Blindflug ins neue Jahrhundert

Wie 1918 die Welt prägte, Hoffnungen und Enttäuschungen säte.

Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, welche Schockwellen der Erste Weltkrieg aussandte. Schützengräben durchfurchten den europäischen Kontinent, zerstörten Grenzen und Gewissheiten. Eine ganze Generation junger Männer wurde auf den Schlachtfeldern im Westen und im Osten grössenwahnsinnigen, nationalistischen Ideologien geopfert. Auf den Leichenbergen und den Trümmern des 19. Jahrhundert herrschte ein heilloses politisches und geistiges Chaos, aus dem jedoch zahlreiche neue Ideen und Visionen entstanden. 

Gandhi, Gropius oder Grosz – ein Lesebuch mit starken Biographien
Davon handelt das Buch «Kometenjahre – 1918: Die Welt im Aufbruch» des Berliner Historikers Schönpflug. Es ist ein grandioses Lesebuch, in dem der Autor Zeitzeugen erzählen lässt. Wir begegnen bekannten und unbekannten Persönlichkeiten, die sich nach der Katastrophe von 1918 zu orientieren versuchten und der Welt einen neuen Sinn geben wollten. Es sind dies Freiheitskämpfer wie Ho Chi Minh, Thomas Lawrence («Lawrence of Arabia») oder Gandhi, die ihre Heimat aus dem Joch der europäischen Kolonialmächte in die Unabhängigkeit führen wollten. Oder kulturelle Visionäre wie der Maler George Grosz, der Musiker Arnold Schönberg oder der Architekt und Bauhaus-Gründer Walter Gropius, die mit ihrer Kunst eine neue Gesellschaft erschaffen und so den Menschen verändern wollten.

In diesem Potpourri grossartiger Geschichten begegnen wir afroamerikanischen Soldaten, die in New York als erste schwarze Helden empfangen werden, aber auch dem frustrierten Rudolf Höss, der die deutsche Kapitulation nicht akzeptieren konnte, sich Freischärlern anschloss, einen Fememord beging und Jahre später in die SS eintrat. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums hofften zahlreiche Frauen und Männer, darunter die Malerin Käthe Kohlwitz oder der Matrose Richard Stumpf, auf die grosse kommunistische Revolution, die das überlieferte bürgerliche, kapitalistische System komplett und endgültig zerstörte und den Menschen, allen voran die Arbeiter, anstelle des Kapitals in den Mittelpunkt rückte. 

Kometenhafte Aufstiege und Vorboten von Katastrophen
Wir erleben kometenhafte Aufstiege wie jenen von Harry S. Truman, der nach seinem Feldzug als Artillerieleutnant in Frankreich seine verehrte Bess Wallace heiratete, ein Herrenkonfektionsgeschäft eröffnete, sich in der Politik engagierte und 1945 Nachfolger des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt wurde. Für den Autor Schönpflug symbolisiert der Komet das Unvorhersehbare, daher auch der Titel des Buchs: «ein Vorbote von grossen Ereignissen» und «tiefgreifenden Veränderungen», womöglich «Katastrophen» – aber auch für das «Aufleuchten ungeahnter Möglichkeiten am Horizont, für unbekannte Zukünfte». Selten sei die Geschichte «so in Menschenhand gelegt».

Daniel Schönpflug: «Kometenjahre – 1918: Die Welt im Aufbruch», S. Fischer Verlag, Berlin 2017.

Autor: Pascal Ihle