«Druck setzt die schönsten Emotionen frei»

Im zweiten Teil des Gesprächs spricht Christoph Spycher über die Champions League. Der YB-Sportchef blickt zurück auf das Auftaktspiel gegen Manchester United (0:3), schaut voraus auf einen möglichen Transfer und sagt, warum er Druck nicht als Belastung, sondern als Ansporn empfindet.

Starke Gefühle: Christoph Spycher verabschiedet sich am 18. Mai 2014 im Stade de Suisse von den YB-Fans. (Bild: Keystone/Marcel Bieri)

Was bedeutet die erstmalige Champions-League-Qualifikation für Sie als Sportchef?
Die Qualifikation für die Champions League ist ein wichtiger Schritt für den Verein und eine Belohnung für Spieler und Mitarbeiter. Aus finanzieller Sicht betrachtet, können wir die mittelfristige Planung nun mit mehr Sicherheit angehen. An unserer Philosophie werden wir nichts verändern, denn wir wollen uns von der Champions League nicht blenden lassen. Es liegt uns fern, Manchester United, Juventus Turin oder Valencia nachzueifern. Wir sind ein ganz anderer Verein als unsere Gruppengegner.

Was bedeutet Ihnen Geld?
Geld ist nicht das Wichtigste im Leben. Es kann aber – wenn viele andere Sachen stimmen – gewisse Dinge erleichtern. Geld ist auch Teil einer Wertschätzung. Jeder möchte doch so entlöhnt werden, wie er es für richtig hält. Für mich ist der Schlüssel zum Glück nicht das Geld, sondern die Familie. Ich bin mir aber sehr wohl bewusst, dass Geld für jene Menschen, die ums Überleben kämpfen, eine ganz andere Bedeutung hat.

Die Qualifikation für die Champions League spült 30 Millionen Franken Bruttoeinnahmen in die Kasse. Was macht YB mit all dem Geld?
Wie gesagt, wir können eine Basis legen für die mittelfristige Zukunft. Aus wirtschaftlichen Gründen können und wollen wir den Weg der Vernunft nicht verlassen, sonst gibt es in zwei, drei Jahren ein böses Erwachen. Die Qualifikation für die Champions League generiert auch Kosten: So müssen wir zum Beispiel Prämien bezahlen oder bei entsprechenden Transfers Bonuszahlungen leisten. 

Die Teilnahme an der Champions League sorgt dafür, dass Bilder des Vereins um die Welt gehen. Wie kann YB über die sechs Auftritte in der fussballerischen Königsklasse hinaus profitieren?
Die Teilnahme an der Champions League könnte uns in der Tat neue Sponsoren bescheren. Als Champions-League-Vertreter können wir auf dem Transfermarkt womöglich stärker auftrumpfen und auch mal einen Spieler verpflichten, der in der Vergangenheit nicht zu uns gekommen wäre. Es ist aber nicht so, dass uns die Teilnahme an der Champions League hilft, neue Märkte zu erschliessen. Im europäischen Spitzenfussball richtet sich alles nach den aufstrebenden Märkten in Asien und Nordamerika. Diese Märkte sind für uns als kleiner Player aber unbedeutend. 

Welche Risiken birgt die Teilnahme an der Champions League für YB – Klubs wie der FC Thun, Sturm Graz (Ö) und Unirea Urziceni (Rum) hatten Mühe, mit dem Erfolg und den Begleiterscheinungen umzugehen und verschwanden zwischenzeitlich von der europäischen Fussball-Bühne?
Die Teilnahme an der Champions League birgt für uns kein Risiko, denn wir wissen, dass wir nicht vom eingeschlagenen Weg abweichen werden, der uns stark gemacht hat. Natürlich wird es nicht immer nur aufwärts gehen. Es wird auch Momente geben, in denen wir leiden müssen. So ist das Leben.

Wie gehen Sie mit dem Druck um?
Viele Menschen empfinden Druck als negativ. Für mich ist Druck ein Ansporn. Druck setzt die schönsten Emotionen frei. Mir sind jene Spiele in Erinnerung geblieben, in denen es um sehr viel gegangen ist. So zum Beispiel um eine WM- oder EM-Qualifikation oder um den Schweizer-Meister-Titel. In solchen Spielen ist die Anspannung höher als sonst, man muss sich aufs Wesentliche konzentrieren und funktionieren. Ich habe das jeweils sehr gut hingekriegt.

Der europäische Fussballverband (Uefa) denkt darüber nach, den Champions-League-Final in New York zu veranstalten. Was halten Sie von dieser Idee?
Der nordamerikanische Markt – wie auch der asiatische – ist sehr interessant für Europas Fussballverbände. Es kann deshalb nicht erstaunen, dass die europäischen Topklubs diese Märkte bespielen wollen. Ich finde es wenig prickelnd, den Champions-League-Final in New York auszutragen. Dieser Trend lässt sich aber kaum aufhalten. Spaniens «La Liga» überlegt sich, künftig ein Meisterschaftsspiel pro Saison in den USA zu veranstalten. Nicht alle spanischen Klubs und Fans sind von dieser Marketing-Idee begeistert. 

Den umgekehrten Weg hat die NHL (National Hockey League, weltbeste Eishockey-Liga, die Red.) eingeschlagen. Sie gastiert seit geraumer Zeit in Europa (Die Edmonton Oilers und New Jersey Devils bestreiten am 6. Oktober ihr Auftaktspiel als Teil der NHL Global Series 2018 in Göteborg, die Red.). Heute verschmelzen Sport und Wirtschaft miteinander. 

Im Fussball werden – auch dank dem Schaufenster Champions League – exorbitante Summen umgesetzt. Der Brasilianer Neymar wechselte für 222 Millionen Euro vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Ablösesummen hören?
Diese Summe ist irgendwie surreal, das Geschäft schwer nachzuvollziehen. Ich bin aber überzeugt, dass sich dieser Transfer auszahlen wird. Stichworte dazu sind Merchandising, Potenzial auf dem asiatischen und nordamerikanischen Markt und Persönlichkeitsrechte an Neymar (2022 findet die Fussball-WM in Katar statt – Eigentümer von Paris Saint-Germain ist die katarische Investorengruppe Qatar Sports Investment, die Red.). Wer weiss: Vielleicht werden die 222 Millionen Euro in zwei Jahren überboten. 

YBs Auftritte in der Champions League könnten den Wert der Spieler in ungeahnte Höhen treiben. Folgt bald der grosse Ausverkauf – Kevin Mbabu, Roger Assalé, Djibril Sow und Sékou Sanogo dürften längst auf dem Wunschzettel zahlreicher ausländischer Klubs stehen?
Es kommt darauf an, wie wir uns in der Champions-League-Kampagne präsentieren. Es ist möglich, dass ein Angebot eines Grossklubs eintreffen wird. Wir gehen davon aus, dass uns der eine oder andere Leistungsträger in absehbarer Zeit verlassen wird. Wir können nicht davon ausgehen, dass zum Beispiel die hochveranlagten Kevin Mbabu und Djibril Sow ihre Karrieren bei YB beenden werden.

Wie würde YB auf einen möglichen Abgang eines Leistungsträgers reagieren? 
Verliesse uns ein jüngerer Spieler, würden wir ihn mit einem ähnlichen Spielertyp ersetzen, den wir entsprechend ausbilden müssten. Wir sind uns bewusst, dass wir aus Kostengründen für Kevin Mbabu nicht gleichwertigen Ersatz holen könnten. Allerdings: Mbabu spielte vor zwei Jahren, als er zu uns gekommen war, längst nicht so stark wie heute. Sollten wir einen Führungsspieler verlieren, wären wir bestrebt, diese Lücke mit einer Persönlichkeit zu schliessen. Wir brauchen eine gewisse Anzahl von arrivierten Spielern in der Mannschaft.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vor dem Heimspiel gegen Manchester United im Stade de Suisse die Champions-League-Hymne hörten?
Es war ein schöner Moment, der mich mit Stolz erfüllte. Wir hörten die Hymne ja zum zweiten Mal im Stade de Suisse. Erstmals wurde sie im Champions-League-Playoffspiel gegen Dinamo Zagreb gespielt. Am ersten Trainingstag in diesem Sommer hatten wir den Spielern gesagt, dass wir die Hymne mehrmals in unserem Stadion hören wollen. Sie mussten hart arbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Gleichzeitig kreisten meine Gedanken um das Spiel. Ich wusste: Wir können nur etwas reissen, wenn wir über uns hinauswachsen. 

Machte es Sie stolz, als Sie sahen, wie José Mourinho, einer der bekanntesten Trainer der Welt, sein Team Manchester United in den ersten 30 Minuten mehrmals zusammenstauchte?
Das habe ich gar nicht mitbekommen. Ich war mit meinen Gedanken bei meiner Mannschaft und war zufrieden, wie sie sich in den ersten 30 Minuten präsentierte. Sie hat die Trainervorgaben gut umgesetzt. Bei aller Euphorie wusste ich aber, dass wir gegen Manchester United nicht zehn Topchancen erhielten. Wir hätten unsere Chancen nutzen sollen. 

Was hat Sie im Heimspiel gegen Manchester United am meisten berührt?
Die Stimmung im ausverkauften Stadion war beeindruckend. Die Zuschauer gingen bis zuletzt bedingungslos mit. Sie entwickelten ein feines Gespür für die Leistung der Mannschaft – trotz des brutalen Schlussresultates. 

Was haben Sie sich nach dem Heimspiel gegen Manchester United als persönliches Souvenir gesichert?
Nichts (schmunzelt).

Gespräch: Thomas Wälti

Im ersten Teil des Gesprächs geht es um eine Niederlage, aus der YB die richtigen Schlüsse zog, um die 7:1-Gala gegen den FC Basel und um YBs Zukunft: «Wir pflegen eine Wir-Kultur»


Kapitän in der Bundesliga, Sportchef beim Schweizer Meister

Nach dem Matura-Abschluss trieb Christoph Spycher seine Profikarriere als Fussballer zielstrebig voran. «Wuschu», wie er von seinen Freunden gerufen wird, bestritt für den FC Luzern (1999-2001), GC (2001-2005) und YB (2010-2014) insgesamt 236 Spiele in der NLA/Super League. Dabei schoss er zwölf Tore. Zwischen 2005 und 2010 stand Spycher beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt unter Vertrag. Er brachte es auf 129 Bundesliga-Einsätze. In der Saison 2009/2010 fungierte der in Oberscherli aufgewachsene Berner als Kapitän der Mannschaft. Bei den Frankfurtern galt er als verlängerter Arm des Trainers auf dem Feld.

Spycher absolvierte 47 Länderspiele. Der gelernte Defensivspieler nahm mit dem Schweizer Nationalteam an den Europameisterschaften 2004 und 2008 sowie an der Weltmeisterschaft 2006 teil. Auf nationaler Ebene feierte der heute 40-Jährige den grössten Erfolg 2003, als er mit GC Schweizer Meister wurde. 2006 stand er mit Eintracht Frankfurt gegen Bayern München im Final des DFB-Pokals (0:1).

Nach seinem Rücktritt im Mai 2014 unterschrieb Spycher bei YB einen Vertrag als Talentmanager. Gleichzeitig absolvierte er die Sportmanagement-Weiterbildung an der Universität St. Gallen. Er erlangte das CAS-Diplom. Seit September 2016 ist Spycher Sportchef bei den Young Boys. Mit seiner Frau Barbara und den Söhnen Dominic (10) und Claudio (8) wohnt er in Muri bei Bern. Als Hobbys gibt Spycher die Familie, Freunde und Sport allgemein an.