Clubhouse kommt zum richtigen Zeitpunkt: Viele sind im Homeoffice oder anderweitig isoliert. Man sehnt sich nach sozialen Begegnungen und will mit anderen Menschen ins Gespräch kommen. (Foto: Shutterstock)

«Das Radio wird zum Sprecher und Medium in einem: Es kommuniziert mit den Hörern (‹die Lindberghs›).» Bertolt Brecht

Das Jahr 2021 ist erst ein paar Wochen alt und hat bereits einen ersten Online-Hype. Die App «Clubhouse» ist in den USA schon länger in Betrieb, den Durchbruch im deutschsprachigen Raum hat sie erst Mitte Januar geschafft.

Unvermittelt tauchte vorletzte Woche der Begriff «Clubhouse» in meiner Twitter-Timeline gehäuft auf. Alle Hinweise waren immer mit dem Zusatz «nur mit Einladung» verbunden. Wie von den Entwicklern gewollt, steigerte gerade dieser Zusatz meine Neugierde auf die App. Bei mir war es wohl vor allem die Déformation professionnelle. Bei vielen anderen dürfte dieser Effekt ähnlich funktioniert haben.

Innerhalb weniger Stunden fand sich eine veritable Schweizer Community auf Clubhouse zusammen. Auch ich stürzte mich mit Neugierde in dieses «neue» Soziale Netzwerk und war rasch begeistert von der Einfachheit. Einerseits die intuitive Handhabung, andererseits auch der Umstand, dass auf dieser Plattform «nur» gesprochen wird.

Rasch fand ich erste Räume, denen man zum Mitreden einfach beitreten konnte, Zusammen mit ein paar Kollegen habe ich einen Schweizer MeetUp-Raum eröffnet. Wir waren alle ziemlich erstaunt, als sich der Raum bereits am ersten Abend gut füllte und rasch Diskussionen zustande kamen.

Menschliche Stimme

Ohne grosse Berührungsängste bin ich mit Menschen in Kontakt gekommen, mit welchen ich vorher noch nie gesprochen hatte. Was mir dabei besonders auffiel: Die Zwischentöne in den Stimmen. Ein Thema, bei welchem auf Twitter mit den 280 Zeichen die Diskussion rasch in Gepöbel ausartet, kann auf Clubhouse so diskutiert werden, dass sich alles normal anfühlt. Zumindest herrschten in den Sessions, die ich besucht habe, ganz normale Tonlagen vor.

Politische Diskussionen werden auf Twitter immer anstrengender. Meist wird sofort auf den Mann oder die Frau gespielt und die eigene Meinung wird über alle anderen gestellt. Wie bei einem Brüllwettbewerb, der kaum noch etwas mit einer Diskussion zu tun hat. Auf Clubhouse habe ich diese Zwischentöne wiedergefunden, Verständnis für andere Meinungen, Mut zu Diskussionen, Einwände, Unsicherheiten. Alles, was ein Gespräch zwischen Menschen ausmacht, während man auf Twitter oder Facebook oft nur noch dem Meinungs-Übermenschen begegnet. Auf Clubhouse kann über die Ehe für Alle, E-ID oder Genderfragen gesprochen werden, ohne dass es gehässig wird oder jemand auf die Person spielt.

Trotz Offline-Feeling

Der neuste Online-Hype ist lustigerweise ziemlich offline. Anders als bei Twitter und Facebook verbleiben die Texte oder eben Talks nicht im Internet. Ein wenig ironisch finde ich den Umstand, dass jetzt, wo man den Untergang des linearen Fernsehens und wegen den Podcasts auch des linearen Radios prophezeit, ausgerechnet eine App aufkommt, die nur linear funktioniert. Plötzlich verpasst man wieder etwas, was mich, der sich an die ewige Verfügbarkeit gewöhnt hat, anfänglich tatsächlich etwas nervös gemacht hat. Es bleibt das Gefühl von Unmittelbarkeit, man kann sich äussern, ohne auch Jahre später noch darauf behaftet zu werden. Man öffnet sich für andere Meinungen und Erfahrungen, was wiederum den eigenen Horizont erweitert.

Ist Clubhouse vielleicht einfach eine Pandemie-App?

Die App kommt zum richtigen Zeitpunkt. Viele sind im Homeoffice oder anderweitig isoliert. Man lechzt nach menschlichen Begegnungen und will mit anderen Menschen ins Gespräch kommen. Es fehlt die Kaffeemaschine im Büro, es fehlen das Feierabendbier oder der Stammtisch. Bei Clubhouse findet man dieses Gefühl wieder. Ob es auch nach den Corona-Einschränkungen so bleiben wird, ist schwierig abzuschätzen. Wenn es wieder möglich ist, Menschen im realen Leben zu treffen, wird das Netzwerk vielleicht an Attraktivität verlieren. Was allerdings bleibt, ist die räumliche Distanz, auch die wird mit Clubhouse aufgehoben. Wenn ich will, kann ich mich mit Menschen auf der ganzen Welt unterhalten.

Tummelplatz für Kreative

Es bleibt eben die Frage, ob sich die App beziehungsweise dieses Netzwerk etablieren wird. Oder ob es nach einem kurzen Up dann auch bald wieder down sein wird? An kreativen Ideen mangelt es zurzeit noch nicht. Zwar tummeln sich auch auf Clubhouse schon die üblichen Coaches und Marketingleute. So wird darüber gesprochen, wie man Clubhouse monetarisieren und die Follower-Anzahl erhöhen könne. Aber bereits jetzt treffen sich auch Musikerinnen und Musiker, um etwa über ihre Werke zu sprechen und Musik zu hören. Es gibt einen Ruheraum oder einen Chill-Beats-Raum, wo man zusammen Musik hören kann. Es werden Theaterstücke aufgeführt und Lesungen finden statt. Ich könnte mir vorstellen, dass es bald auch die ersten Meditationen und Gottesdienste geben wird. Es gibt bereits Leute auf Clubhouse, die zusammen joggen gehen. Der Kreativität scheinen keine Grenzen gesetzt. Einzig, dass alles auf Audio und momentan noch auf iOS beschränkt ist.

Datenschutz ist Thema

Sicher eine wichtige Frage, zu der es bereits einige Artikel gibt, ist der Datenschutz. Ich möchte hier nicht im Detail darauf eingehen. Wichtig zu wissen ist: Will man seine Freunde zur App einladen, muss man zwingend sein Adressbuch teilen. Das ist nicht für alle ein gangbarer Weg. Immerhin ist es aber auch möglich, die App ohne das Teilen des Adressbuches zu nutzen.

Die Sessions werden zu Kontrollzwecken aufgezeichnet. So kann, sollte eine Äusserung in einer Diskussion den Strafverfolgern gemeldet werden, diese dann auch überprüft werden. Natürlich kann diese Aufzeichnung auch zu anderen Zwecken ausgenutzt werden. Da sich aber bereits auch Rechtsradikale und Verschwörungstheoretiker auf der App tummeln, macht diese Vorsichtsmassnahme durchaus Sinn. Spannend finde ich, dass diejenige Person, die jemanden eingeladen hat, nicht nur im eigenen Profil angezeigt wird, sondern auch für den Eingeladenen weiter «haftet». Wenn ich mich nicht angemessen verhalte und dafür sanktioniert werde, so trifft dies auch die Person, die mich eingeladen hat. Möglicherweise wird das für eine gewisse Disziplin sorgen. Es bleibt auf alle Fälle spannend.

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