«Schulschliessungen sind auf alle Fälle zu vermeiden»

Susanne Hardmeier, Generalsekretärin der ErziehungsdirektorInnenkonferenz, über die Lehren, welche die Bildungsverantwortlichen nach fast zwei Jahren Pandemie ziehen.

Susanne Hardmeier befasst sich als Generalsekretärin der ErziehungsdirektorInnenkonferenz mit wichtigen Fragestellungen in Sachen Bildung. In diesem Jahr, wie schon im 2020, kamen dazu noch alle Corona-Problemstellungen für die Schulen. (Foto: zgv)

Susanne Hardmeier, was ist für Sie Macht?

Susanne Hardmeier: Macht ist für mich ein etwas altertümlicher Begriff, der davon ausgeht, dass es Menschen oder Gruppen gibt, die allein entscheiden können. In der Schweiz ist es glücklicherweise so, dass Entscheide immer durch unterschiedliche Prozesse und Gremien zustande kommen und sich die Macht auf die Mitwirkenden verteilt. Deshalb musste ich ein bisschen schmunzeln, als ich den Titel dieser Gesprächsserie gesehen habe.

Sitzen Sie denn nicht am Schalthebel der Macht?

Hardmeier: Wir können an Entscheiden mitwirken, das ist bei uns sicher der Fall.

Standen wegen der Pandemie mehr Entscheide als üblich an?

Hardmeier: Nicht Entscheide, aber Gespräche, die die Grundlage für die Entscheide der Kantone bildeten. Selbstverständlich war der Diskurs in der EDK in den letzten zwei Jahren stark von diesem Thema geprägt.

Einige Kantone testen in den Schulen, andere nicht, wieder andere überlassen es den Gemeinden oder sogar der einzelnen Schule. Der gleiche Flickenteppich besteht bei der Maskenpflicht. Hat die Pandemie die Ohnmacht der EDK gezeigt?

Hardmeier: Die EDK ist der Überzeugung, dass Entscheide umso besser ausfallen, je näher sie an der Bürgerin und am Bürger sind. Gemeinsame Lösungen arbeitet sie dort aus, wo sie sie für geeignet hält, um negative Auswirkungen von Unterschieden zu verhindern. In der Frage der Maskenpflicht und anderer Corona-Massnahmen an den Schulen ist sie zum Schluss gekommen, dass der Kanton die richtige Ebene ist, um über die für ihn geeigneten Massnahme zu entscheiden. Sie hat diesen Entscheid während der ganzen zwei Jahre positiv beurteilt.

Die Pandemie macht aber vor den Kantonsgrenzen nicht halt.

Hardmeier: Natürlich nicht. Aber die Betroffenheit ist regional und kantonal sehr unterschiedlich und die Institutionen sind es übrigens auch. Deshalb war es rückblickend der absolut richtige Entscheid, der immer wieder getroffen wurde, die Kantone selber bestimmen zu lassen. Daneben wurden gemeinsame Grundsätze entwickelt, etwa zu Schulschliessungen und Fernunterricht.

Welches sind Ihre Lehren aus dem Lockdown und dem Fernunterricht?

Hardmeier: Schulschliessungen sind eine Erfahrung, welche die Bildungsdirektionen auf alle Fälle vermeiden möchten. Die Schulen offenzuhalten, ist ihr oberstes Credo. Die Kantone und Gemeinden, die Schulleitungen und Lehrpersonen setzen weiterhin alles daran, um Schulschliessungen zu verhindern.

Umgekehrt wollen immer mehr Eltern ihre Kinder nicht in die Schule schicken, weil sie fürchten, dass sie sich dort anstecken. Eine Herausforderung für die EDK?

Hardmeier: Das ist ein Thema, das die Kantone und Gemeinden beschäftigt. Gesamtschweizerisch wird über die zur Verfügung stehenden Massnahmen diskutiert, die die grösstmögliche Sicherheit der Schülerinnen und Schüler, aber auch der Lehrpersonen gewährleisten.

Dass sich die Massnahmen teils von Schule zu Schule unterscheiden, wird oft nicht verstanden. Sollte man das nicht besser abstimmen?

Hardmeier: Jeder Kanton bestimmt selber, wie viel Freiraum er seinen Schulgemeinden geben will. Es gibt auch Kantone, die Vorgaben für alle Gemeinden erlassen. Gesamtschweizerisch tauscht sich die EDK regelmässig über die Massnahmen aus. Sie ist aber klar der Überzeugung, dass es richtig ist, dass der Kanton entscheidet, welchen Massnahmenmix er anwendet. Was gerne vergessen geht: Im Gegensatz zu sämtlichen Nachbarländern blieben in der Schweiz die Türen der obligatorischen Schule und der Sekundarstufe II in diesem Jahr durchwegs offen. Dieser riesige Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit und auch kein Zufall.

Für das Lehrpersonal ist die Situation anspruchsvoll. Droht ein Exodus wie im Gesundheitsbereich?

Hardmeier: Die pädagogischen Hochschulen hatten noch nie so viel Zulauf wie jetzt. Die Zahlen jener, die Lehrer oder Lehrerin werden wollen, steigen. Deshalb teile ich diese Sorge überhaupt nicht. Dass aber die aktuelle Situation für die Lehrpersonen eine Riesenherausforderung darstellt, ist klar. Ihre Leistung zur Bewältigung dieser Krise ist immens.

Wird die Krise die Harmonisierung des Bildungswesens beschleunigen oder bremsen?

Hardmeier: Das kann ich noch nicht beurteilen. Der Unmut in der Bevölkerung in Bezug auf die unterschiedlichen Massnahmen ist aber nicht unbedingt ein beschleunigender Faktor: Die Meinungen zu den Massnahmen an den Schulen gehen enorm auseinander. In fast jeder Gemeinde gibt es das ganze Spektrum an Eltern. Die einen finden, man solle möglichst nichts tun und ihr Kind friedlich in die Schule gehen lassen. Andere sind der Ansicht, man müsse die Schulen schliessen, wenn die Ansteckungen steigen. Bei einer harmonisierten Lösung hat man folglich entweder die einen oder die anderen gegen sich.

Keine guten Voraussetzungen für eine Harmonisierung?

Hardmeier: Es ist wie bei allen politischen Harmonisierungswünschen: Man will, dass die Meinung, die man selber vertritt, für die ganze Schweiz gilt. Der Ruf nach Harmonisierung ist häufig der Ruf nach der Lösung, die einem mehr entsprechen würde als diejenige, die in der eigenen Gemeinde oder im eigenen Kanton gilt.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Verantwortliche von Schulen sämtliche Corona-Massnahmen bekämpfen?

Hardmeier: Massnahmen werden durch die Kantone und Gemeinden bestimmt und sind umzusetzen. Ich bin nicht direkt zuständig für Schulen, aber das scheint mir selbstverständlich.

Welches ist für die EDK die wichtigste Lehre aus der Pandemie?

Hardmeier: Wir haben bisher sehr viel gelernt und werden Zeit brauchen, um die Learnings zu analysieren. Was wir sicher in die Zeit nach der Pandemie mitnehmen werden: die enge Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten in den Kantonen, von der Verwaltung bis zur Schulleitung, die Möglichkeit, schnelle Prozesse und Entscheide herbeiführen zu können, wenn es nötig ist. Da haben wir enorm dazugelernt.

Was macht Ihnen am meisten zu schaffen?

Hardmeier: In den letzten Monaten hat das Verständnis für unsere föderale Staatsstruktur und das Subsidiaritätsprinzip abgenommen. Ist eine Staatsebene für eine Sache zuständig, so trägt sie die Verantwortung und muss daher in ihrem Kompetenzbereich selbstständig entscheiden können. Damit sind auch nicht nur die Regierungen gemeint, sondern es sind Parlamente und letztlich das Stimmvolk, das auf jeder Staatsebene die Politik prägt. Im föderalen System sind Unterschiede kein negatives Nebenprodukt. Nein: Sie sind gewollt. Dass dieses Verständnis abhandengekommen ist, ist schmerzhaft. Ich hoffe und werde mich dafür einsetzen, dass wir das wieder zurückgewinnen. Das gegenseitige Verständnis für die Staatsebenen ist ein elementarer Baustein des Föderalismus.

Ist die Pandemie der grösste Brocken, der Sie als Generalsekretärin der EDK beschäftigte?

Hardmeier: Die grossen Themen sind die Entwicklungen im Schulsystem, unabhängig von Corona, wie zum Beispiel die Digitalisierung; den Wandel, der in der ganzen Gesellschaft stattfindet, in der Schule begleiten, und miteinander gute Lösungen erarbeiten zu können. Prägendes Element ist für mich die Zusammenarbeit mit dem Bund im Bildungsbereich, die sich in den letzten Jahren etabliert hat. Wir haben gemeinsam Digitalisierungsstrategien erarbeitet, die beim Bund und in den Kantonen umgesetzt werden. Wir haben Institutionen, die Lösungen erarbeiten, sowohl bundesseitig als auch in den Kantonen.

Lösungen wie den Lehrplan 21?

Hardmeier: In der Deutschschweiz ist der Lehrplan 21 eine Folge der Harmonisierung der Systeme, die in den letzten 15 Jahren stattgefunden hat. Dass die Harmonisierung der Schulsysteme konstant gepflegt wird, ist eine wichtige Entwicklung. Eines der Resultate sind die sprachregional harmonisierten Lehrpläne – in der Deutschschweiz ist es der Lehrplan 21, in der Westschweiz der Plan d’études romand und in der italienischsprachigen Schweiz der Piano di studio. Im Zuge der Harmonisierung wurden auch die Strukturen angeglichen. Dass zum Beispiel die Sekundarstufe in allen Kantonen drei Jahre dauert, ist auch eine Folge der Harmonisierungsentscheide.

Was beschäftigt die EDK aktuell in Sachen Digitalisierung?

Hardmeier: Die riesige Herausforderung ist der Umgang mit Daten im Bildungssystem. In allen Bereichen fallen immer mehr Daten an, die Kinder betreffen. Bund und Kantone sind gemeinsam daran, Lösungen zu finden, dass diese Daten genutzt, aber nicht missbraucht werden können. Dass man die physische und psychische Identität der Kinder schützen muss, wenn sie in die Schule gehen, ist allen klar. Bei der digitalen Identität muss das genau gleich sein. Wenn ich mein Kind in die Schule schicke, muss ich als Mutter sicher sein, dass seine Daten nicht in falsche Hände geraten.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit als Generalsekretärin der EDK am besten?

Hardmeier: Die Vielfalt – in meinem Team ebenso wie in der interkantonalen Zusammenarbeit. Ich arbeite für 26 Regierungsmitglieder und die Bildungsministerin des Fürstentums Liechtenstein. Die haben je ihre Verwaltung, und das sind meine täglichen Gesprächspartner. Dazu kommen die vielen Akteure des Bundes, der Verbände der Schulleitungen und Lehrpersonen, Organisationen der Arbeitswelt und Hochschulen.

Wer darf Ihnen privat widersprechen?

Hardmeier: Alle dürfen mir widersprechen – und tun es auch. Mein Mann, meine Kinder, mein ganzes Umfeld.

Beschäftigen Sie sich in Ihrer Freizeit ebenfalls mit Kindern, Jugendlichen und Bildung?

Hardmeier: Ich habe ganz unterschiedliche Freizeitbeschäftigungen: Singen, Filme schauen mit meinen Kindern, bis zum Nähen. Ich habe eine riesige Sammlung wunderbarer Stoffe, Fäden und Bänder. Mit Glück finde ich mal genügend Zeit, um all die Nähprojekte umzusetzen, die ich so habe. Aber vermutlich muss ich damit bis zur Pensionierung warten.

Susanne Hardmeier (49) war nach ihrem Jus-Studium in Zürich und Genf in der Bundeskanzlei und in der Bildungsdirektion des Kantons Zürich tätig. Vor 13 Jahren wechselte sie zur Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und Erziehungsdirektoren (EDK), deren Generalsekretariat sie seit 5 Jahren leitet. Mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Alter von 10 und 12 Jahren wohnt die Zürcherin in der Stadt Bern.

*In der Schaltzentrale der Macht
Sie sitzen auf entscheidenden Positionen, aber selten im Rampenlicht: Generalsekretäre von Parteien oder eidgenössischen Departementen, Geschäftsführerinnen von Verbänden oder Direktoren von Nichtregierungsorganisationen. Braucht die Schweiz politische Lösungen, helfen sie diese zu entwickeln. In regelmässigen Abständen wollen wir im Gespräch die Schaltzentralen der Macht ausleuchten.

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