Die re:publica Berlin ist das Festival für die digitale Gesellschaft und die grösste Konferenz ihrer Art in Europa. Dieses Jahr stand sie unter dem Motto «Any Way the Wind Blows». Die Konferenz war vollgepackt mit spannenden Inputs, Vorträgen und Workshops. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit fassen wir hier unsere Highlights zusammen.

Der Vortrag «Wegweisende Vordenker oder kalifornische Ideologie? Wie Pioniergemeinschaften unser Handeln prägen» führte uns direkt an den Ursprung der Digitalisierung zurück. Wie sind die Tech-Companies eigentlich entstanden und was war davor? Ausgehend vom «The Whole World Catalog», versuchte Andreas Hepp aufzuzeigen, dass verschiedene Communitys – Maker oder Hacker – für neue digitale Trends jeweils den Boden bereiteten. Hat die Community den Höhepunkt erreicht und sich das Thema in der Gesellschaft etabliert, können neue Firmen entstehen. Dies war u. a. auch der Ursprung von Apple, wie das folgende Zitat von Steve Jobs unterstreicht: «When I was young, there was an amazing publication called ‹The Whole Earth Catalog›, which was one of the bibles of my generation.(…) This was in the late 1960’s, before personal computers and desktop publishing, so it was all made with typewriters, scissors, and Polaroid cameras. It was sort of like Google in paperback form, 35 years before Google came along: it was idealistic, and overflowing with neat tools and great notions.»

Ein ähnlich gutes Beispiel für diese These ist «The Billion Dollar Code», eine Netflix-Serie, die die Geschichte von Berliner Hackern, Künstlern und Codern aufarbeitet, die lange vor Google Earth ein ähnliches Projekt zum Fliegen gebracht hatten, von der aufstrebenden Firma aus dem Silicon Valley aber um ihre Forschungsergebnisse betrogen wurden – so wie viele andere kleine Start-ups auch.

«Bitte seien Sie nicht gleichgültig»

Eloquent, ohne Folien und ohne Notizen trug Bernhard Pörksen seine Gedanken zu den Lehren aus dem Informationskrieg vor. Und wie so oft, beginnt alles mit einer Geschichte. Die Geschichte von Misha Katsurin, der in der Ukraine lebt, und seinem Vater in Russland. Der Sohn, der mit dem Vater telefoniert, und der Vater, der nicht versteht, was in der Ukraine geschieht, weil die Informationen, die er in Russland über den Konflikt erhält, komplett falsch sind. Was dazu führt, dass der Sohn eine Website einrichtet und eine Art Anleitung aufschaltet, wie man mit russischen Verwandten sprechen soll, um so den Menschen die Wahrheit über den Konflikt aufzuzeigen.

Die Leitfrage des Referats: Wie lassen sich Informationskontrolle und Propaganda-Narrative rechtzeitig und effektiv brechen?

Wenn die Desinformation, wenn die Fake News bereits verbreitet wurden, ist es meistens schon zu spät. Dabei blieb der Ausdruck «präventive Desinformationsbekämpfung» bei vielen hängen. Es geht um ein Konzept, das folgendermassen funktioniert: Man reagiert gar nicht erst auf Desinformation, sondern rechnet strategisch schon davor mit der Desinformation und kann sie so als eine vorprogrammierte Desinformation aufdecken. Dazu benötigt man Szenarien und Prognosen. Das Konzept bedingt aber, dass man sich mit dem Milieu der Gegenseite schon lange im Voraus auseinandergesetzt hat.

Aus Sicht von Bernhard Pörksen steht für die Demokratien der Zukunft klar die Medienkompetenz im Zentrum. Sie beginnt bereits in der Schule. Pörksen erklärt dies am Beispiel von Finnland, welches nach der Krim-Annexion die Medienbildung in den Schulen neu ausgerichtet hat.

Hängen geblieben ist auch der Wunsch von Misha Katsurin, den er Bernhard Pörksen nach einem Zoom-Call mitgegeben hat: «Bitte seien Sie nicht gleichgültig.»

Im Anschluss an sein Referat auf der grossen Bühne nahm sich Bernhard Pörksen Zeit für ein Media-Meetup. Im kleinen Kreis sinnierte er mit Zuhörerinnen und Zuhörern über die Möglichkeiten der Medien, vor allem über den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Aufklärungspflicht oder zwischen der Relevanz von Themen aus Sicht der Redaktion und dem, was die Leute in der Realität dann wirklich anklicken. Eine einheitliche Lösung, um dieser Herausforderung zu begegnen, gibt es nicht. Man war sich aber auch hier einig, dass die Medienkompetenz eine zentrale Rolle spielt und bereits in der Schule trainiert werden muss, weil ja gerade die Jungen heute über Social Media schon früh mit Fake News in Berührung kommen. Zudem erachtet man es als selbstverständlich, dass die Medien in einer funktionierenden Demokratie eine unersetzliche Rolle spielen. Diese Rolle müssen aber auch die Medien entsprechend wahrnehmen.

Die digitale Standpauke

Die Rundschläge von Sascha Lobo an der re:publica sind legendär. Auch diesmal wies seine Rede zur Lage der Nation Kultpotenzial auf. Er arbeitete zwei Corona-Jahre auf und prangerte die fehlende Digitalisierung, v. a. am Beispiel von Deutschland, wie schon in der Vergangenheit an. Lobo wird das aber wohl jedes Jahr wieder machen müssen, bis es mit der digitalen Entwicklung nicht nur in Deutschlang endlich vorwärts geht. Sascha Lobo schaffte es, auch die ernsteren Themen mit einem Augenzwinkern zu kommentieren. Und dazu Thesen auszupacken, die beim Publikum der re:publica durchaus für Diskussionen sorgten. Spannend auch die Folie mit der Aufteilung des weltweiten Werbekuchens – diese zeigt auf, dass allein Facebook, Google und Amazon drei Viertel des Kuchens einkassieren.

Dennoch: Sowohl bei Bernhard Pörksen als auch bei Sascha Lobo gab es trotz aller Kritik diesen Hauch des Positiven, das noch immer in der Digitalisierung und in den Social-Media-Plattformen steckt. Bei allen Problemen mit Fake News und Hate Speech, ist es immer noch schön und berührend, wenn in speziellen Momenten wieder so etwas wie ein Wir-Gefühl aufkommt.

Genau darauf baute auch Gunter Dueck auf. Er versuchte mit dem Begriff «Utopie-Syndrom» zu erklären, dass Änderungen in der Gesellschaft nicht einfach in der gewünschten Frist umgesetzt werden können. Und dass nicht jeder, der für sich nicht den Genderstern nutzt, gleich ein Idiot sein muss. Er möchte, dass wir wieder miteinander diskutieren und wir davon ausgehen, dass das Gegenüber seine Gründe hat, so zu reagieren. Dueck wünscht sich gerade darum, dass wir uns wieder auf Augenhöhe begegnen und auch den moralischen Druck aus den Diskussionen nehmen.

Shoah-Gedenken auf TikTok

Soll man heikle oder potenziell verletzende Themen überhaupt auf Social Media thematisieren? Eine Frage, die viele von uns gerade bei politischen Kampagnen immer wieder beschäftigt. Die Holocaust-Gedenkstätte Neuengamme hat sich diese Frage ebenfalls gestellt, und sie mit einem klaren Ja beantwortet: «Shoah-Gedenken auf TikTok – wie es geht und warum es gehen muss.» Denn das sei ein wirklich heikles, aber auch enorm wichtiges Thema, um die künftigen Generationen über das Grauen von damals zu informieren. Die Gedenkstätte Neuengamme traut sich einiges auf TikTok, sie lotet aus, wie weit man beim Thema Holocaust-Gedenken gehen kann. So schaffen es die Verantwortlichen, mit ihrer Arbeit gerade die Generation Z und die Generation Alpha abzuholen.

Generation Alpha

Vieles könnte besser werden, aber einiges auch schwieriger. Wenn die Vorhersagen auf mehreren Panels stimmen, wird die Generation Alpha kritischer gegenüber journalistischen Inhalten eingestellt sein. Diese Generation und auch die Generation Z fallen weniger auf Desinformationen rein. Die Angehörigen beider sozialer Gruppen sind mit dem Smartphone gross geworden, wissen, was damit möglich ist, denn sie nutzen es täglich. Damit durchschauen sie einige der Tricks, von denen sich unsere Generation vielleicht noch hätte täuschen lassen. Sie werden aber deutlich schwieriger zu erreichen sein: Mit dem linearen Fernsehen oder Radio ist diese Generation nicht mehr zu gewinnen. Auch Zeitungen und Medienhäuser werden diese Leute kaum noch erreichen. Schon heute lesen diese Gruppen Zeitungsartikel nur dann, wenn sie einen Hinweis auf Tiktok finden oder durch eine Nachricht per Whatsapp darauf aufmerksam werden. Hingegen suchen Angehörige von GenZ oder Gen Alpha sehr systematisch nach den Themen, die sie interessieren – entweder auf YouTube oder dann gezielt auf TikTok. Denn auf beiden Kanälen serviert der Algorithmus den Usern ein thematisches Video nach dem anderen, gestützt auf die Analyse des bisher konsumierten Contents. Sowohl die Medien als auch die Kommunikationsbranche werden sich hier Mühe geben müssen, wenn sie sich auf dieser neuen Spielwiese behaupten wollen.

No Escape from Reality – so etwas wie ein Fazit

Drei Tage re:publica heisst eintauchen in Themen rund um die digitale Gesellschaft. Nur gibt es mittlerweile keinen Unterschied mehr zwischen analoger und digitaler Gesellschaft. So haben auf der re:publica sämtliche Gesellschaftsthemen Platz und auch Debatten, die einen auf den ersten Blick etwas staunen lassen und die man so vielleicht nicht erwartet hätte. Dennoch ermöglicht es die Konferenz einem, ein Gefühl dafür zu bekommen, wohin sich die Gesellschaft bewegen könnte, und welche Herausforderungen vor uns liegen – dazu auch, welche Tools gerade angesagt sind oder wie andere Firmen, Parteien und Institutionen auf TikTok, Instagram und Co. kommunizieren. In einigen Fällen waren die Referate etwas gar dystopisch. Man würde sich mehr Optimismus in Bezug auf die digitale Welt wünschen oder zumindest konstruktive Lösungsansätze, die über die durchaus gerechtfertigte Kritik an den Techfirmen hinausgehen.

Und vielleicht, nur ein Gedanke, sollten wir das Tempo der Tools und Möglichkeiten, welche die Technologie mit sich bringt, und die immer noch faszinieren, nicht als Masseinheit für die gesellschaftliche Entwicklung nehmen. Vielleicht sind wir als Gesellschaft schlichtweg überfordert von der Geschwindigkeit, welche mit der Digitalisierung einhergeht, und müssen uns erst an die neuen Möglichkeiten, Herausforderungen und v. a. an das höhere Tempo gewöhnen. Im Vergleich mit anderen Technologien haben das Internet, Social Media oder das Smartphone die Gesellschaft enorm schnell erobert. Für einige von uns ist es immer noch etwas Spezielles und oft beinhaltet es auch etwas Beängstigendes. Um aber optimistisch zu schliessen, möchte ich nochmals Freddie Mercury zitieren: «It’s a kind of magic.»

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