Nur sieben Länder setzen Klimaabkommen um

Die Musterschüler und die Sünder im Kampf gegen den Klimawandel.

Für die Eisbären wurde es als gute Nachricht begrüsst, als am 12. Dezember 2015 die internationale Staatengemeinschaft das Klimaschutz-Abkommen von Paris verabschiedete. 195 Länder und die Europäische Union kamen überein, die globale Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu begrenzen. Mehr noch: Die Vertragsparteien strebten im Kampf gegen den grösstenteils menschengemachten Klimawandel eine maximale Erwärmung von 1,5 Grad Celsius an.

Allein: Bis heute ist es bei dieser Absichtserklärung geblieben. Eine Analyse auf der Internetseite Climate Action Tracker (CAT) hat ergeben, dass gerade mal sieben Nationen ihre Hausaufgaben zum Teil gemacht haben – Marokko, Gambia, Äthiopien, Bhutan, Costa Rica, Indien und die Philippinen erfüllen ihren Beitrag zur Minderung der globalen CO2-Emissionen (siehe Grafik). Diese Länder investieren teilweise beträchtlich in erneuerbare Energien (Sonne, Wind, Wasser, Biomasse, Geothermie) und in den Abbau der Schadstoffe. Wenn alle Staaten ähnlich ambitioniert wären, würde die Erderwärmung bei unter 2 Grad Celsius begrenzt bleiben. 

Marokko und Gambia benehmen sich vorbildlich
Musterschüler sind Marokko und Gambia. Würden alle Länder dem Ambitionsniveau dieser beiden Staaten an der afrikanischen Westküste folgen, läge die Erderwärmung unter 1,5 Grad Celsius. Laut CAT fokussiert sich Gambia auf erneuerbare Energietechnologien. Die Weltbank hat im vergangenen Mai im Grossraum Banjul Solar- und Photovoltaikanlagen im grossen Stil finanziert. Ausserdem verspricht sich Gambia von der Wiederaufforstung erhebliche CO2-Einsparungen. Marokko seinerseits verfolgt eine ambitiöse Energiepolitik. Bis 2020 will das Königreich 42 Prozent seines Energiebedarfs aus Solar-, Wind- und Wasserkraft beziehen. 

Bhutan mit negativer CO2-Bilanz
Als weltweit einziges Land weist Bhutan laut National Geographic eine negative CO2-Bilanz auf. Das Königreich im Himalaya ist zu mehr als zwei Dritteln von Wald bedeckt. Durch Aufforstungsmassnahmen entnimmt Bhutan der Atmosphäre mehr Emissionen als es in anderen Sektoren ausstösst. Weshalb betrachtet der CAT Bhutan denn nicht als Vorbild für andere Staaten? «Der Climate Action Tracker bewertet das Ziel unter Ausschluss des Forstsektors, um Vergleichbarkeit zwischen den Ländern zu gewährleisten und Unsicherheiten, die der Sektor mit sich bringt, zu vermeiden», sagt die Klimaforscherin Hanna Fekete vom CAT. Um anzufügen: «Wir bewerten Bhutan trotz der CO2-Neutralität nicht als Role Model, weil sein Treibhausgasausstoss in anderen Sektoren, insbesondere in den Bereichen Energie und Transport, ansteigt.»  

Indien verblüfft
Indiens gute Klassierung, dem zweitbevölkerungsreichsten Land der Erde, mag auf den ersten Blick erstaunen. Hanna Fekete meint dazu: «Obwohl Indien insgesamt einen grossen Emissionsausstoss hat, liegt der Pro-Kopf-Ausstoss noch immer deutlich unter dem Weltdurchschnitt. Das wird sich nicht ändern, selbst wenn die Emissionen weiter steigen.» Auch sei Indiens Pro-Kopf-Einkommen vergleichsweise gering. «Indiens Ziele entsprechen seinem Beitrag zu nötigen globalen Emissionsreduktionen. Wir erwarten, dass Indien seine Ziele übererfüllt, insbesondere getrieben durch den schnellen Ausbau erneuerbarer Energien», meint die deutsche Klimaforscherin.

Note «ungenügend» für die Schweiz
Eine ungenügende Klima-Note erteilt der CAT der Schweiz. «Würden alle Länder dem Ambitionsniveau der Schweiz folgen, läge die globale Temperaturerhöhung über 2 Grad Celsius. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Sie sollte deswegen einen besonders hohen Beitrag zur Minderung des Klimawandels leisten», fordert Hanna Fekete. 

Schon die derzeitige Erwärmung um durchschnittlich ein Grad Celsius über vorindustriellem Niveau habe fatale Folgen, meint Hanna Fekete. Und fügt an: «Das Steigen des Meeresspiegels beispielsweise bedroht bereits heute küstennahe Bevölkerungen; extreme Wetterereignisse wie Hitze- oder Kältewellen gefährden unsere Gesundheit, und die wirtschaftliche Entwicklung und sensible Ökosysteme wie die Polarregionen oder Korallenriffe geraten aus dem Gleichgewicht.»

Erderwärmung von über 4 Grad Celsius
Alarmierend ist die Lage in Russland, Saudiarabien, in der Türkei und der Ukraine sowie in den USA. Die Ziele dieser fünf Klimasünder steuern auf eine Erderwärmung von über 4 Grad Celsius zu. Mit ihrem gewaltigen Treibhausgasausstoss gefährden sie das Gesamtziel des Pariser Klimaabkommens. Die USA haben angekündigt, im Jahr 2020 aus dem Klimaschutzvertrag auszusteigen.

Im CAT untersuchen und bewerten drei Forschungsorganisationen kontinuierlich die Klima-Anstrengungen von 32 Ländern, die für 80 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich zeichnen und ambitiöse Ziele verfolgen. Alle fünf Jahre werden die Länder aufgefordert, ein national festgelegtes Reduktionsziel einzureichen und zu erläutern. Das nächste Mal wird dieser Vorgang also für das Jahr 2020 erwartet.

Autor: Thomas Wälti


Katar, Curaçao und Kuwait sind die grössten CO2-Sünder

Wird der Pro-Kopf-Ausstoss an Kohlendioxid eines Landes gemessen, so avancieren die drei Zwergstaaten Katar, Curaçao und Kuwait zu Riesen. Sie sind gemäss der Internationalen Energieagentur (IEA) die grössten CO2-Sünder der Welt und führen das unrühmliche Klassement an. 

Im Schnitt hat jeder Katari im Jahr 2016 rund 31 Tonnen CO2 ausgestossen. Zum Vergleich: In der Schweiz (Platz 59) lag der Ausstoss pro Einwohner in diesem Zeitraum bei gut 4,5 Tonnen Kohlendioxid. 

In der Demokratischen Republik Kongo, Tabellenletzter im Wikipedia-Ranking, waren es gerade mal 0,03 Tonnen. Wobei: Sehr arme Länder stossen per se sehr wenig CO2 pro Kopf aus, was aber in erster Linie auf die niedrigere Wirtschaftsleistung zurückzuführen ist.

Katars hoher Ausstoss an CO2 hängt mit seinen gewaltigen Öl- und Erdgasreserven zusammen. Das Emirat am Persischen Golf ist der weltweit grösste Exporteur von flüssigem Erdgas. Diese Technologie verursacht naturgemäss hohe CO2-Emissionen.

Weltweit wurden im Jahr 2016 etwa 32 Milliarden Tonnen CO2 ausgestossen. China (28 Prozent) und die USA (15 Prozent) sind fast für die Hälfte dieser Treibhausgase verantwortlich. Allerdings: Vergleicht man den Pro-Kopf-Ausstoss dieser beiden Länder, schneidet China (6,6 Tonnen) eher unerwartet besser ab als die USA (15) – im Reich der Mitte leben gut viermal mehr Menschen als in den Vereinigten Staaten.

Anhand der Pro-Kopf-Werte kann festgestellt werden, dass reiche und hochentwickelte Länder mit wenig Industrie wie beispielsweise Belgien, Irland, Norwegen, Singapur und die Schweiz wesentlich mehr CO2 ausstossen als ärmere und schlecht entwickelte Nationen.

Im Vergleich zu den Nachbarländern schneidet die Schweiz (4,5 Tonnen/Platz 59) ordentlich ab: Nur Frankreich (4,4 Tonnen/Platz 62) weist einen tieferen Wert auf; Deutschland (8,9/24.), Österreich (7,2/34.) und Italien (5,4/54.) liegen über dem Schweizer Index.