«Die Diskussion ist unglaublich konservativ»

Medienprofessor Manuel Puppis erklärt, was gegen die Krise der Medien zu tun ist – und warum die SRG im digitalen Zeitalter nicht weniger, sondern mehr Geld bekommen sollte.

Manuel Puppis (46) ist ordentlicher Professor für Medienstrukturen und Governance an der Universität Freiburg. Daneben ist er auch Vizepräsident der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) (Foto: zvg)

Die führenden Verlage CH Media und TX Group bauen im grossen Stil Stellen ab, den SRG-Sendern dreht man den Geldhahn immer mehr zu. Erstaunt Sie das Ausmass der Krise, in der die Medien zurzeit stecken?  
Manuel Puppis: Es erstaunt mich nicht, denn die Krise ist zwar massiv, aber nicht neu. Von den privaten Medien kommen seit weit über einem Jahrzehnt immer wieder Hiobsbotschaften über Entlassungen. Der Werbemarkt im Print ist zusammengebrochen: 1995 haben die Kaufzeitungen in der Schweiz noch fast 1,7 Milliarden Franken mit Printwerbung verdient, letztes Jahr waren es noch 320 Millionen Franken. Die Onlinewerbung nimmt zwar zu, fliesst aber hauptsächlich zu Kleinanzeigen-Portalen und Social-Media-Plattformen. Entsprechend ist viel weniger Geld für Journalismus vorhanden. Das führt zur Verkleinerung von Redaktionen, zur Zusammenlegung von Titeln, zum Aufbau von Zentralredaktionen und zu Entlassungen.

Gleichzeitig gerät die SRG immer stärker unter Druck. 
Puppis: Ja, die Diskussion über die Frage, welchen Auftrag der Service public hat und wie man ihn finanzieren soll, um ihn zu erfüllen, kommt noch hinzu. Das ist in einer Demokratie nicht schlecht, doch die Dauerangriffe bringen Mittelkürzungen mit sich.

Können die Medien ihre Funktion in der schweizerischen Demokratie noch wahrnehmen?
Puppis:
Das hängt davon ab, welchen Massstab man anlegt. Schon heute kann man sich fragen, ob noch genügend Know-how vorhanden ist, oder ob es Themen gibt, die nicht aufgegriffen werden, weil niemand daran denkt oder niemand Zeit hat, darüber zu recherchieren. Das Jahrbuch zur Qualität in den Medien zeigt aber, dass es immer noch Medien gibt, die sehr gute Arbeit leisten. Kritik gilt auch nicht den Leistungen einzelner Journalistinnen und Journalisten. Sondern den Bedingungen, die bestimmen, was noch möglich ist in den Redaktionen, wenn das Geld knapp ist und man mehr produzieren muss.

Die Bedingungen verschlechtern sich laufend, und die Medienvielfalt nimmt ab?
Puppis:
Noch gibt es in der Schweiz mehrere Medien, auch wenn wir in fast allen Regionen multimediale Monopole haben, in denen auch das Regionalfernsehen und das Lokalradio zum gleichen Konzern gehören. Aber die Leistung wurde ausgedünnt. Die Synergien, die Zeitungen durch den Aufbau von Zentralredaktionen erzielt haben, sind längst genutzt. Also geht alles, was zusätzlich abgeschnitten wird, von der Leistung der übrig gebliebenen Redaktionen ab.

Besonders betroffen ist die Westschweiz. «20 Minutes» zum Beispiel baut 28 von 104 Stellen ab. Mit welchen Folgen?
Puppis:
Vor allem ist es nicht der erste Abbau. Wir hatten schon die Einstellung von «L’Hebdo», «Le Matin» wurde in ein Onlineprodukt umgewandelt und die Redaktion mit «20 Minutes» zusammengelegt. Tamedia kürzt die Westschweizer Zentralredaktion seit Jahren immer wieder zusammen. Die Situation ist dramatisch und wird in der Westschweiz auch deshalb kritischer betrachtet, weil die grossen Verlage allesamt aus der Deutschschweiz kommen. Das führt dazu, dass die Politik sensibler reagiert – und die Medienförderung in der Romandie deutlich salonfähiger ist als in der Deutschschweiz. Aber es gibt auch Lichtblicke wie die Romandie-Ableger von Watson oder Blick.

Die Eidgenössische Medienkommission, deren Vizepräsident Sie sind, schlug den Wechsel zu einer direkten Medienförderung vor. Prompt hiess es, dass damit Staatsmedien drohten.
Puppis:
Man muss es zuerst mal pragmatisch anschauen: Wenn sich Medien durch den Markt nicht finanzieren lassen, braucht es eine weitere Erlösquelle. Das kann Medienförderung sein. Das heisst ja nicht, dass es nicht auch Medien gibt, die ihre Nische gefunden haben und im Markt überleben können. Aber für den grossen Rest muss man sich angesichts der Krise ernsthaft etwas überlegen. In der Wissenschaft wird direkte Medienförderung schon lange gefordert, in der Politik seit 2008 ebenfalls. Jetzt ist man immerhin an einem Punkt, an welchem das in der Branche selbst nicht mehr so verpönt ist. Dennoch kommt der Vorwurf der Staatsmedien immer wieder.

Sie halten ihn für unberechtigt?
Puppis:
Erstens kennen wir in der Schweiz bereits die direkte Förderung. Lokalradios und regionale Fernsehsender bekommen Geld aus der Medienabgabe – und da spricht niemand von Staatsmedien. Zweitens gibt es in Europa viele Länder, vor allem skandinavische, die eine lange Tradition direkter Medienförderung haben und die bei Erhebungen zur Pressefreiheit trotzdem immer wieder auf den vordersten Plätzen landen.

Wie schaffen sie das?
Puppis:
Mit einer Anspruchssubvention: Wer die gesetzlich festgelegten Kriterien erfüllt und einen Antrag stellt, bekommt das Geld. Da gibt es keinen Ermessensspielraum für die Behörde, um kritische Berichterstattung abzustrafen. Natürlich müssen Medien unabhängig vom Staat funktionieren. Das heisst aber nicht, dass Medienförderung nicht möglich sein sollte.

Was kann die Schweiz von anderen Ländern lernen, die es besser machen?
Puppis:
Man kann nicht einfach ein Modell von einem Land in ein anderes übertragen, denn es ist immer von politischen Traditionen und kulturellen Eigenheiten geprägt. Was ich sagen kann: Die skandinavischen Länder haben Vorbildcharakter, weil sie lange Erfahrung mit dem Unterstützen von Medien haben. Nicht nur gingen sie mit der Förderung von «Online» neben Print voran, sondern sie richten die Förderung sogar zunehmend konvergent aus: egal ob Text, Audio oder Video, unterstützt wird Journalismus. Das hat dazu geführt, dass in allen Regionen immer noch Medien existieren, teilweise sogar eine Vielfalt. Es gibt aber weitere interessante Modelle.

Nämlich?
Puppis:
Die Niederlande fördern Innovationsprojekte, sei es von Start-ups oder von bestehenden Unternehmen. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Coaching. Und bei der Finanzierung des öffentlichen Rundfunks gibt es zum Beispiel in Finnland oder Schweden eine Art individuelle Rundfunksteuer: So wie bei uns die Kirchensteuer wird für den medialen Service public eine Steuer eingezogen. Diese ist zweckgebunden und einkommensabhängig, um Leute mit tiefem Einkommen zu entlasten.

Kann das auch in der Schweiz funktionieren – einem kleinen Land mit drei Medienräumen mit jeweils unterschiedlichen Sprachen und journalistischen Zugängen?
Puppis:
Für das Finanzierungsmodell spielt das keine Rolle. Man braucht das Geld für den Journalismus und den Service public und kann sich inspirieren lassen, wie es andere machen. Was die Schweiz besonders macht: Wir sind nicht nur ein mehrsprachiges kleines Land, sondern auch ein föderales. Die Versorgung kleiner Märkte ist nun mal unglaublich teuer. Wenn wir aber weiterhin an einem demokratischen System festhalten wollen, dann muss es uns das wert sein.

Was wären die Folgen für die SRG, wenn die Halbierungsinitiative der SVP durchkommen und die Serafe-Abgabe von 335 auf 200 Franken gesenkt würden?
Puppis:
Weil auch die Unternehmensabgabe wegfallen würde und die privaten Medien weiterhin uneingeschränkt von der Abgabe profitieren würden, käme es bei der SRG tatsächlich zu einer Halbierung der Erlöse. In einem Umfeld, in dem auch die Werbeeinnahmen der SRG rückläufig sind, hätte das drastische Konsequenzen. Deshalb sollten wir zuerst schauen, welche Leistungen wir wollen, und erst danach überlegen, was es kostet.

Egal, wie hoch der Preis am Ende ist?
Puppis:
Es heisst zwar immer, die Abgabe in der Schweiz sei unglaublich hoch. Kaufkraftbereinigt betrachtet relativiert sich das aber stark. Dann muss man noch überlegen, dass wir ein Kleinstaat sind und dass kleine Länder in der Regel höhere Abgaben haben, weil weniger Menschen da leben, und dass bei uns ein mehrsprachiges Angebot produziert wird. Wenn man das alles in Betracht zieht, ist nicht mehr ganz nachzuvollziehen, dass das viel sein soll.

Was halten Sie vom Vorschlag von Medienminister Albert Rösti, die Gebühr um zehn Prozent zu senken?
Puppis:
Ich kenne seine Beweggründe nicht. Entweder ist es politische Taktik mit dem Ziel, dass die Halbierungsinitiative nicht durchkommt. Oder es könnte ihm darum gehen, die Abgabe zu senken, ohne zuvor überhaupt darüber diskutiert zu haben, ob das nötig ist. Aber eine Reduktion um zehn Prozent hätte massive Folgen. Bundesrat Rösti sagte bei der Präsentation seiner Pläne ja selber, dass er damit rechne, dass die SRG mehrere hundert Stellen abbauen müsste. Als am gleichen Tag die neuste Hiobsbotschaft von CH Media kam, die 150 Stellen abbauen will, muss man sich fragen, was das eigentliche Ziel ist.

Was ist denn das eigentliche Ziel?
Puppis:
Da gibt es zwei Positionen. Eine sagt, den Privaten gehe es so schlecht, weil die SRG so stark sei, deshalb müsse man sie schwächen. Dafür liefert die Forschung aber überhaupt keine empirischen Belege. Es gibt Länder mit starkem Rundfunk, in denen es den privaten Medien nicht so schlecht geht, und Länder mit schwachem Rundfunk, in denen es den privaten Medien trotzdem schlecht geht. Ich vertrete eine andere Position.

Die da lautet?
Puppis:
Wenn schon die privaten Medien geschwächt sind, müssen wir uns fragen, ob es mit Blick auf unsere Demokratie wirklich sinnvoll ist, den Service public auch noch nachhaltig zu schwächen. Wir sprechen immer über Geld, nicht darüber, was wir von der SRG oder vom Service public eigentlich wollen. Die Diskussion ist unglaublich konservativ. Sie dreht sich darum, was die SRG online machen darf, wie lang da ihre Texte sein dürfen und ob sie auch Audio- und Videoproduktionen nur fürs Netz machen darf. Das ist alles richtig und muss diskutiert werden, ist aber in der Vergangenheit verhaftet.

Was wäre zukunftsgerichtet?
Puppis:
Wenn man sieht, dass die politischen Debatten heute auch online auf den grossen Plattformen von Facebook bis TikTok stattfinden, muss man sich überlegen, ob der Service public im digitalen Zeitalter nicht sogar neue Aufgaben braucht. Ob er zum Beispiel eine Infrastruktur für politische Debatten in der Schweiz bereitstellen sollte, die nach demokratischen Regeln der Schweiz funktioniert.

Und nicht nach kommerziellen Regeln?
Puppis:
 Genau. Damit nicht ein chinesisches oder amerikanisches Unternehmen entscheidet, wie die Debatte abläuft, was zulässig ist und was nicht. Solche neuen Aufgaben müssen aber auch finanziert sein.

Wie werten Sie den Umstand, dass 43 Prozent der Schweizer Bevölkerung inzwischen News-depriviert sind, also kaum mehr Nachrichten verfolgen?
Puppis:
Ich bin da skeptisch. Man kann auch selbstkritisch die Leistungen der Medien hinterfragen: Liefern sie wirklich das, was den Menschen hilft, ihr Leben zu gestalten, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden und an der Demokratie teilzunehmen? Ausserdem gefällt mir der Begriff der Newsdeprivierten nicht besonders.

Warum nicht?
Puppis:
Das Jahrbuch zur Qualität der Schweizer Medien zeigt zwar, dass die Zahl der Newsdeprivierten zunimmt. Ich bin aber vorsichtig, denn auch in den sozialen Medien können Menschen Nachrichten nutzen. Und andere Studien zeigen, dass das Vertrauen in die Medien, insbesondere in den öffentlichen Rundfunk, in der Schweiz immer noch sehr hoch ist. Man darf nicht nur die eine Zahl betrachten.

Nimmt, wer sich in den sozialen Medien informiert, nicht auch Fake News und Propaganda aus Unrechtsstaaten in Kauf?
Puppis:
Studien weisen darauf hin, dass Desinformation online zwar stark zugenommen hat, aber nicht unbedingt grosse Beachtung findet. Und selbst wenn man solche Inhalte sieht, heisst das nicht, dass man sie auch glauben muss. In der Forschung hat man sich schon vor vielen Jahren von starken Medienwirkungen verabschiedet. In den 1940er-Jahren ging man davon aus, dass es reicht, dass etwas im Fernsehen kommt, damit es alle glauben. Davon nimmt die Forschung schon lange Abstand. Wir müssen aufpassen, dass wir den sozialen Medien nicht wieder die alten Annahmen starker Medienwirkung unterstellen.

Wie sind Sie auf die Medienwissenschaften gekommen?
Puppis:
Ich habe lange überlegt, ob ich bei der SBB arbeiten möchte. Die Fahrplanplanung hätte mich gereizt. Von der Berufsberaterin habe ich mich aber überzeugen lassen, zuerst die Kanti zu machen, später könne ich ja immer noch zur SBB. Auch in der Kanti hätte ich mir das noch vorstellen können. Ich habe mich aber auch über Studiengänge informiert und bin zum Schluss gekommen, dass mich Kommunikations- und Politikwissenschaften interessieren. Und so bin ich da gelandet. Es war nie eine wissenschaftliche Karriere geplant, auch während des Studiums noch nicht.

Welche Medien konsumieren Sie regelmässig?
Puppis:
Jeden Morgen lese ich online verschiedene Zeitungen und höre die Nachrichten auf Radio SRF. Dazu kommen tagsüber die Online-Angebote von privaten Medien und von SRF, ausserdem nutze ich Streamingangebote, etwa von Arte, Netflix oder Amazon Prime. Auf Twitter bin ich ebenfalls immer noch aktiv, auch wenn es immer unangenehmer wird.

Und was tun Sie, wenn Sie keine Medien konsumieren und sich auch nicht mit dem Medienkonsum beschäftigen?
Puppis:
Wenn es die Zeit zulässt: kochen oder nicht-wissenschaftliche Texte lesen. Und ich gehe gerne im Gebirge wandern.

Manuel Puppis (46) hat in Zürich Publizistikwissenschaft, Politikwissenschaft sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte studiert und ein Doktorat in Publizistikwissenschaft erworben. Dort begann auch seine Forschungstätigkeit, die von der Medienpolitik über den Vergleich von Mediensystemen bis zu Medienökonomie reicht. Nach diversen Forschungsaufenthalten in den USA und Deutschland lehrt er seit 2013 als Professor für Medienstrukturen und Governance an der Universität Freiburg. Der Vizepräsident der Eidgenössischen Medienkommission und des Council of Europe Committee of Experts on Increasing Resilience of Media lebt mit seiner Frau in Zürich. 

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