«Die Entfremdung von Wirtschaft und Politik bereitet mir Sorgen»

Für den Headhunter Sandro V. Gianella wäre es wichtig, dass Schweizer Verwaltungsräte und Politiker mehr miteinander zu tun hätten – gerade angesichts der grossen wirtschaftspolitischen Baustellen. Doch dieser Wunsch sei leider unrealistisch.

Sandro V. Gianella ist der Meinung, dass Schweizer Verwaltungsräte und Politiker mehr miteinander zu tun hätten. (Bild: ZVG)

Ihre VR-Umfrage steht ganz unter dem Zeichen der Politik. So wünschen sich 75 Prozent der befragten Verwaltungsräte, dass sich Wirtschaftsvertreter stärker in der Politik engagieren würden. Überrascht Sie dieses Resultat?
Ja, vor allem in dieser Deutlichkeit. In den vergangenen Jahren war das Thema nationale Politik bei grossen börsenkotierten und nicht-börsenkotierten Schweizer Firmen weniger ein Thema.

Weshalb?
Ich sehe zwei Gründe: Zum einen sind viele Firmen global tätig. Wenn Ihr Markt 70 und mehr Länder umfasst, können Sie sich als Mitglied des Managements oder des Verwaltungsrats nicht mit der lokalen Politik jedes einzelnen Landes befassen. Zweitens haben immer mehr Unternehmen ausländische CEOs, die in der Schweiz nicht heimisch sind, hier ihren Job erledigen und im Schnitt 4,7 Jahre auf ihrem Posten bleiben, bevor sie weiterziehen. Diesen Trend beobachten wir seit längerem.

Gerade deshalb erstaunt das gestiegene Interesse an schweizerischen Politthemen. Denn generell herrscht der Eindruck, die Unternehmen interessierten sich kaum für lokale und nationale Politik.
Die Wirtschaft fühlt sich generell nicht genügend von der Politik vertreten. Unternehmensführer und Verwaltungsräte haben das Gefühl, sie würden zu wenig von der Politik gehört. Das sieht man auch daran, dass kaum mehr Vollblutunternehmer in der nationalen Politik vertreten sind, die grössere Unternehmen führen. Auf Anhieb kommen mir Magdalena Martullo-Blocher, Ruedi Noser oder Franz Grüter in den Sinn. Ich vergleiche diese Entwicklung mit der massiv gesunkenen Armeefreundlichkeit der Wirtschaft. Früher haben Unternehmen die Militärkarriere ihrer Angestellten gefördert. Eine Offizierslaufbahn war karriereförderlich. Heute nicht mehr. Genauso verhält es sich mit einem politischen Amt. Unternehmen unterstützen diese kaum mehr und haben das Interesse an der Politik verloren.

Ist das nicht ein Widerspruch zum Resultat Ihrer VR-Umfrage?
Durchaus. Aber es ist auch eine Entwicklung, die sich die Wirtschaft selbst eingebrockt hat. Früher hielt sich jedes grössere Unternehmen eine politische Antenne in Bern, das heisst eine eigene Public-Affairs-Abteilung mit zwei, drei Leuten. Heute ist diese Aufgabe weitgehend den Verbänden übertragen, welche die oftmals stark divergierenden wirtschaftlichen Branchen oder Firmengrössen unter einen Hut bringen müssen. Ich denke besonders an Economiesuisse und die Bankiervereinigung. Deswegen vergessen oder verpassen es die Verbände, hin und wieder rechtzeitig ein klares Ausrufezeichen zu setzen.

Welche politischen Themen brennen den Unternehmen besonders unter den Nägeln?
Da gibt es eine ganze Reihe: Die Konzernverantwortungsinitiative, das ungeklärte Verhältnis zu Europa, der EU-Rahmenvertrag, die Aussenpolitik, die wachsende Staatsquote oder die zunehmende Regulierung. All diese Themen und ungelösten Probleme belasten unsere Volkswirtschaft und ihre Unternehmen. Die Wirtschaftsführer sehen sich bei diesen Themen nicht vertreten. Nehmen wir die Konzernverantwortungsinitiative. Im nationalen Parlament wird primär über die Menschenrechte diskutiert; dabei ist es zuerst ein wirtschaftspolitisches Thema. Und bei der Reform der Altersvorsorge geht es um einen politischen Kuhhandel, bei dem die Wirtschaft aussen vor bleibt. Ein grosses Thema ist ferner die Regulierung. Im Zuge der Finanzkrise wurde vor allem der Finanzplatz massiv reguliert. Um gegenüber den «Abzockern» ein Signal zu setzen, hat das Volk die Minder-Initiative angenommen. In der Zwischenzeit werden alle Industrien und Branchen massiv überreguliert, nicht mehr nur die Banken.

Ist das nicht generell eine internationale Entwicklung?
Schon, aber muss dies ein Grund sein, dass die Schweiz, die bis vor kurzem ein unverkrampftes, ein positives Verhältnis zur Wirtschaft und zum Unternehmertum hatte, sich zusehends von der Wirtschaft entfremdet und sich gerne zur Musterschülerin aufschwingt, wenn es um Regulierung geht? Es fällt mir auf, dass die Bevölkerung und vor allem die Politik nicht mehr wissen, woher eigentlich unser Wohlstand stammt. Viele haben das Gefühl, die Steuern und die Gelder fielen vom Himmel und man könne alles einfach so verteilen. Diese Entwicklung und die Entfremdung von Politik und Wirtschaft bereiten mir zusehends Sorgen.

Was kommt international sonst noch auf die Schweiz zu?
Es gibt gewisse Themen und Entwicklungen, welche die Schweiz kaum oder gar nicht beeinflussen kann. Ich denke an die Überschuldung der Staaten, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, den Handelskrieg zwischen den USA und China, den zunehmenden Protektionismus und Populismus oder den Rückzug der USA als Weltpolizist, was ganz neue Spannungsverhältnisse schafft. Diese Themen machen den Unternehmen sehr zu schaffen. Deshalb wäre es meiner Meinung nach wichtig, dass die Politik mehr auf die hiesige Wirtschaft, deren Sorgen und Bedürfnisse hören würde.

Was müsste geschehen, damit sich mehr Wirtschaftsvertreter aktiv in der Politik engagieren?
Das ist ein Wunsch, der nicht realistisch ist. Ein Unternehmen zu führen, ist mehr als ein 100-Prozent-Job. Die Anforderungen werden immer komplexer; von der Digitalisierung und den neuen Technologien, die alle Branchen und Industrien umkrempeln, haben wir noch gar nicht gesprochen. Kommt hinzu, dass die beiden Welten Politik und Wirtschaft nicht miteinander kompatibel sind. Während sich ein Wirtschaftsführer durch Direktheit, Zielstrebigkeit und Durchsetzungskraft auszeichnet, geht es in der Politik primär um mehrheitsfähige Entscheide. Die politischen Prozesse sind komplex und werden von Wirtschaftsvertretern nicht verstanden. In der Politik einigt man sich auf einen Kompromiss oder den kleinsten gemeinsamen Nenner, was in der Wirtschaft nicht funktioniert, sonst ist ein Unternehmen pleite. Unternehmer müssen stets den besten Entscheid oder den unangenehmsten Entscheid fällen. Das geht in der Politik nicht.

Sandro V. Gianella ist einer der grossen Kenner der Schweizer Wirtschaft. Seit 32 Jahren sucht er oberste Führungskräfte für Geschäftsleitung und Verwaltungsrat von grossen Schweizer Firmen. Vor kurzem hat sein Executive Search Unternehmen Knight Gianella die jährliche Umfrage unter Verwaltungsratsmitgliedern publiziert – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Wie könnte Ihrer Meinung nach gleichwohl eine ideale Zusammenarbeit zwischen Verwaltungsräten und Politikern aussehen?
Es braucht mehr Plattformen, auf denen sich Politiker und Wirtschaftsvertreter austauschen, einander zuhören, Vertrauen aufbauen und miteinander diskutieren können. Das ist gerade deswegen umso wichtiger, als die Ziele und der Zeithorizont von Wirtschaft und Politik komplett unterschiedlich sind. Es gibt ein Modell, das ich mir in der Schweiz sehr gut vorstellen könnte, das in den USA funktioniert: Vertreter aus der Wirtschaft arbeiten während zwei, drei Jahren in der Bundesverwaltung für ein bestimmtes wirtschaftspolitisches Projekt und kehren danach zurück in die Unternehmenswelt. So kommen praktische Erfahrung und Expertise am besten zusammen, und beide Welten profitieren voneinander.

Was können Verwaltungsräte von der Politik lernen?
Verschiedene Wege führen nach Rom.

Und was kann die Politik von der Wirtschaft lernen?
Zu beschleunigen, um schneller nach Rom zu kommen.

Sandro V. Gianella ist einer der grossen Kenner der Schweizer Wirtschaft. Seit 32 Jahren sucht er oberste Führungskräfte für Geschäftsleitung und Verwaltungsrat von grossen Schweizer Firmen. Vor kurzem hat sein Executive Search Unternehmen Knight Gianella die jährliche Umfrage unter Verwaltungsratsmitgliedern publiziert – mit erstaunlichen Ergebnissen.

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