Fake News gab es schon immer: Doch erst mit dem Internet, den sozialen Medien und US-Präsident Trump wurde der Begriff zu einem geflügelten Word. (Foto: Shutterstock)

«Das Coronavirus ist ziemlich sicher eine biologische Waffe aus China.» Würden Sie diesen Post, den sie über die sozialen Medien erhalten, liken? Teilen? Oder kommentieren? Mehr als 7000 Personen hat die Kommunikationswissenschaftlerin Edda Humprecht diese Fragen im Frühling während des Lockdowns gestellt. Sie wollte wissen, wie gross die Bereitschaft ist, Falschmeldungen in den sozialen Medien zu verbreiten – in diesem Fall zu Covid-19. Ihr Befund: Nicht gerade klein. Die Mehrheit der Befragten macht die chinesische Regierung für die Ausbreitung des Virus verantwortlich, weil diese zu spät auf das Problem reagiert habe. Doch ein Teil scheint sich durchaus vorstellen zu können, dass die Chinesen den Erreger auch selbst entwickelt haben könnten, wie dies der Facebook-Post behauptet.

Fake News gab es schon immer, um Einfluss auf die Menschen zu nehmen und politische Ziele durchzusetzen. Doch unter dem aktuellen US-Präsidenten Donald Trump wurde der Begriff nicht nur richtig salonfähig, sondern zu einem geflügelten Wort.

Was heutige Fake News einzigartig macht, ist die Tatsache, wie rasant sich Falschmeldungen verbreiten und wie viele Menschen sie erreichen. «Die technologische Entwicklung fällt in eine Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung», sagt Humprecht. «Beides verstärkt sich gegenseitig.» Gerade durch die sozialen Medien haben Fake News in den vergangenen Jahren enorm an Einfluss gewonnen. Die Präsidentschaftswahlen in den USA und das Brexit-Referendum in Grossbritannien 2016 stellen eine Zäsur dar: Die entsprechenden Kampagnen haben deutlicher als je zuvor demonstriert, wie sehr Falschmeldungen Demokratien in Gefahr bringen können.

Was begünstigt Fake News?

Bestätigung eigener Ansichten. Weshalb sind Menschen empfänglich für falsche und irreführende Nachrichten? Die Gründe dafür werden zuerst beim Individuum gesucht. Wir neigen dazu, eher Informationen zu glauben und für wichtig zu erachten, die unsere Ansichten bestätigen – «Confirmation Bias» beziehungsweise «Motivated Reasoning» nennen Psychologen dies. Hinzu kommt, dass wir unser Verständnis von Realität oftmals für das einzig Wahre halten.

Polarisierung der Gesellschaft. Welche Rolle spielen aber Politik, Medien und Wirtschaft eines Landes? Welche strukturellen Bedingungen begünstigen Desinformation? Wo sich zwei Lager unversöhnlich gegenüberstehen und kein echter Austausch von Ansichten und Ideen mehr möglich ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, nur noch das zu hören, was der eigenen Sichtweise entspricht. Eine populistische Rhetorik, ein ständiges «Wir gegen die anderen» leistet dem weiter Vorschub. «Es spielt irgendwann gar keine Rolle mehr, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht», sagt die Forscherin. «Viel wichtiger ist, ob man dieselben Werte vertritt.»

Misstrauen gegenüber der Regierung. Gleichzeitig wächst damit häufig das Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen wie der Regierung, aber auch gegenüber den etablierten Medien. Dies schafft ein Publikum, das sich seine Informationen nicht mehr vor allem bei etablierten Qualitätsmedien holt, sondern nach Alternativen sucht. Problematisch ist das insbesondere, wenn diese alternativen Quellen Facebook oder YouTube heissen. «Die sozialen Medien sind auf Unterhaltung und Emotionen ausgerichtet», sagt Humprecht. Deshalb würden wir dort eher dazu neigen, Inhalte unbedacht zu teilen. Die Plattformen schlagen ihren Nutzern zudem hauptsächlich Beiträge vor, die dem bisherigen Suchverlauf und damit den persönlichen Neigungen und Interessen entsprechen – mit einer umfassenden und kritischen Berichterstattung professioneller Medien hat das wenig gemein.

Viele Klicks generieren viel Geld. Es geht aber nicht nur um politische Einflussnahme – denn mit vielen Klicks lässt sich auch prächtig Geld verdienen. «Der ökonomische Aspekt von Falschnachrichten ist nicht zu unterschätzen», sagt Humprecht. Das erklärt auch, warum «Fake News» in den Vereinigten Staaten ein viel grösseres Thema sind als etwa in der Schweiz. «Kleine Märkte sind schlicht weniger lukrativ.»

Wie bekämpft man Fake News?

Vertrauen in Institutionen. Gut gerüstet für die Herausforderungen des digitalen Informationszeitalters sind vor allem Länder, in denen die Gesellschaft geeint und populistische Rhetorik nicht so verbreitet ist. Es sind Länder, in denen das Vertrauen in die Regierung, aber auch in Wissenschaft, Justiz und Medien gross und die Öffentlichkeit gut informiert sind. Wie die bisherige Forschung von Humprecht zeigt, sind solche Bedingungen vor allem in nord- und westeuropäischen Ländern wie Schweden, Deutschland, Belgien, Irland oder der Schweiz, aber auch in Kanada gegeben.

Wissen macht widerstandsfähig. Die Qualität der öffentlichen Medien ist dabei besonders wichtig: Wo sie hoch ist, wissen Menschen in der Regel mehr über aktuelle Debatten und begegnen zweifelhaften Behauptungen kritischer. Die Resilienz eines Landes gegenüber Fake News beruht deshalb letztlich nicht nur darauf, dass seine Bürgerinnen und Bürger keinen Falschmeldungen ausgesetzt sind, sondern dass sie diese einzuordnen wissen. «Zudem funktionieren gute staatliche Medien als Benchmark für die privaten Nachrichtenorganisationen», ergänzt Humprecht. «Damit steigt die Qualität der Medien in einem Land insgesamt.»

Dieser (gekürzte und leicht redigierte) Beitrag erschien erstmals auf dem Newsportal der Universität Zürich.

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