1291

Ein wichtiges Jahr, aber auch aus einem anderen Grund.

Die mythische Bedeutung von 1291 kontrastiert stark mit dem Wissen über dieses Jahr. (Bild: Hier und Jetzt; Verlag)

Wenn am 1. August der Schweizer Nationalfeiertag im Scheinwerferlicht steht, besinnen sich die wenigsten Rednerinnen und Redner auf das Jahr 1291. Auf jenes Jahr, in dem die Gründerväter Walter Fürst von Uri, Werner Stauffacher von Schwyz und Arnold von Melchtal aus Unterwalden auf dem Rütli den Bundesbrief beschworen haben sollen, der den Beginn der Eidgenossenschaft markiert. Vor 727 Jahren, so will es zumindest der Mythos, startete im Herzen der Schweiz eine beispiellose, gradlinige Erfolgsgeschiche, die für Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität steht.

Ein Jahr wird von Mythen befreit
Die schweizerische Freiheitsgeschichte ist zugegebenermassen brillant, gespickt mit allen Ingredienzen eines Weltbestellers. Schiller hat sie genial im seinem Drama «Wilhelm Tell» erzählt, Rossini mit zahlreichen Ohrwürmern in der Oper «Guillaume Tell» vertont. Wären da nur nicht die Historiker, welche den Rütlischwur und den Bundesbrief in den letzten Jahrzehnten systematisch entmythologisiert haben. Tell hat es ebenso wenig gegeben wie die Gründerväter. Das Dokument von 1291, der angebliche Bundesbrief, wurde erstmals 1724 in einem Schwyzer Archiv verbürgt und 1759/60 durch den Basler Johann Heinrich Glaser entdeckt. «1291» wurde erst im 19. Jahrhundert konstruiert und zu dem stilisiert, was es heute ist. Denn nach der Gründung des jungen Bundesstaates von 1848 brauchte die junge, moderne Schweiz eine stringente Vergangenheit und schusterte eine Gründungsgeschichte zusammen. Das war im Zuge der Nationalstaatenbildung im 19. Jahrhundert ein normaler Vorgang, und erst Jahrzehnte später wurde der 1. August als Nationalfeiertag festgelegt.

Was aber geschah im Jahre 1291 tatsächlich? Der Historiker und Verleger Bruno Meier widmet diesem Jahr ein hochspannendes Buch. Er taucht in jenes Jahr ein und rollt Monat für Monat die zum Teil recht komplexe politische Situation im Grossraum zwischen Bodensee und Genfersee auf. Denn im Jahr 1291 stirbt König Rudolf von Habsburg, und um seine Nachfolge wird gerungen, geht es schliesslich um Macht und Einfluss. Das geschieht mit hilfreichen Rück- und Vorblenden auf die Jahre 1290 und 1292, um einzelne Ereignisse und Erbfolgen besser nachvollziehen zu können.

Der Tod des Königs Rudolf von Habsburg prägt 1291
Das Jahr 1291 - dies ist die wesentliche Aussage Meiers - ist  ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt für die Verflechtungen der folgenden Jahre, welche auch die später entstehende Eidgenossenschaft beeinflussen sollte. Alles drehte sich um den Tod des Königs von Habsburg respektive um die  Installation seines Nachfolgers. Um diese Unsicherheit in den Griff zu kriegen, wurden namentlich in der zweiten Hälfte des Jahres 1291 überall im Reich Bündnisse und Koalitionen geschmiedet. Diese Papiere - eines davon wurde Jahrhunderte später zum Bundesbrief verklärt - waren jedoch keine Entscheidungen.

Bruno Meier lässt in seinem Buch viel Personal auftreten Das Personenregister, die Stammbäume und Verwandschaftsbezüge erweisen sich dabei als grosse Hilfe. Gewisse Geschichten, die zeigen, wie der Umgang mit Reichsprivilegien funktionierte, liest man mit einem Schmunzeln: König Rudolf von Habsburg befand sich in einem Feldzug gegen den Pfalzgrafen Otto von Burgund, der sich zusammen mit savoyischen Verbündeten der Reichtsgewalt widersetzte. Die Schwyzer in der Armee des Königs hätten in einer nächtlichen Aktion das Lager von Theobald von Pfirt, der mit den Burgundern verbündet war, überfallen. Die Schwyzer Älpler in der Armee des Königs, so berichtet der Chronist, seien im Klettern geübt gewesen, die steilen Hänge heruntergeklettert und hätten überraschend angegriffen. Das habe die burgundische Seite zu Friedensverhandlungen gezwungen und den Schwyzern ein Reichs- repektive Schutzprivileg eingebracht.

Bruno Meier: «1291 - Geschichte eines Jahres», Verlag Hier und Jetzt, Baden 2018.

Autor: Pascal Ihle