«Das war fast ein Sechser im Lotto»

Nationalratspräsident Martin Candinas schildert, wie er die Bundesratswahl gemanagt hat – und warum auch junge Mütter und Väter politische Ämter übernehmen sollen.

Der Bündner Rätoromane und Vertreter der Mitte Martin Candinas ist Schweizer Nationalratspräsident für das Jahr 2023. (Foto: zvg)

Martin Candinas, sind Sie als Nationalratspräsident und damit oberster Schweizer am Ziel Ihrer Träume?
Martin Candinas: 
Ob es mein Traum war, weiss ich nicht. Als aber die Frage auftauchte, nachdem ich bereits zehn Jahre lang im Nationalrat war, fand ich: Ja, das reizt mich und ich würde das gerne machen. Folglich habe ich in der Partei Interesse bekundet und kandidiert. Jetzt bin ich sehr, sehr glücklich, dass ich die Gelegenheit bekommen habe – zuerst von meiner Partei und danach auch vom Parlament. Es ist ein Privileg, Nationalratspräsident sein zu dürfen. Das geniesse ich und versuche, das Amt gut auszuüben.

Ist es ein grösseres Privileg, als Bundesrat oder Parteipräsident zu sein? In beiden Fällen wurde Ihr Name genannt, sie sagten beide Male ab.  
Candinas: Es ist immer schön, wenn Medien einen ins Gespräch bringen. Aber meine Devise ist und bleibt: Ich mache, was mir gefällt, was ich für reizvoll halte und bei dem ich das Gefühl habe, es auch zu können. Als die Diskussion um das Nationalratspräsidium aufkam, fühlte ich innerlich, dass mich diese Aufgabe wirklich reizen würde.

Mehr als das Amt des Bundesrats? Als es um die Nachfolge von Doris Leuthard ging, winkten Sie mit dem Hinweis auf Ihre damals noch kleinen Kinder ab.  
Candinas: Ich habe eine junge Familie, meine Kinder sind 13, 10 und 8 Jahre alt. Das Nationalratspräsidium ist eine Aufgabe mit einem klaren Beginn und einem klaren Enddatum. In meiner jetzigen Lebenslage passt das für mich. Da ich weiterhin politisieren will, kandidiere ich diesen Herbst erneut für den Nationalrat – und werde dann sehen, ob ich meine politische Arbeit weiterführen darf.

Was halten Sie von der Diskussion in der SP, die es trotz Absichtsbekundungen nicht geschafft hat, eine Mutter von kleinen Kindern aufs Bundesratsticket zu setzen? 
Candinas: Als Nationalratspräsident äussere ich mich nicht zum konkreten Fall. Grundsätzlich denke ich aber, dass ein solches Amt einen total beansprucht. Für eine junge Mutter – ebenso wie für einen jungen Vater – stellt sich die Frage: Auf wie viel bin ich bereit zu verzichten, wenn die Kinder noch jung sind, dies zugunsten eines Amtes, das man vielleicht auch später ausüben kann? Für mich ist aber klar: Es darf nicht sein, dass eine Frau nicht in ein solches Amt gewählt wird, nur weil sie kleine Kinder hat.

Auf die Gefahr hin, dass sie dann zurücktreten muss, weil ihr Tank leer ist – wie kürzlich die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern? 
Candinas: Wir kennen das auch aus der Wirtschaft. Auch da gibt es in sehr vielen Unternehmen junge Mütter in federführenden Funktionen. Wieso soll das in der Politik nicht möglich sein? Letztlich ist es eine individuelle Frage, welche die betroffene Person – ob Mutter oder Vater – für sich beantworten muss.

Der Nationalratspräsident hat mehr Befugnisse, als man landläufig meint. Wie nutzen Sie den Spielraum? Indem Sie das Rätoromanische aufwerten? 
Candinas: Der Nationalratspräsident ist ein Gleicher unter Gleichen. Er ist der Schiedsrichter oder meinetwegen Hüttenwart. Er erinnert die Kolleginnen und Kollegen an die Regeln, die sie sich selber gegeben haben. So steht es in unserem Geschäftsreglement, und so ich sehe mich auch. Es geht nicht um mich persönlich, sondern darum, dafür zu sorgen, dass die parlamentarischen Abläufe und das Tagesprogramm eingehalten werden. Ich will nicht einen Stempel aufdrücken. Es stimmt, ich gebe dem Romanischen eine grosse Beachtung. Es ist meine Muttersprache und gehört zu meiner Identität. Indem ich die vierte Landessprache im Ratssaal spreche, zeige ich, dass Romanisch eine lebendige Sprache ist.

Einige Ihrer Vorgänger und Vorgängerinnen hatten grosse Pläne, wollten zum Beispiel die Lobbyisten aus der Wandelhalle verbannen. Sie nicht? 
Candinas: Das Parlamentsgebäude soll ein möglichst offenes Haus sein, mir ist das wichtig. Gleichzeitig müssen wir die Sicherheit für alle anwesenden Personen jederzeit gewährleisten. Besuchergruppen sollen willkommen sein und spüren: Es sind nicht die «z’Bärn obe», sondern es sind von uns gewählte Volksvertreter, die den Auftrag haben, die Schweiz in die Zukunft zu führen. Und ich möchte gerade junge Leute dazu ermuntern, sich am politischen System Schweiz zu beteiligen.

Wie?  
Candinas: Vier Schulklassen aus allen vier Sprachregionen, aus Disentis, Neuchâtel, Acquarossa und Appenzell, machen beispielsweise auf meine Initiative hin eine gemeinsame Projektwoche in Disentis. Ich besuche sie einen Tag lang und empfange sie einen Monat später alle zusammen im Bundeshaus.

Wie nehmen Sie als Bergler den Graben zwischen Stadt und Land wahr? 
Candinas: Als Bergler vermisse ich politisch vielfach das Verständnis, etwa bei den Zweitwohnungen oder beim Thema Wolf. Auf der anderen Seite vermissen auch Städterinnen und Städter berechtigterweise teils das Verständnis der Bergbevölkerung für ihre Anliegen, die andere Anliegen sind. Es ist wichtig, dass wir mehr Verständnis füreinander herstellen. Auch das gehört zu unserer Schweiz. Deshalb fahre ich im Sommer die Rheinroute, vom ländlichsten Oberalppass bis in die pulsierende Stadt Basel, wo der Rhein die Schweiz in Richtung Deutschland verlässt.

Wie machen Sie das? 
Candinas: Mit dem Mountainbike, von Graubünden durch die Kantone St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen, Zürich, Aargau und Basel-Landschaft und Basel-Stadt. Da geht es um das Verbindende. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht das Trennende hochspielen und das Verbindende dabei vergessen. Der Fokus muss trotz unserer riesigen Vielfalt auf der Einheit liegen. Ob wir Genfer sind, Basler oder Bündner: Am Ende des Tages sind wir alle stolze Schweizerinnen und Schweizer.

Lassen Themen, die die Stadt beschäftigen, das Land nicht kalt – und umgekehrt? 
Candinas: Der Austausch findet statt. Wenn wir uns über das Jagdgesetz aufregen, müssen wir uns bewusst sein, dass auch in Graubünden nicht alle der gleichen Meinung sind. Auch da hat über ein Drittel zu dem aus meiner Sicht vernünftigen Gesetz Nein gesagt. Die Abstimmungen werden nie mit 100 Prozent der Stimmen entschieden, sondern vielleicht mit 60 gegen 40 Prozent. Das ist ein Unterschied von 20 Prozent, eine Person von fünf. Das heisst, dass vier von fünf Personen, die abstimmen, in beiden Regionen gleich ticken. Das müssen wir sehen – und nicht die Gräben noch grösser machen. Aufgabe der Politik wäre eigentlich, Gräben zuzuschütten, nicht in den Graben hinunterzusteigen und ihn noch tiefer zu graben. Das ist kein Patriotismus.

Apropos Graben: Alle konstruktiven Lösungsvorschläge der letzten Jahre kamen aus dem Ständerat. Ist der Nationalrat eine parteipolitische Grabenkampf-Organisation?  
Candinas: Der Nationalrat arbeitet sehr seriös und gut. Ich wehre mich gegen das Vorurteil, das tue nur der Ständerat. Aber es ist klar, dass Parteipolitik im Nationalrat eine andere Rolle spielt. Im Ständerat ist man freier und mehr dem Kanton verpflichtet als der eigenen Partei. Aber auch im Nationalrat finden wir viele konstruktive Lösungen, das sehe ich in meiner täglichen Arbeit in den Kommissionen. Am Ende müssen in der Schweiz immer beide Kammern zustimmen. Das verlangt, dass beide Räte konstruktiv unterwegs sind und aufeinander zugehen.

Gleich nach Amtsantritt mussten Sie eine doppelte Bundesratswahl managen. War das anstrengend? 
Candinas: Natürlich ist das sehr speziell und ein Höhepunkt als Nationalratspräsident. Wohl jede und jeder in diesem Amt wünscht sich, einmal Bundesratswahlen durchführen zu können. Lange hat es so ausgehen, als würde ich das in meinem Präsidialjahr nicht können. Dass es dann gleich zu zwei gekommen ist, war fast ein Sechser im Lotto.

Aber mit Stress verbunden? 
Candinas: Die Nervosität war selbstverständlich gross. Zehn Tage nach meiner eigenen Wahl folgten die Bundesratswahlen, die jeweils mit grossem Interesse verbunden sind. In den ersten Tagen im Amt habe ich nicht immer gut geschlafen. Vor allem gab es auch einen gewissen Druck, gerade von meinen eigenen Leuten.

Welchen Druck? 
Candinas: Sie wollten zum Beispiel wissen, wie ich am Wahltag das Rätoromanische einsetze: Hält er sein Versprechen, ein guter Botschafter der rätoromanischen Sprache zu werden? Mit Unterstützung der Parlamentsdienste haben wir eine wirklich gute Lösung gefunden, um die Ergebnisse auch in dieser Landessprache bekanntzugeben. Wir konnten das Romanische einfliessen lassen, ohne auf die französische oder deutsche Sprache zu verzichten. Das wurde sehr geschätzt. Darauf bin ich noch immer sehr stolz.

Hatten Sie nicht einfach Glück, dass es nicht mehr Wahlgänge gab? 
Candinas: Ich hätte es bis zum bitteren Ende durchgezogen. Wir hatten es vorbereitet und ausgerechnet, dass das Romanische eine Minute pro Wahlgang beanspruchte. Das hat es allemal verdient!

Welche Reaktionen bekamen Sie danach? 
Candinas: Enorm viele, fast mehr als nach meiner eigenen Wahl. Was mich natürlich gefreut hat, denn die eigene Wahl ist ja mehr oder weniger der Verdienst der anderen, während es bei den Bundesratswahlen auch ein bisschen der eigene ist. Die rätoromanische Bevölkerung war erfreut, endlich einmal ihre eigene Sprache zu hören. Die Reaktionen aus der Deutschschweiz, der Romandie und der italienischsprachigen Schweiz waren ebenfalls sehr positiv. Man steht zu unserer Viersprachigkeit.

Als oberster Schweizer haben Sie auch jede Menge Repräsentationspflichten. Ist es ein Stressjob? 
Candinas: Ich mache es sehr gern. Wenn man etwas gern macht, dann kennt man den Ausdruck Stress kaum. Der Alltag ist sehr intensiv, aber ich weiss, es ist eine Aufgabe auf Zeit: Am 4. Dezember 2023 wird mein Nachfolger dieses Amt übernehmen. Bis dahin übe ich meinen Job mit all seinen Anforderungen so engagiert und gut wie möglich aus. Von den Parlamentsdiensten bekomme ich gute Unterstützung. Das erleichtert Vieles.

Welches Verhältnis haben Sie zum berühmt-berüchtigten «Glöggli»? 
Candinas: Das ist eine Herausforderung: Wie oft soll man die Glocke nehmen, wie oft an die Disziplin appellieren? Ich denke, es ist in der Wintersession nicht so schlecht gelaufen.

Wie oft haben Sie danach gegriffen?
Candinas:
 Etwa drei- bis viermal pro Tag. Ich versuche ab und zu, die Kollegen und Kolleginnen über die folgenden Abstimmungen zu orientieren. Das kann ihnen bei der Planung helfen. So können sie den Saal verlassen, um beispielsweise ein Gespräch zu führen. Wir sind ein pulsierender Betrieb. Ein bisschen Lärm gehört dazu, aber man sollte den Redner und die Rednerin schon noch hören. Ich will mich nicht als Lehrer aufführen, möchte aber gleichzeitig eine gewisse Ordnung. Wenn man die ganze Zeit reklamiert, wird es nicht zwingend besser. Es ist eine Gratwanderung.

Haben Sie als Nationalratspräsident Zeit für Hobbys?
Candinas:
 Mein Ausgleich ist die Zeit mit der Familie. Wir waren ein paarmal Skifahren – weniger als in anderen Jahren, weil ich wirklich nicht über viel Zeit verfüge. Ich besuchte beispielsweise das Pferderennen White Turf in St. Moritz, den Spengler Cup in Davos und die Fasnacht in Disentis. Zu solchen Anlässen nehme ich vielfach auch eines der Kinder mit.

Was machen Sie im Sommer?
Candinas: 
Dann fahre ich wie gesagt Mountainbike. Die Rheinroute mache ich allerdings ohne meine Familie, sie ist streng. Acht Kantone in acht Tagen, 450 Kilometer. In diesem Jahr fährt meine Familie eine Woche lang ohne mich in die Ferien. Das ist neu, weil ich mir den Traum dieser Biketour erfüllen wollte. Ich werde aber auch noch einige Ferientage mit meiner Familie verbringen.

Martin Candinas (42) stammt aus Ilanz in der Surselva. Im Alter von 20 Jahren wurde der gelernte Sozialversicherungsfachmann für die CVP in den Bündner Grossen Rat gewählt. Elf Jahre später folgte 2011 die Wahl in den Nationalrat, den er seit vergangenem Dezember präsidiert. Martin Candinas wohnt mit seiner Frau und den drei Kindern in Chur.

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