Kein Präsident in der US-amerikanischen Geschichte hat die Medien so schlecht dargestellt wie Donlad J. Trump. Seine reichweitenstarken Anhänger verbreiten inzwischen sogar Fake-News in Europa. (Foto: Shutterstock)

Drei Tage nach der US-Präsidentenwahl 2020 begann Kyle Becker, ein ehemaliger Fox News-Produzent mit bescheidenen 15’000 Twitter-Followern, fieberhaft zu Wahlbetrug zu twittern. «BOMBSHELL», schrieb er am 6. November und teilte angebliche Enthüllungen, dass Softwarepannen Millionen von Stimmen von Präsident Donald Trump auf den Herausforderer Joe Biden hätten lenken können. Beckers Tweet-Sturm ging schnell viral und brachte ihm in nur vier Stunden mehr als 5000 zusätzliche Follower. Als zwei Monate später der Mob aus Trump-Anhängern das US-Kapitol stürmte, war Becker bereits zu einem Influencer aufgestiegen. Sein Twitter-Publikum hatte sich auf 177’000 Follower erhöht. Seit seinem Abgang bei Fox im Herbst 2020 hat Becker seine Marke als rechter Kommentator aufgebaut. Heute kuratiert er seine eigene Online-Nachrichtenseite, tritt als Gast in konservativen Podcasts und Fernsehsendungen auf und schreibt einen Strom viraler, oft irreführender Tweets zu Themen wie Corona-Impfstoffen, dem Ukraine-Krieg und der FBI-Razzia in Trumps Mar-a-Lago-Residenz.

Explodierende Followerzahlen bei rechten Verschwörungs-Propagandisten

Gemäss Recherchen der «Washington Post» ist Becker aber längst nicht allein: Die Wahl 2020 und ihre turbulenten Nachwirkungen haben eine ganze Generation von Online-Influencern hervorgebracht, wie eine Datenanalyse der Redaktion ergab. Sie bescherte einer Reihe von Konservativen, die Trumps falsche Behauptungen über Wahlbetrug, die sogenannte «Big Lie» wiederholten, geradezu explodierende Follower-Zahlen. Einige verdoppelten oder verdreifachten ihre Gefolgschaft auf Twitter, während andere sogar noch grösseren Zuwachs verzeichnen konnten – und sich wie Becker von relativer Unbekanntheit zu Online-Ruhm katapultierten.

Was die Recherche der Washington Post aber brisant macht: Sie ergab, dass diese Konten immer mehr Follower gewinnen. Und das trotz Versprechen der grossen Social-Media-Plattformen, gegen Desinformation im Zusammenhang mit politischen Rechten vorzugehen. Und die Online-Influencer? Sie sind dazu übergegangen, ihre reichweitenstarken Kanäle als Megafone zu nutzen, um Debatten über andere Themen zu beeinflussen. Etwa indem sie ihre Falschinformationen und Übertreibungen zu heiss debattierten Themen wie Transgender-Rechte, Critical-Race-Theory, aber auch russische Fake News zum Ukraine-Krieg verbreiten. Und damit wohl Wirkung in anderen Weltgegenden entfalten, wo solche Debatten auch langsam Einzug halten.

Kate Starbird, eine führende Expertin für Desinformation an der University of Washington, sagt gegenüber der Washington Post: «Sobald diese Leute einen gewissen Einfluss erlangt haben, können sie diesen auch weiterhin und anderweitig nutzen». Die Manipulation werde in ein ganzes Netzwerk eingebettet.

Für ihre Analyse identifizierte die Washington Post 77 der grössten Desinformations-Kanäle zur Wahl 2020, verfolgte so dann, wie sie ein immer grösseres Publikum aufbauten, und analysierte schliesslich, welche anderen Debatte diese anheizten.

Die Liste enthält viele bekannte Persönlichkeiten wie Trump selbst, seine Söhne Eric und Donald Jr., Trump-Berater Stephen K. Bannon und andere, die der Trump-Regierung nahestehen. Dazu gehören auch prominente Medienvertreter wie Sean Hannity von Fox News, Jim Hoft von Gateway Pundit und Josh Caplan von Breitbart News. Aber es sind auch viele weniger bekannte Persönlichkeiten dabei – konservative Experten, selbsternannte Bürgerjournalisten und andere, die vor allem durch ihre Online-Präsenz bekannt sind. Bei einigen stieg der Einfluss sprunghaft an: Beckers Twitter-Publikum wuchs um mehr als 1000 Prozent. Kein Wunder, dass seine Twitter-Kommentare zu einer Anti-Massnahmendemo in Zürich vom Februar 2022 von seinen Fans massenhaft weiterverbreitet wurden.

Nun dienen diese Influencer der russischen Propaganda

Viele dieser neuen Twitter-Influencer genieren sich nicht, als Echokammern für russische Propaganda zu dienen: Einen Monat nach dem Angriff auf die Ukraine liess Autokrat Vladimir Putin die falschen Informationen über geheime US-Militär-Labors im Nachbarstaat verbreiten, wo die Vereinigten Staaten gefährliche Biowaffen entwickelt hätten. Gerade Accounts aus der Gruppe der 77 grössten Desinformations-Kanäle verbreiteten acht der zwanzig wichtigsten Tweets zu dieser Verschwörungstheorie. Das US-Aussenministerium hat zwar eingeräumt, biologische Forschung in der Region zu finanzieren, um Krankheitsausbrüche zu verhindern, bezeichnete die Biowaffen-Narrative jedoch in einer Erklärung als «glatte Lügen». Trotzdem wurden diese Tweets nicht nur in Europa, sondern auch in der Schweiz von pro-russischen Propagandisten aufgenommen.

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