«Menschen geben miserable Sklaven ab für die Künstliche Intelligenz»

Jürgen Schmidhuber ist ein Pionier in Künstlicher Intelligenz und erläutert im Gespräch, weshalb wir uns nicht von der düsteren Science-Fiction-Literatur beeindrucken lassen sollten.

Jürgen Schmidhuber, Pionier in Künstlicher Intelligenz. (Bild: IDSIA)

Superintelligente Maschinen, selbstlernende Algorithmen und Systeme faszinieren ihn. Der 54-jährige deutsche Informatiker und Künstler Jürgen Schmidhuber ist einer der führenden Forscher in Künstlicher Intelligenz. Er studierte Informatik an der Technischen Universität München und ist seit 1995 wissenschaftlicher Direktor des Schweizer Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz IDSIA in Manno, Tessin. Schmidhubers Forschungsgruppe entwickelte (unter anderem mit seinen Studenten Hochreiter, Gers, Graves) eine Form des maschinellen Lernens, Long Short Term Memory (LSTM), auch mit Förderungsgeldern des Schweizer Nationalfonds. Davon profitieren heute die grossen Tech-Konzerne Apple, Facebook oder Google. Schmidhuber, der zu den 100 Digital Shapers der Schweiz gehört, ist verheiratet und Vater zweier Töchter.

Herr Schmidhuber, Sie erforschen die Künstliche Intelligenz. Was ist das eigentlich?
Die Wissenschaft vom automatischen Problemlösen.

Warum erleben wir gerade jetzt einen derartigen Hype?
Weil die Rechner nun so schnell sind, dass unsere «deep learning»-Algorithmen des letzten Jahrtausends alle möglichen bisher unlösbaren Problem lösen können. Und diese Algorithmen befinden sich auf 3 Milliarden Smartphones.

Wie verändert die Künstliche Intelligenz unser Leben?
Menschen werden länger, gesünder und angenehmer leben. Schon 2012, als Rechner noch zehnmal teurer waren, konnte unser Team in der Schweiz erstmals durch «deep learning» einen medizinischen Bilderkennungswettbewerb gewinnen, und zwar zur Früherkennung eines Krebses. Seither sind viele Start-ups gegründet worden die sich nur auf dieses Feld konzentrieren. Bald werden alle medizinischen Diagnostiken, so in Radiologie, CT Scan Analyse, Röntgenbildanalyse oder Biosignalanalyse, übermenschlich gut sein. Das Gesundheitswesen macht übrigens 10 Prozent der Weltwirtschaft aus. Daran können Sie die Bedeutung erahnen.

Es gibt Unternehmer und Forscher wie Bill Gates, Elon Musk oder Stephen Hawkings, die vor negativen und zerstörerischen Folgen der Künstlichen Intelligenz warnen.
Naja, damit kriegt man zumindest Schlagzeilen, selbst wenn man gar kein Experte in Künstlicher Intelligenz ist. Ich versuche, die Ängste solcher bekannter Persönlichkeiten zu beschwichtigen, wenn sich die Gelegenheit bietet.  

Jetzt haben Sie Gelegenheit.
Wenn Künstliche Intelligenzen eines Tages wirklich klug sind, werden sie sich ihre eigenen Ziele setzen. In meinem Labor ist dies heute schon der Fall. Die Künstlichen Intelligenzen werden ihr eigenes Ding drehen und irgendwann ins All auswandern, wo die meisten Ressourcen vorhanden sind. Fast alle Künstliche Intelligenzen werden bald sehr weit weg sein, und kaum etwas mit Menschen zu tun haben.

Weshalb?
Weil Menschen da nicht folgen können werden.  

Werden Künstliche Intelligenzen uns kontrollieren oder gar versklaven, wie in manchen Zukunftsromanen prognostiziert wird?
Nein. Menschen geben nämlich miserable Sklaven ab für Künstliche Intelligenzen. Diese können sich viel geeignetere Robotersklaven bauen. Man muss weniger Angst haben vor den Künstlichen Intelligenzen als vor Intelligenzen, die so sind wie man selbst. Der Mensch ist des Menschen ärgster Feind, weil Menschen Ziele teilen. Dies bedeutet Zielkonflikte und Wettstreit.

Und eine alles dominierende Künstliche Intelligenz, was halten Sie davon?
Ich erwarte eher eine unglaublich diverse Vielfalt von Künstlichen Intelligenzen, die alle möglichen automatisch generierten, rasch evolvierenden Ziele verfolgen wie in meinem Labor. Sie sind ständig bestrebt, sich anzupassen an sich rapide ändernde Nischen in der sich ausbreitenden Künstlichen-Intelligenz-Ökologie, getrieben von intensivsten Formen des Wettbewerbs und der Zusammenarbeit jenseits heutiger Vorstellungskraft.

Also werden gewisse Science-Fiction-Ideen eines Tages tatsächlich wahr werden?
Manche schon. Aber die meisten galaktischen Imperien der Science-Fiction-Romane des letzten Jahrtausends waren sehr menschenzentriert und daher höchst unrealistisch. Um beispielsweise die kurze Lebensdauer des Menschen mit den grossen Distanzen in der Milchstrasse zu vereinbaren, erfanden Science-Fiction-Autoren physikalischen Unsinn wie den Überlichtgeschwindigkeitsantrieb. Die expandierende Künstliche-Intelligenz-Sphäre allerdings wird keine Probleme mit der fundamentalen Geschwindigkeitsbegrenzung der Natur haben. Da das Universum noch jung ist und viele Male älter werden wird, bleibt wohl genug Zeit, um den gesamten heute sichtbaren Teil zu erreichen.

Landen wir wieder in der Schweiz. Wie ist sie im Hinblick auf die Digitalisierung und die Entwicklung neuer Technologien wie der Künstlichen Intelligenz aufgestellt?

In der Forschung gut. Das World Wide Web (WWW) wurde von einem Einwanderer in die Schweiz erschaffen. Die heute am weitesten verbreiteten Künstliche-Intelligenz-Verfahren wurden ebenfalls von Einwanderern in der Schweiz mitentwickelt.

Welche Länder haben gegenüber der Schweiz die Nase vorn?
Beim Wagniskapital und beim Skalieren neu gegründeter Firmen: USA und China.

In welchen Bereichen hat die Schweiz das grösste Potenzial?
Künstliche Intelligenz kombiniert mit Maschinenbau, Robotik, Internet der Dinge und Gesundheitswesen. Die Schweiz wäre hier exzellent aufgestellt, unter anderem auch im Hinblick auf den Schutz der Privatsphäre beim Trainieren von neuronalen Netzen durch Patientendaten.

Sie haben wiederholt beklagt, dass grosse technologische Innovationen in Europa und der Schweiz gemacht wurden, das grosse Geld jedoch an der Westküste der USA verdient wurde.
Ich habe das nicht wirklich beklagt, sondern eher festgestellt. Vielleicht ist das in der gegenwärtigen weltweiten Konstellation der Wirtschaftsmächte so gut wie unvermeidlich.

Woran denken Sie?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus dem eigenem Hause. Seit Mitte 2017 gilt: Die fünf wertvollsten börsennotierten Firmen der Welt (Apple, Alphabet/Google, Microsoft, Facebook, Amazon) betonen alle, wie zentral Künstliche Intelligenz für sie sei. Sie verwenden alle in massiver Weise unsere Künstliche Intelligenz aus dem Voralpenland, insbesondere das «Deep Learning»-Verfahren «Long Short-Term Memory (LSTM)». Dieses hat mein Team seit den 1990ern an der Technischen Universität München und am IDSIA in der Schweiz entwickelt. Dieses Verfahren steckt mittlerweile in drei Milliarden Smartphones und wird jeden Tag weltweit milliardenfach genutzt. So ein LSTM ist am Anfang ganz dumm, doch durch Erfahrung wird es klug und lernt, alle möglichen Probleme zu lösen, ein wenig wie ein Hirn. Hier sechs Beispiele:

  • LSTM macht seit 2015 Googles Spracherkennung auf nun über 2 Milliarden Android Smartphones.
  • LSTM ist zentral für das stark verbesserte Google Translate seit 2016.
  • Schon 2016 wurden fast 30 Prozent der enormen Inferenzkraft in Googles Datenzentren für LSTM verwendet.
  • Facebook macht seit 2017 pro Tag 4,5 Milliarden Übersetzungen mit LSTM.  
  • LSTM erzeugt seit 2016 auch die Frauenstimme von Amazons Alexa (keine Tonaufnahme).
  • LSTM steckt seit 2016 in Apples Siri & QuickType auf fast einer Milliarde iPhones.


Was heisst das für die Schweiz? Wo muss die Schweiz umdenken?
Sie muss umdenken, und zwar beim Wagniskapital und beim Ermöglichen des Skalierens neu gegründeter Firmen.

Wo sehen Sie die Aufgaben der Wissenschaft?
Neue Erkenntnisse zu gewinnen und damit die Grundlage für die Zukunft zu legen.

Die Aufgabe der Wirtschaft?
Gewonnene Erkenntnisse kommerziell umzusetzen.

Worin besteht die Rolle des Staats, der Politik, um die Digitalisierung voranzutreiben?
In der Förderung der beiden obigen Punkte. Und dem Finden sozialverträglicher Antworten auf die technologischen Umwälzungen.

Welches ist Ihrer Meinung nach das vordringlichste Digitalisierungsprojekt der Schweiz?
Die Schweiz sollte ein umfassendes Künstliche-Intelligenz-Programm auf die Beine stellen, das die bereits existierenden Stärken KI / Vernetzung / Robotik / Maschinenbau / Gesundheitswesen und die bestehenden Institute eng miteinander verknüpft. Zudem müsste ein schweizweites Netz von KI-Laboren ins Leben gerufen werden und es sollten entsprechende online-Vorlesungen und Bildungsprogramme etabliert werden. Für die Start-ups und Firmen, die sich in diesen Bereichen bewegen, muss das Leben vereinfacht werden.

Wo ist die Schweiz in zehn Jahren?
Nahe bei den Alpen.

Gespräch: Pascal Ihle