Weshalb die #MeToo-Debatte auf Homer zurückgeht

Ein provokatives Manifest der britischen Althistorikerin und Feministin Mary Beard.

Der «Tages-Anzeiger» hat kürzlich die Porträts der Kandidierenden für die Stadtzürcher Regierung analysiert und nachgewiesen, dass die Medien die Frauen kritischer beurteilen als die Männer. Während des US-Wahlkampfs glaubte man sich verhört zu haben, als Donald Trump seine Kontrahentin Hillary Clinton verhöhnte. Er sprach ihr als Frau die politische Kompetenz ab und verglich sie mit der mythologischen Medusa, einem Ungeheuer mit Schlangenhaaren, Schuppenpanzer, glühenden Augen und heraushängender Zunge, dessen Anblick jeden Menschen zu Stein erstarren lässt.

Von Penelope zu Hillary Clinton
Die britische Althistorikerin Mary Beard, die in Oxford unterrichtet und ein paar Klassiker über die römische Geschichte geschrieben hat (zuletzt «SPQR»), ist auch Feministin. Sie mischt sich regelmässig in die Frauendebatte ein, scheut sich nicht davor, öffentlich die Klingen mit Chauvinisten zu kreuzen, und äussert sich mit spitzen und klugen Kommentaren auf Twitter, in TV-Sendungen und in Büchern – wofür sie auch hemmungslos angegriffen wird. Ihr neustes Buch «Woman & Power», ein 115-seitiges Manifest, ist eine hochintelligente Analyse, die eine Brücke von der Antike bis zu Margaret Thatcher, Angela Merkel und eben Hillary Clinton schlägt. Die Frage, um die sich «Woman & Power» dreht, lautet: «Weshalb werden Frauen im politischen Diskurs nicht ernst genommen?»

«Das Wort gehört den Männern!»
Den Ursprung findet Beard in den antiken Klassikern, zu allererst bei Homer. Penelope, die Frau des griechischen Helden Odysseus, wird von ihrem Sohn öffentlich zum Schweigen gebracht mit den Worten: «Das Wort gehört den Männern!» Sie solle in ihre Gemächer zurückkehren, um ihre Geschäfte zu besorgen. Damit wird, so Beard, der Grundstein für eine Rollenaufteilung gelegt, die sich bis in die heutige Zeit hineinzieht. Der Mann definiert sich über seine Rede, über seine Auftritte, ihm gehört der öffentliche Raum, während die Frau zu Hause bleibt. Beard zitiert zahlreiche Beispiele aus der Antike, welche diese These untermauern. Über die Renaissance, der Wiederentdeckung der Antike, schwappt dieses Rollenverständnis in die Neuzeit über und verfestigt sich dort.

Starke Frauen – androgyne Mischwesen

Starke Frauen werden in der Antike höchstens als Abklatsch der Männer oder als weibliche Krieger mit Panzer dargestellt (beispielsweise die Göttin Athene). Beard illustriert dies mit zahlreichen Bildern aus der Antike und der Moderne, so mit einem Foto, auf dem Merkel und Clinton in fast identischen Hosenanzügen wie männliche Politiker aussehen. Erstaunlich auch, dass selbst eine so grosse Politikerin wie die britische Premierministerin Thatcher ihre Stimme schulte, damit sie tiefer sprach (wie ein Mann). Denn hohe weibliche Stimmen galten (und gelten) im öffentlichen Diskurs, so Beard, als hysterisch und unglaubwürdig. Frauen, die sich mit ihrer Rede gleichwohl einen Platz in der Öffentlichkeit erkämpfen, müssen laut der Autorin seit jeher einen hohen Preis dafür bezahlen: die Verwandlung in ein androgynes Mischwesen.

Das Rezept: Nie aufgeben

Die Analyse ist ebenso eindrücklich wie ernüchternd, auch wenn sich die Situation der heutigen Frauen, verglichen mit jener von Beards Mutter, markant verbessert habe, wie Beard schreibt. Doch das Rezept, um die Frauen im öffentlichen Politikraum gleich stark, gleich präsent und gleichberechtigt wie die Männer auftreten zu lassen, hat Beard leider auch nicht – ausser man macht es wie sie: Man gibt nie auf – als Frau wie als Mann.

Autor: Pascal Ihle

Mary Bear: «Woman & Power: A Manifesto». Profile Books, 2017.