Kluge Köpfe auf dem Vormarsch

Wie sich der Schweizer Arbeitsmarkt in den letzten 20 Jahren verändert hat.

In den letzten 20 Jahren ist die Arbeitswelt in der Schweiz anspruchsvoller geworden. Erfreulicherweise konnte die Erwerbsbevölkerung mit dieser Entwicklung mithalten. Die seit 1995 neu in den Arbeitsmarkt eingetretenen Arbeitskräfte brachten andere und im Durchschnitt auch höhere Qualifikationen mit als jene, die den Arbeitsmarkt verliessen. Dieser Wandel zeigt sich in der Berufsstruktur in der Schweiz. Während der Anteil von Jobs mit niedriger Qualifikation unverändert blieb, sank der Anteil an Berufen des mittleren Qualifikationsspektrums um 15,6 Prozent (siehe Grafik). Im Gegenzug nahmen Berufe mit höheren Qualifikationsanforderungen um 15,6 Prozent zu. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Weniger Jobs mit mittleren Qualifikationen
Im Bereich hochqualifizierter Tätigkeiten hält die Schweiz mit einer Zunahme von 15,6 Prozentpunkten den Bestwert sämtlicher 35 untersuchter Industrieländer. Auch im Ranking der mittel Qualifizierten belegt sie (-15,6%) einen Spitzenplatz: Nur Österreich (-16,8%) hat in dieser Sparte eine grössere Abnahme des Anteils der Arbeitsplätze zu verzeichnen. Der Trend im OECD-Raum: Es gibt sowohl im niedrig qualifizierten Bereich als auch im Bereich hochqualifizierter Arbeit einen Stellenzuwachs. Aber: Immer weniger Leute in den OECD-Ländern arbeiten in mediokren Jobs mit mittelmässigem Gehalt.

Die Schweiz hat rechtzeitig in Bildung investiert
Weshalb ist in der Schweiz der Anteil Arbeitsplätze mit hoher Qualifikation in den letzten 20 Jahren gestiegen? Hat dies mit dem einschneidenden technologischen Wandel zu tun? «Die Schweiz hat viel Geld und Zeit in die Bildung investiert, was zu einer Zunahme von tertiär Ausgebildeten führt», sagt Bernhard Weber, stellvertretender Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Auch die hohe Zuwanderung habe bewirkt, dass das Qualifikationsniveau der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz signifikant gestiegen sei, meint Weber.

Der Ökonom sagt, dass der Rückgang des Anteils Arbeitsplätze für mittel Qualifizierte auf den technologischen Fortschritt und den Wohlstand zurückzuführen sei. «Einfache Arbeiten wurden automatisiert beziehungsweise in asiatische Länder ausgelagert, elektronische Teile längst in China produziert, wo mehr unqualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. In der Schweiz spezialisieren sich Industrie und Wirtschaft auf Tätigkeiten, die vermehrt hochqualifizierte Mitarbeiter benötigen», bilanziert er. Als Beispiel für wachsende Anteile von wenig qualifizierten Arbeitskräften, wie sie in gewissen Ländern festzustellen sind, nennt Weber unter anderem die Tourismusbranche, welche in der Schweiz zwar bedeutend sei, aber nicht zu den stark wachsenden Bereichen gehöre.

Der Vormarsch der Roboter
In den kommenden Jahren könnten in den USA laut einer Studie von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne 47 Prozent aller Berufszweige verloren gehen, weil Roboter und künstliche Intelligenz diese Aufgaben erledigen würden. Die beiden Forscher der Universität in Oxford untersuchten 702 Berufe aufgrund des Anforderungsprofils, welche das amerikanische Arbeitsministerium publiziert hat. Etwas weniger düster sieht diesbezüglich die Prognose der OECD aus. Sie rechnet damit, dass 9 Prozent aller Tätigkeiten sehr wahrscheinlich automatisiert werden. Beide Studien gehen davon aus, dass sich parallel zum Abbau alter Jobs zahlreiche neue Tätigkeitsbereiche öffnen werden, welche den möglichen Abbau kompensieren oder sogar übertreffen könnten.

In Anbetracht des technologischen Fortschritts, der Digitalisierung und des raschen Wandels, der sich daraus ergibt, fordert der OECD-Bericht die Regierungen der Industrieländer auf, einerseits in Bildung und Weiterbildung der Erwerbstätigen zu investieren und andererseits der frühkindlichen Bildung und Betreuung ein Höchstmass an Beachtung zu schenken.

Autor: Thomas Wälti