Wer führen will, muss sich zuerst als Diener an der Sache und an seinen Mitarbeitenden verstehen. Dieses Führungs-Modell propagierte Robert K. Greenleaf schon vor Jahrzehnten – und Tech-Riese Google fährt heute gut damit. (Foto: Shutterstock)

Der US-amerikanische Unternehmensberater und Führungs-Forscher Robert K. Greenleaf schrieb vor mehr als 50 Jahren einen legendären Essay. Unter dem Titel «The Servant as Leader» postulierte er ein ganz neues Leadership-Verständnis. Zentral waren wohl die folgenden Worte: «Eine Führungskraft, die der Sache dienen will, muss sich als Dienerin verstehen. Es beginnt mit dem natürlichen Gefühl, dass man zuerst und vor allem dienen will. Erst dann entscheidet man sich bewusst dafür, nach Führung zu streben.»

Greenleaf hatte als Unternehmensberater erkannt, dass erfolgreiche Organisationen über Führungskräfte verfügten, die nicht als Dominatoren, sondern eher als unterstützende Coaches agierten, und damit vor allem den Bedürfnissen der Organisation und ihren Mitarbeitenden dienten. Er fasst dies folgendermassen zusammen: «Die Organisation existiert für die Person genauso wie die Person für die Organisation.» Darum machte er es sich zur Aufgabe, Wirtschaft und Arbeitsplätze mit dieser Erkenntnis und darauf basierenden Ideen zu verändern. In seinen Arbeiten betonte er stets, dass «Servant Leadership» einen holistischen Ansatz für die Arbeit, die Förderung des Gemeinschaftssinns und die Teilung der Macht bei der Entscheidungsfindung biete. Seine Botschaft von 1972 verhallte aber vorerst ungehört.

Dennoch gingen Greenleafs Erkenntnisse nicht verloren. So gibt es heute weltweit zahlreiche erfolgreiche Unternehmen, die das Konzept der dienenden Führung übernommen haben und auch praktizieren. Diese Unternehmen sind bekannt für das hohe Vertrauen, das in ihrer Organisation herrscht, aber auch für hohes Mitarbeitendenengagement und geringe Fluktuation. Beispiele sind etwa Google, Starbucks, FedEx oder Marriott International.

Gute Führung beginnt mit einem natürlichen Gefühl 
Spannend für heutige Verhältnisse bleibt, dass Greenleafs Konzept darauf basiert, dass Dienen zuerst «mit dem natürlichen Gefühl beginnt». Im Wesentlichen muss ein natürliches Gefühl intrinsisch sein. Und damit muss es tief in den Werten oder im Glaubenssystem einer Person verankert sein. Wenn eine Führungskraft sich dafür entscheidet, «zuerst zu dienen», dann setzt das gemäss Greenleaf eine «bewusste Entscheidung» in Gang – sie macht die Praxis des Dienens zu einer bewussten und umsetzbaren Angelegenheit; sie ist es, die dazu führt, dass man auf diese Weise «führen will».

Dieser von innen nach aussen gerichtete Führungsansatz ist in erster Linie der Grund dafür, dass so viele Manager nie den Versuch unternehmen, sich an die dienende Führung heranzuwagen. Es ist eine selbstlose Führung, und nicht jeder Mensch ist in der Lage, die hohen Erwartungen zu erfüllen, die die dienende Führung stellt.

Wenn man zuerst dient, dann zum Nutzen der anderen Person. Dies erfordert von den besten Führungskräften, dass sie ihre Aufmerksamkeit von sich selbst abwenden und den Fokus auf ihre Mitarbeitenden richten. Diese gilt es zu fördern und zu unterstützen. Greenleaf untersuchte jahrzehntelang Praktiken und Verhaltensweisen dienender Führungskräfte. Dabei stellte er fest, dass diese das Beste aus ihren Mitarbeitenden herausholten; diese waren motivierter, kreativer und produktiver. Am Ende führte das zu besseren Geschäftsergebnissen.

Das Paradoxon der dienenden Führung 
Das Paradoxon des Begriffs «dienende Führung» birgt so viel Spannung in sich. Die Worte «Diener» und «Leader» sieht man gemeinhin als Gegensätze an. Und der Begriff ist in Führungsstrukturen, die auf Befehl und Kontrolle beruhen, äusserst kontraintuitiv.

In Wirklichkeit führen dienende Führungskräfte mit Autorität, aber sie tun dies, indem sie die Mitarbeitenden von unten nach oben unterstützen. Sie fordern Spitzenleistungen und ziehen ihre Mitarbeitenden für Erfolg und hohe Leistung zur Verantwortung.

Dienende Führung im herkömmlichen Sinne bedeutet, dass man sich voll und ganz dafür einsetzt, die Voraussetzungen für Spitzenleistungen zu schaffen – indem man zuerst dient. Das ist es, worum es geht. Die Herausforderung besteht darin, sich selbst zurückzustellen und sich auf andere zu konzentrieren, um ihnen zu helfen, bemerkenswerte Ergebnisse zu erzielen. Und das macht das Führungskonzept von Greenleaf so innovativ – gerade in der heutigen Zeit.

Wenn das Profil zum Problem wird

Die Spuren, die wir auf unseren Rechnern oder Handys hinterlassen, sind langlebig. Es kann zu unschönen Überraschungen kommen, wenn Daten kombiniert und missbraucht werden.

Ist die Frontstellung bei der Privatsphäre am Ende?

Harvard-Professor Niklas Maak sieht im Lockdown einen entscheidenden Treiber, dass wir unsere Einstellung zu unserem Schlafzimmer ändern.

«Die Lage ist noch etwas schlimmer geworden»

Der scheidende Armeechef Thomas Süssli erklärt, wie es um die Schweizer Armee steht – und was ihm am meisten Sorgen bereitet.  

Wie schaffen Unternehmer im Parlament den Spagat?

Franz Grüter und Ruedi Noser verraten, wie sie die Doppelbelastung aus Wirtschaft und Politik schultern.

Leichtes Spiel für Verschwörungstheorien

Soziale Medien, fragmentierte Informationslandschaften und Algorithmen belohnen die Empörung

Kooperation statt Konfrontation

Warum Tim Walz einen Unterschied weltweit machen kann

EU und Facebook steuern auf einen Konflikt zu

Mit Natotargeting verletzt der Tech-Gigant wohl Vorgaben des europäischen Datenschutzes.

«Ich sage das nicht, um die Schweiz zu verführen»

Luxemburgs Aussenminister Jean Asselborn zur Zukunft der EU – und weshalb das Grossherzogtum nur dank der EU-Mitgliedschaft souverän geblieben ist.

Warum sich für die zweite Landessprache der Effort lohnt

Französisch in der Schule wird oft als Last empfunden