Aufbruch in die Moderne

Wie Zürich zur Wirtschaftsmetropole wurde.

furrerhugi hat anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Stadtzunft Zürich einen Bildband mit historischen Essays konzipiert und realisiert. Lesen Sie hier in der Einleitung des Buches, wie Zürich in den Jahren vor und nach 1867 zur Metropole geworden ist.

Es gibt Jahre, in denen derart viel passiert, dass man sich noch lange daran erinnert. 1867 ist ein solches Jahr. An der medizinischen Fakultät promoviert mit der Russin Nadeschda Suslowa die erste Frau an der Universität Zürich. Eine Männerbastion fällt. Im selben Jahr findet das Eidgenössische Musikfest in Zürich statt. Das alte Kornhaus auf der Sechseläutenwiese am See wird zu einem Musiksaal umgebaut, zur Tonhalle. 1867 wütet in Zürich und Umgebung die Cholera, an der 771 Personen erkranken und 499 sterben. Im selben Jahr erhält die Stadt eine Kanalisation, das Abfuhrwesen wird gegründet. Der neue Bahnhof mit seiner imposanten Halle entsteht.

Die Stadt gleicht einer riesigen Baustelle. So heisst es in einem Reiseführer zu Zürich, der 1867 erscheint: «Der innere Häuserkern trägt noch vielfach das Gepräge einer in ihren Erinnerungen aus früheren Jahrhunderten herüberragenden Stadt.» Die Strassen seien «meist eng, oft finster, treppauf, treppab führend, unverkennbar ein ziemlich planloses Durcheinander von Ansiedlungen». Nun endlich rüttle «der Geist der Neuzeit mit mächtiger Hand» an den überlieferten Formen, und «diesem reformierenden Bestreben haben schon viele antiquirte Einrichtungen weichen müssen».

Diesem «Geist der Neuzeit» ist dieses Buch gewidmet. 1867 steht für eine Zeit im Umbruch. Sinnigerweise wird in diesem Jahr die Stadtzunft gegründet, die sozusagen das Scharnier zwischen dem alten und dem neuen Zürich ist. Mit dem Entscheid von 1833, die Befestigungsanlagen endgültig abzutragen, hat sich die Stadt bis zur ersten Eingemeindung von 1893 weit geöffnet. Wir werden Zeugen eines Aufbruchs in die Moderne, den Zürich anfänglich nur zögerlich erfasst – man muss sich erst an diese Offenheit ohne Mauern gewöhnen –, danach dafür umso entschlossener. Es werden die Grundsteine für das heutige Zürich gelegt. Ihnen gehen die Autoren nach.

Wir begeben uns zunächst auf einen Spaziergang durch das Zürich im Jahre 1867, kommen an zahlreichen Bauplätzen vorbei und hören von der Skepsis über die radikalen Einschnitte. In den folgenden fünf Kapiteln werden die Veränderungen der Stadt in Politik, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Stadtentwicklung betrachtet - einerseits anhand von bekannten und unerwarteten Persönlichkeiten, die der Stadt ihren Stempel aufgedrückt haben, anderseits durch Anekdoten, Geschichten und Analysen, die den Wandel erzählerisch festhalten. Zentral sind die Bilder. Sie sollen das Zürich des 19. Jahrhundert mit zum Teil erstmals veröffentlichten Fotos, Plänen, Stichen, Plakaten und Dokumenten lebendig werden lassen.

Den Abschluss des Bildbands mit seinen historischen Essays bildet ein zweiter Spaziergang, diesmal durch das Zürich von 2017. Wir fragen uns: Welches sind eigentlich die Erfolgsfaktoren von Zürich? Wurden sie tatsächlich vor 150 Jahren gelegt? Erleben wir heute wiederum einen «Aufbruch in die Moderne»? Und inwiefern ist er mit jenem von 1867 vergleichbar?

Autoren: Pascal Ihle und Andreas Hugi


Stadtzunft Zürich (Hrsg.): «Zürich – Aufbruch einer Stadt. Vom 19. Jahrhundert in die Moderne» NZZ Libro, Zürich 2017.