Und was, wenn das Internet Gott wäre?

Ein faszinierendes Gedankenexperiment des digitalen Vordenkers Joël Luc Cachelin.

Im Moment sind alle überfordert. Der Vormarsch der Silicon-Valley-Konzerne hat bestehende gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Gewissheiten über Bord geworfen. Die Optimisten verkünden laut und froh: «Es entstehen laufend neue Chancen. Jeder, der will, kann profitieren und Geld verdienen.» Die Skeptiker stellen sich die Frage: «Wohin führt die Reise, wenn alles in Daten vermessen wird und der Mensch zunehmend von Algorithmen gesteuert wird?»

Der digitale Vordenker Joël Luc Cachelin stellt sich solche Fragen ebenfalls. Seit Jahren befasst er sich in seiner Wissensfabrik mit den Auswirkungen der Hypervernetzungen und der neuen Technologien auf die Gesellschaft, den Menschen und die Arbeit. Dabei verfasst der scharfsinnige Beobachter Analysen, Studien und Bücher. Ein solches ist «Internetgott», in dem er ein faszinierendes Gedankenexperiment anstellt. Seine Hauptthese mag provokativ klingen, doch sie lässt den Leser nach der Lektüre nicht mehr los: Gott erscheint uns in Form des Internets. Auf knapp 160 Seiten dringt Cachelin in die Tiefen der christlichen Weltreligion ein und stellt etliche Analogien zur digitalen Welt auf.

So sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir uns eine Reihe metaphysischer Fragen stellen nach dem Sinn dieser neu geschaffenen digitalen Realitäten – und wir kennen die Antworten nicht, weil sich unsere Gedankenräume und Wertesysteme durch die Erhebung der Daten und der Vernetzung des Menschen mit diesen neuen Welten zunehmend verändern. Cachelin macht deshalb drei Herleitungen, denen er sein Buch unterwirft: Erstens ist Gott die Antwort auf alle Fragen, die wir nicht beantworten können. Zweitens ist Gott die letzte Instanz der Informationsverarbeitung, die entsteht, wenn sämtliche Informationsquellen, -träger und -kanäle des Universums am selben Ort zusammengefunden haben. Drittens hat Gott einen einzigen Willen, nämlich die Vernetzung des Universums zu erhöhen.

Was nun folgt, ist eine Abfolge engagierter, wortgewandter und kluger Essays mit unerwarteten und inspirierenden Gedankenblitzen. Cachelin kennt die Antworten auf die vielen Fragen nicht, er ist selber ein Suchender, der sein Verhältnis zum Internetgott ergründet und sich zum Kern des Pudels herantastet. Wenn die Weltreligionen die Wahrheit für sich beanspruchen und das Internet immer mehr Attribute einer Weltreligion aufweist und zu einer Art Gott aufsteigt, was ist das dann für eine Wahrheit? Eine von Daten und Maschinen kreierte? Eine, die den Menschen kontrolliert und beherrscht? Eine, die manipuliert und diskriminiert? Wollen wir das, sind wir uns dessen bewusst? Gerade in Zeiten der enthusiastischen Bewunderung der Silicon-Valley-Riesen leistet Cachelins Buch «Internetgott» einen willkommenen, philosophischen Beitrag, der die digitale Entwicklung und Transformation der Gesellschaft aus einem anderen, kritischen Blickwinkel beleuchtet.  

Joël Luc Cachelin: «Internetgott - Die Religion des Silicon Valley», Stämpfli Verlag, Bern 2017.

Autor: Pascal Ihle