Wie die Brüsseler Bürokratie tickt

Robert Menasses grossartiger Roman «Die Hauptstadt».

Kann man überhaupt eine spannende Geschichte über eine Verwaltung erzählen? Und dann noch eine über Brüssel, die so gerne als anonyme, von Technokraten bevölkerte Hauptstadt dargestellt wird? Ja, man kann – und wie. Der Wiener Robert Menasse hat mit «Die Hauptstadt» einen grossartigen europäischen Roman verfasst, bei dem man sich bestens amüsiert. Der Schriftsteller lässt in einer Mischung aus Krimi über die europäische Schweinefleisch-Industrie und Komödie mässig kompetente Politiker, überambitionierte Kabinettchefs, skrupellose Lobbyisten und Holocaust-Überlebende auftreten. Sie verknüpfen Geschichte und Gegenwart, Tragik und Komik, Hoffnung und Scheitern virtuos miteinander. Im Mittelpunkt steht die Generaldirektion für Kultur, die mit einem Projekt zu Auschwitz das Image der EU-Kommission aufpolieren soll und damit scheitert.  

Zwei Punkte faszinieren an diesem Buch: Zum einen hat Menasse intensiv recherchiert. Es gelingt ihm, die Abläufe innerhalb der Verwaltung anschaulich und unterhaltsam darzustellen. Zum andern verwandeln die vielen Akteure und ihre Schicksale Brüssel zu einem lebendigen Organismus, der eben kein seelenloser Apparat ist, sondern aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und Ambitionen besteht. Menasse, der für «Die Hauptstadt» den Deutschen Buchpreis 2017 erhalten hat, widmet der Brüsseler Bürokratie ein ebenso liebevolles wie bitterböses Buch.

Robert Menasse: «Die Hauptstadt». Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.

Autor: Pascal Ihle