhaltigem Anbau in Myanmar (ehemals Burma) und röstet diese in Partnerschaft mit Boréal Coffee Roasters in der Schweiz. Die ersten Schiffscontainer verlassen den Hafen von Yangon (Rangun) voraussichtlich im April 2017. Ab nächstem Sommer wird unser Kaffee in unserem Webshop und bei Boréal Coffee Shop erhältlich sein.

Sind Sie als Jungunternehmerin auf das harte Pflaster des Kaffeehandels vorbereitet?  

Die guten buddhistischen Nat-Geister aus Myanmar stehen mir zur Seite. Spass beiseite: «Wer etwas erreichen will, muss etwas unternehmen». An diesem Leitsatz des Kaffee-Unternehmers Klaus J. Jacobs orientiere ich mich. Ich rate zudem allen Jungunternehmerinnen: Umgebt Euch mit Jungunternehmern, welche tendenziell eine liberale Haltung gegenüber Frauen in der Wirtschaft haben und Eure Aufstiegschancen fördern können.

Gibt es im Schweizer Kaffeemarkt Platz für ein Start-up?  

Auf jeden Fall. In der Schweiz wird ein Grossteil des Kaffeevolumens über traditionelle Familienunternehmen gehandelt. Die fehlende Nachfolge und junge, neue Konsumenten sind eine Herausforderung für diese Unternehmen. Start-ups bieten eine Alternative.  
 
Wie sind Sie ausgerechnet auf Kaffee aus Myanmar gekommen?

Im November 2015 wählte das burmesische Volk zum ersten Mal seit über einem halben Jahrhundert Militärdiktatur seine Regierung selber. In die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wird seither viel Hoffnung gesetzt. Sie schafft Vertrauen in der Bevölkerung und vermittelt den internationalen Handelspartnern Stabilität. Ihr Wille und ihre Geduld, das Land Schritt für Schritt in die Demokratie zu führen, faszinieren mich. Aus diesem Grund habe ich mich schon während meiner Stelle bei Volcafe über das Land und die Kaffeekultur informiert.

Wie haben Sie den Schritt von der Recherche am sicheren Arbeitsplatz zum Start-up genommen?
Zehn Tage nach den ersten demokratischen Wahlen unternahm ich die erste Reise nach Myanmar. Ich wollte vor Ort bei den Kaffeeproduzenten herausfinden, ob Kaffee mit einer hohen Qualität angebaut werde. Ich war positiv überrascht. Diese Reise hat das Projekt Nat Coffee vorgespurt. Danach habe ich den Kaffee in der Schweiz mit verschiedenen Röstereien degustiert, im Labor untersuchen lassen und im Mai 2016 am Swiss Brewers Cup der Schweizer Kaffeeszene vorgestellt. Die Reaktionen haben mich bestärkt.

Sind wir in der Schweiz bereit für Kaffee aus Myanmar?
Absolut. Die Kaffeeszene in der Schweiz ist sehr aufregend. Allein 2015 wurden fünf neue Röstereien eröffnet. Die Kunden in der Schweiz haben Lust auf «single-origin»-Kaffee und wollen aus Interesse, aber auch für ihr gutes Gewissen wissen, woher die Bohnen kommen. Dieses Erlebnis kann ich ihnen bieten.

Das hört sich jetzt aber stark nach einem Werbeslogan an.

Nat Coffee steht im direkten Kontakt mit den Kaffeeproduzenten im Ursprungsland. Ich verbringe die Kaffeesaison von Dezember bis März in Myanmar. Kaffee aus Myanmar steht für Qualität und verbindet den Kaffeegenuss mit den eigenen Träumen vom Reisen.  

Spürt man die Öffnung des Landes bei den lokalen Geschäftspartnern?

Der Hunger nach einer stabilen und erfolgreichen Wirtschaft ist bei unseren Partnern enorm gross. Die Kaffeeproduzenten sind zum Beispiel interessiert an den Wünschen der Kaffeekonsumenten in Europa und der Schweiz.

Betreiben Sie Entwicklungshilfe?

Es ist keine Hilfe, sondern eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Ich bin fasziniert von der Idee, dass wir in der Schweiz Kaffee aus Myanmar trinken und einen Beitrag an die Marktöffnung dieser jungen Demokratie leisten. Unsere Partner vor Ort sind vornehmlich junge Kaffeeproduzente, die etwas bewegen möchten.

Was ist Ihr Beitrag für eine nachhaltige Marktöffnung?

Meine Mission ist es, in meiner Wertschöpfungskette verantwortungsvollen Kaffeehandel und eine faire Produktion sicherzustellen. Bis vor zwei Jahren gab es noch gar keinen Kaffeeexport. Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen. Wir können der burmesischen Wirtschaft nicht unsere westlichen Werte «überstülpen». Meine Aufgabe ist es nur, Wissen und Werte zu teilen. Dazu gehört eine kulturelle Verständigung. Ich lerne die Sprache und gehe auf ihre Kultur ein. Das ist auch ein Anliegen der Schweizer Diplomatie in Myanmar. Unsere Botschaft unterstützt das «Myanmar Centre for Responsible Business», mit dem ich eng zusammenarbeite. Die Leitidee ist, Myanmar bei der Gesetzgebung und Regulierung für den Handel beratend zu unterstützen.

Kommt Ihnen Ihre Erfahrung aus dem Diplomatischen Dienst dafür entgegen?
Diplomatie und Handel liegen generell und speziell in Myanmar nahe beieinander. Es braucht oft die leisesten Töne der Diplomatie, um an die lautesten Personen heranzukommen. Es braucht Fingerspitzengefühl und Geduld, um mit den lokalen Behörden in einen Dialog treten zu können.

Was wird Nat Coffee in fünf Jahren erreicht haben?
Wir stehen erst am Anfang einer langfristigen Vision. In zehn Jahren werden in entlegenen Regionen Myanmar’s Kaffeeproduzenten ein zusätzliches Einkommen haben und in ihre Betriebe investieren können. In fünf Jahren werden Gäste in den angesagten Cafés in Zürich, Genf, Lugano und Yangon Nat Coffee trinken und auch der Kaffeeproduzent auf über 1200 Metern über Meer wird die Bohnen für seinen eigenen Kaffeekonsum verwenden.   


Gespräch: Cristina Schaffner