1930, 2007 und heute – was wir aus Finanzkrisen lernen sollten

Man mag die Nase rümpfen, wenn ein historisches Buch mit «Hitler» im Titel erscheint. Nicht so beim Schweizer Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Sein soeben erschienenes Werk «1931: Debt, Crisis, and the Rise of Hitler» ist gerade in heutigen Zeiten wichtig. Anhand der Weltwirtschaftskrise, die am 25. Oktober 1929 mit dem Börsenkrach in den USA ihren Anfang genommen hatte und zwei Jahre später Deutschland mit aller Wucht erfasste, wird den Leserinnen und Lesern bewusst, welche Konsequenzen Schocks im globalen Finanzsystem haben können, und wie zentral funktionierende Institutionen sind. 

Straumann zeigt, dass wirtschaftliche Verwerfungen häufig eine Folge politischer Entscheidungen sind. Nach Beendigung des Ersten Weltkriegs bestraften die Siegermächte Deutschland mit horrenden Reparationszahlungen, so dass das Reich zusehends auf Pump lebte und aufgrund des Schuldenabkommens in seiner Konjunkturpolitik stark eingeschränkt war. Das wiederum stärkte die radikalen Oppositionspolitiker und befeuerte den kometenhaften Aufstieg Hitlers, der die Alliierten wiederholt provozierte. Zudem unterschätzten die Siegermächte die sich zusehends verschlimmernden politischen und ökonomischen Realitäten in Deutschland vollkommen. Wohin das führte, ist hinlänglich bekannt.

Kann sich ein solches Szenario wiederholen? Laut Straumanns Analyse lassen sich die 1930er-Jahre nicht mit heute vergleichen. Zwar hat der Ausbruch der Finanzkrise 2007 zu Beginn die Ratlosigkeit der Staaten, Nationalbanken und Überwachungsbehörden offengelegt. Erst die Intervention der Europäischen Zentralbank (EZB) – eine solche staatenübergreifende Institution gab es in den 1930er-Jahren nicht – verhinderte Schlimmeres, wie etwa den Zusammenbruch des Euro. Heute existieren internationale Institutionen und Verträge, die verhindern, dass Staaten in Krisen allein reagieren müssen.

Allerdings lehrt die Geschichte auch, wie wichtig es für Staaten ist, dass sie Spielraum für eine wirksame Konjunkturpolitik haben, was Deutschland in den 1930er-Jahren nicht hatte. Bei zu rigorosen Sparübungen kann die Wirtschaft einbrechen, die Arbeitslosigkeit steigt und mit ihr die Unzufriedenheit. Letztlich können so das politische System und die Demokratie einbrechen. Deshalb sollte man die Hinweise der Ökonomen und Wirtschaftshistoriker ernst nehmen, die davor warnen, dass die westlichen Staaten auf Grund ihrer Schulden zu wenig Spielraum hätten, um auf die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise adäquat zu reagieren. 

Tobias Straumann: «1931: Debt, Crisis, and the Rise of Hitler», Oxford University Press 2019.

Autor: Pascal Ihle