Wenn die Nazis das Web und die sozialen Medien beherrscht hätten

 

 

Im Dritten Reich gibt es Komputer (mit «K»), elektronische Briefe, das Weltnetz, das Deutsche Forum, Daten-Silos, das mobile Volkstelephon für alle und das «Nationale Sicherheits-Amt» (NSA), welches alle Bürger überwacht. Und weil das Bargeld zugunsten des elektronischen Zahlungsverkehrs abgeschafft worden ist und jeder Bürger über eine elektronische Bürgerkarte verfügt, ist die Überwachung lückenlos. Diese gruslige Dystopie der NS-Zeit erinnert an Robert Harris’ «Vaterland». Der deutsche Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach webt ins «NSA» eine mehrschichtige düstere Geschichte ein:

Die Hauptrolle spielt die junge «Programmstrickerin» Helene, welche sich als NSA-Mitarbeiterin zur besten Computerprogrammiererin des Dritten Reiches entwickelt. Der zweite Hauptcharakter ist der psychopathische und egoistische NSA-Analyst Eugen. Mit den beiden erlebt der Leser einen spannenden und verstörenden, krimiähnlichen Plot, der hier natürlich nicht aufgelöst werden soll.

Parallel dazu gibt das 800 Seite dicke Buch Einblick in die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands ab 1933. Unaufhaltsam und mit wachsender Intensität durchdringt der nationalsozialistische Alltag das junge Leben der Programmiererin Helene. Sie kann sich der NS-Politik, die sie anwidert und verängstigt, nicht entziehen und flüchtet sich in der Folge in ihren Beruf und in ihre Programmierwelt.

Das wirklich Verstörende des Buches liegt jedoch darin, wie plausibel und plastisch Andreas Eschbach aufzeigen kann, wie viel Macht in der Verknüpfung harmloser Daten liegt, wie diese Macht durch eine Diktatur ausgenutzt werden kann und wie Helene als eigentlich ganz «normale Bürgerin» durch unreflektierte Begeisterung für die digitalen Möglichkeiten direkten Anteil an den schlimmstmöglichen Entwicklungen eines Regimes haben kann. Mit der simplen Rückdatierung der Erfindung des Computers auf das Jahr 1917 hat Andreas Eschbach den Rahmen geschaffen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was theoretisch denkbar und möglich ist, wenn eine Diktatur die maximale digitale Kontrolle hat.

Andreas Eschbach: «NSA – Nationales Sicherheits-Amt», Verlag Lübbe, Köln 2018. 

Autor: Andreas Hugi