Am 9. Januar 2007 lancierte Apple das erste Smartphone und Steve Jobs betonte auf der Bühne in San Francisco mehrmals: «Heute werden wir das Telefon neu erfinden». Geräte wie das iPhone waren zuvor undenkbar. (Bild: Flickr)

In einer fundierten Studie hat sich der liberale Think-Tank Avenir Suisse mit den Folgen des Widerstands gegen die Einführung der 5G-Technologie beschäftigt. Spannend und instruktiv erweist sich dabei ein Gedankenexperiment, wie die Entwicklung in der Schweiz abgelaufen wäre, hätte das Land den Ausbau des damaligen Natel-Netzes auf die 3G-Technologie ganz einfach verboten.

Die Autoren der Studie, Jürg Müller und Basil Ammann, schreiben dazu: «Gerade die Zweit- und Drittrundeneffekte eines Technologiesprungs können erst im Rückblick in ihrer Ganzheit erfasst werden. Um die Auswirkungen eines möglichen 5G-Moratoriums auf die Schweiz einordnen zu können, bedienen wir uns deshalb eines Gedankenspiels. Dafür verlassen wir für einen Moment das Jahr 2020, drehen das Rad der Zeit um knapp 20 Jahre zurück und fragen uns: Was wäre, wenn die Schweiz 3G verboten hätte?»

Auf jeden Fall wäre unser Alltagsleben in der Schweiz um einiges anders. Aber lesen Sie selbst, wie es herausgekommen wäre, wenn es gar kein 3G-Handy gegeben hätte. Wir veröffentlichen Auszüge dieses Szenarios mit freundlicher Genehmigung von Avenir Suisse.

Ein folgenreiches Verdikt des Schweizer Stimmvolks
Am 3. März 2002 wird an den Urnen über die «Volksinitiative für strahlungsarme Lebensräume und nachhaltigen Mobilfunk ohne 3G (Lebensqualitätsinitiative)» entschieden. Die Kommentatoren erwarten an diesem Abstimmungssonntag das Resultat mit Spannung. Erst spät am Abend steht fest, dass die Initiative mit gerade einmal 50,3 % angenommen wurde – das Ständemehr wurde knapp erreicht. Damit tritt per sofort ein 20-jähriges 3G-Moratorium in Kraft, das jegliche Aufrüstung des Mobilfunknetzes mit neuen Funktechnologien verbietet.

Dem Verdikt des Stimmvolks war ein emotional geführter Abstimmungskampf vorangegangen. Besonders die Telekomanbieter machten sich stark für ein Nein an der Urne, schliesslich hatten sie erst eineinhalb Jahre zuvor die für 3G notwendigen Frequenzen für 205 Mio. Fr. erworben. Auch die Wirtschaftsverbände weibelten mit einer aufwändigen Kampagne und geschlossen gegen die Initiative – es sollte nichts nützen.

In den Monaten nach der Annahme der Initiative sind zunächst keine merklichen Veränderungen zu spüren. Viele der damals verbreiteten Mobiltelefone wie das Nokia 3310 sind noch nicht für mobiles Internet konzipiert – und Telefonie und SMS funktionieren auch ohne 3G einwandfrei.

Die Neuerfindung des Telefons
Das ändert sich am 9. Januar 2007, als ein gewisser Steve Jobs auf einer Bühne in San Francisco mehrmals betont: «Heute werden wir das Telefon neu erfinden». Er sollte recht behalten – und dank des damals lancierten iPhones seine Firma Apple innert einer Dekade zum wertvollsten Unternehmen der Welt machen. In der Schweiz häufen sich nach der iPhone-Lancierung plötzlich kritische Artikel zum 3G-Moratorium. Besonders Jugendliche und technikaffine Bürger möchten alle Funktionen der neuen Smartphones nutzen.

Smartphone-Apps wie beispielsweise Google Maps oder WhatsApp sind ohne ausgebauten Mobilfunk nur wenig hilfreich. Sie werden hierzulande erst verzögert eingeführt. Auch gewisse Apps werden hier gar nicht erst entwickelt oder auf den Markt gebracht. Ab 2010 wird immer offensichtlicher, dass mit einem veralteten Mobilfunknetz merkliche Einbussen bei der Lebensqualität einhergehen.

Ohne effiziente mobile Internetinfrastruktur ist die digitale Übermittlung von Informationen sperrig. So gestaltet sich das Arbeiten von unterwegs weitaus schwieriger als im Ausland, wo die Technologie längst den Alltag erobert hat. Während einer Zugfahrt kurz auf das Firmennetzwerk zugreifen, bei einer Grillparty im Wald den neusten Hit abspielen oder ein Erinnerungsfoto vom Pistenrand nach Hause schicken, all das ist auf der ganzen Welt völlig normal – nur nicht in der Schweiz.

Was das Szenario nicht erfassen kann
Der Blick zurück macht deutlich, wie viel sich seit der Einführung von 3G verändert hat. Als Basisinfrastruktur hat der Mobilfunk, ähnlich wie die Elektrizität, unseren Alltag komplett durchdrungen. Nicht alles kann im Szenario aber adäquat dargestellt werden. Was unter einem 3G-Moratorium gar nicht erst passieren würde, bleibt eine Leerstelle. Im Folgenden soll deshalb aufgezeigt werden, was sich hinter dem Satz verbirgt: «Gewisse Apps werden hierzulande gar nicht erst entwickelt oder auf den Markt gebracht.»

Beispiel 1: SBB-Mobile-App
Schnell unterwegs die beste Verbindung suchen oder ein günstiges Billett für den Wochenendausflug sichern. Die SBB-Mobile-App hat die Nutzung des öffentlichen Verkehrs vereinfacht und kundenfreundlicher gemacht. Im Jahr 2018 haben die SBB fast gleich viele Billette und Abonnemente über digitale Kanäle wie über Automaten verkauft – Tendenz steigend. Der grösste Teil der Verkäufe über digitale Kanäle der SBB werden heute über die SBB-Mobile-App getätigt. Die App wurde im Jahr 2008 lanciert und seither über 13 Millionen Mal heruntergeladen. Sie hat heute 3,4 Millionen aktive Nutzer, die sie mindestens einmal pro Monat verwenden. (SBB, 2020)

Beispiel 2: Meteo Schweiz
Das Wetter ist unser ständiger Begleiter und mit dem Smartphone ist man auch unterwegs für den nächsten Platzregen gewappnet. Die App von Meteo Schweiz zählt seit ihrer Lancierung 2013 rund 10 Mio. Downloads. Heute nutzen 0,5 bis 1,2 Mio. Personen täglich den Regenradar und andere Wettervorhersagen. Mit dem technologischen Wandel haben alte Formate an Bedeutung verloren. So nutzt kaum jemand noch die telefonische Wetterauskunft (Meteo Schweiz, 2020).

Diese Apps wären unter einem 3G-Moratorium in der bekannten Form wohl nicht entwickelt worden; auf jeden Fall wäre ihr Nutzen ohne mobiles Internet merklich reduziert. Nicht von konsumentenfreundlichen Apps, sondern von Arbeitsplätzen handelt eine andere Leerstelle, die sich hinter dem Satz verbirgt: «Erfolgsgeschichten von Schweizer IT-Unternehmen hört man 15 Jahre nach der Annahme der ‹Lebensqualitätsinitiative› kaum.»

Beispiel 3: Beekeeper
Beekeeper wurde im Jahr 2012 von vier Universitätsabsolventen gegründet. Das Produkt: Eine Team-App, um die Kommunikation mit Mitarbeitenden über eine digitale «Mobile-first»-Plattform zu ermöglichen. Damit sollen besonders Aussendienstmitarbeitende einfacher erreicht werden können und informiert bleiben. Heute beschäftigt Beekeeper rund 100 Mitarbeitende in der Schweiz und 75 im Ausland. Die Firma hat über 500 Firmenkunden weltweit (Beekeeper, 2020).

Beispiel 4: Fairtiq
Die Idee hinter Fairtiq ist simpel: Warum kann das Smartphone im Hintergrund bei der Nutzung von Bahn, Bus und Tram nicht automatisch ein Billett lösen? Das erste Konzept für das automatische Ticketing von Fairtiq wurde 2014 erarbeitet. Seit 2018 ist die App schweizweit für den ganzen öV nutzbar. Mittlerweile ist Fairtiq auch in den Niederlanden, Österreich, Liechtenstein und Deutschland in solche Projekte involviert. Heute arbeiten 50 Angestellte von Fairtiq in der Schweiz und 4 im Ausland. Die App wurde hierzulande bisher 370’000 Mal heruntergeladen. Im Jahr 2019 wurden total 6,3 Mio. Fahrten über Fairtiq getätigt (Fairtiq, 2020).

Beispiel 5: Bestmile
Das Westschweizer Start-up wurde im Jahr 2014 gegründet, heute arbeiten rund 45 Mitarbeitende in Lausanne und 15 weitere in San Francisco, London und Dubai. Bestmile ist eine Plattform zur Überwachung und Steuerung von Fahrzeugflotten, damit sich das richtige Fahrzeug zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort befindet. Derzeit werden zwei personengesteuerte Flotten und 15 Flotten von selbstfahrenden Fahrzeugen mit Bestmile organisiert (Bestmile, 2020).

Technologie-Entscheide strahlen immer auch ins Ausland
Bereits heute schaffen Tech-Start-ups Arbeitsplätze im Land. Ob alle diese Jungunternehmen auch langfristig Erfolg haben werden, ist natürlich ungewiss. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass sie in einer Schweiz mit einem 3G-Moratorium kaum je gegründet worden wären. Ein ähnliches Argument dürfte auch für internationale Tech-Konzerne gelten. Einige von ihnen haben in den letzten Jahren die Schweiz als wichtigen Standort für Forschung und Entwicklung ausgewählt.

Beispiel a: Google
Im Jahr 2004 hat sich Google mit einem kleinen Büro in Zürich niedergelassen. Heute beschäftigt der Tech-Konzern an der Europaallee und auf dem Hürlimann-Areal in Zürich rund 4000 Mitarbeitende. Da es sich dabei mehrheitlich um hochqualifizierte Arbeitskräfte handelt, dürften direkt und indirekt Steuern im hohen zweistelligen bis dreistelligen Millionenbereich anfallen. Für Google ist Zürich der grösste Forschungs- und Entwicklungsstandort ausserhalb der USA. Hier arbeiten Teams unter anderem an Google Maps, Gmail oder Youtube (Handelszeitung, 2019) – alles Produkte, die mittlerweile stark auf eine mobile Nutzung ausgerichtet sind.

Beispiel b: Facebook
Während viele um die Präsenz Googles in Zürich wissen, ist jene von Facebook nur wenigen bekannt. Der Social-Media-Konzern teilte 2019 mit, seine Mitarbeiterzahl am Standort Zürich auf 200 Mitarbeitende erhöhen zu wollen (Torcasso, 2019). In Genf ist zudem die von Facebook ins Leben gerufene Libra Association angesiedelt. Sowohl das – derzeit umstrittene – Währungsprojekt Libra als auch viele der Facebook-Produkte wie WhatsApp sind ohne effiziente Datenübertragung über ein Mobilfunknetz undenkbar.

Dies sind nur ein paar Beispiele mit klingenden Namen. Es gäbe noch weitere, wie zum Beispiel IBM, das seit langer Zeit ein Forschungslabor in Rüschlikon betreibt. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Firmen ihren Standort in einer Schweiz ohne 3G auf- oder ausgebaut hätten – im Gegenteil, die Präsenz dieser Firmen dürfte gerade Resultat des bisherigen technologischen Spitzenplatzes der Schweiz sein.

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