Der Raum zwischen uns

Auch in der Schweiz hat die Angst vor der Konkurrenz durch Zuzüger schon Abstimmungen entschieden.

Wie beeinflusst die Nachbarschaft unterschiedlicher Gruppen das Wahlverhalten? Dieser Frage ist der US-amerikanische Soziologe Ryan D. Enos nachgegangen, der in Harvard und in Kopenhagen lehrt. Mit der Nachbarschaft ist der geographische Raum gemeint und Enos versucht nicht weniger als diesen als Grösse bei politischen Entscheidungen zu erklären. Das ist darum hochspannend, weil es in jüngster Zeit in verschiedenen Ländern Wahlen und Abstimmungen gab, bei denen klare regionale Unterschiede zum Vorschein traten. So stimmten etwa die ländlichen, eher ärmeren Regionen in den USA vor allem für den heutigen US-Präsidenten Donald Trump. Dies im Gegensatz zu den wirtschaftlich fitten Städten und Agglomerationen. Bei der Brexit-Abstimmung in Grossbritannien zeigte sich ein ähnliches Bild: London und die Metropolen waren für den Verbleib in der EU, die ländlichen Gegenden stimmten für den Austritt.

Führt der Kontakt zu mehr Verständnis unter Gruppen?
In der Geographie gibt es zwei Theorien, wie das Zusammenleben zweier Gruppen, die nahe beieinander leben, die Mitglieder in politischer Hinsicht beeinflusst: Kontakt und Konkurrenz. Die erste Idee geht davon aus, dass durch den regelmässigen Kontakt zwischen den Gruppen Vorurteile und Vorbehalte abgebaut werden können. Im zweiten Konzept führt das zu verstärktem Konkurrenzdenken, unabhängig davon wer die grössere und wer die kleinere Gruppe ist. Vor allem die zweite Theorie rechnet mit massiven Auswirkungen auf das Stimm- und Wahlverhalten.

Letztere bestätigt Enos unter anderem auch mit Tests im Labor, wo er mit Freiwilligen Nachbarschaften supponiert und den Einfluss derselben auf die Entscheidungen des einzelnen misst. Spannend: Seine Resultate deuten stark darauf hin, dass Konkurrenzgefühle in einer Gruppe grosse Auswirkungen auf die politischen Entscheide der Einzelnen haben. Vor allem wenn die konkurrierenden Gruppen klar segregiert sind und kaum in Kontakt miteinander stehen.

Spannend sind die Erkenntnisse von Enos für die Schweiz vor allem im Zusammenhang mit Abstimmungen, bei denen eine Konkurrenz-Situation den Ausgang mitentscheidet. Meist ist es in der Schweiz ja so, dass Volksabstimmungen kaum je entlang klar abgegrenzter Gruppen entschieden werden. Ausser, es geht um Ausländerpolitik. Doch just dort werden die Ausländerinnen und Ausländer meist gar nicht in denjenigen Gegenden kritischer beurteilt, in denen ihr Bevölkerungsanteil am höchsten ausfällt. Denn hierzulande sind eher ländliche Regionen mit tiefem Ausländeranteil ausländerkritisch.

Auch in der Schweiz haben Konkurrenzgefühle Folgen
Doch es gibt Vorlagen, die prominent von diesem Muster abweichen: Bei der sogenannten Masseneinwanderungs-Initiative (MEI) waren Konkurrenz-Gefühle für die Entscheidung besonders wichtig: Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch wenn es um Wohnungen oder Schulen ging, fühlten sich gerade Abstimmende in den Agglomerationen besonders unter Druck. Hinzu kam, dass die Zuwanderer und Expats als klar identifizierbare Gruppe wahrnehmbar waren und es kaum zu bilateralen Kontakten zwischen Einheimischen und Zuzügern kam. Beides wiegt laut Enos besonders schwer, weil Grösse, Segregation und räumliche Nähe die Wahrnehmung einer Gruppe immer noch stark beeinflusse und die persönlichen Erfahrungen so aufwiege. Und darum kippten bei der MEI etwa die Agglomerationen ins Ja-Lager. Ganz ähnliche Prozesse waren bei der Vorlage im Tessin, welche einen kantonalen Inländervorrang einführte, am Werk: Diese machten den Willen, mit harten Massnahmen gegen einen Zuwachs an Grenzgängern aus Italien vorzugehen, zum politischen Mainstream.

Und schliesslich noch ein Wort zum Ausgang der Abstimmung über die Vorlage der erleichterten Einbürgerung von Ausländern der zweiten und dritten Generation im September 2004. Nach der Ablehnung kam Politologe Claude Longchamp noch am Abstimmungssonntag zum Schluss, dass die Nein-Anteile dort höher ausgefallen waren, wo der Anteil an Bürgern aus Ex-Jugoslawien höher war. Es war die Zeit, als die Schweiz über Jugendgewalt und Raser aus den Kriegsgebieten des Balkans diskutierte. Die Vox-Analyse ergab danach, dass vor allem die generelle Einstellung der Abstimmenden zu Ausländern den Ausschlag für das Nein gegeben habe. Longchamp hielt an seiner Einschätzung fest: «Der einzige Faktor, der bei gleichzeitiger Prüfung mehrerer ausländischer Bevölkerungsgruppen bestehen bleibt, ist die Bevölkerung aus Ex-Jugoslawien.» Oder gemäss Enos ausgedrückt: Die negativen Themen, mit denen man die Ex-Jugoslawen identifizierte, wurde just in denjenigen Gegenden zu einem generellen Entscheidungsmoment, in denen die Abstimmenden sie aufgrund ihrer Gruppengrösse besonders wahrnahmen.

Ryan D. Enos: «The space between us». Cambridge University Press 2018.

Autor: Matthias Halbeis