Claude Nicollier. (Quelle: Photo NASA)

Sie haben im Lauf Ihrer Karriere an vier Weltraum-Missionen an Bord verschiedener Shuttles teilgenommen und waren an einem Ort, von dem viele Menschen nur träumen können. Sie mussten aber wieder zurück zur Erde. Nachdem Sie den Weltraum gesehen haben, wie leben Sie jetzt auf diesem Planeten?
Claude Nicollier: (lacht) Tja, man kann ja nicht immer im All bleiben! Ich habe etwas erlebt, das sowohl in persönlicher als auch in wissenschaftlicher und technologischer Hinsicht ausserordentlich bereichernd war. Zur Erde zurückzukehren ist die Natur der Dinge. Deshalb besteht die eigentliche Herausforderung darin, das, was wir erlebt haben, bestmöglich zu nutzen und mit anderen Menschen zu teilen. Es ist wichtig, etwas weiterzugeben. Ich mache das durch meine Lehrtätigkeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, ich gehe in Schulen, ich spreche mit jungen Menschen. Es ist eine Möglichkeit, etwas von dieser «ausserirdischen» Erfahrung, die ich erleben durfte, zur Erde zurückzubringen.
Welche Erfahrungen aus dem All haben Sie auf die Erde mitgebracht?
Wenn ich in der Öffentlichkeit von meinen Erfahrungen erzähle, beziehe ich mich immer auf das, was ich die «vier Lektionen» nenne. Die Erste ist die wichtigste: klare Ziele zu haben. Während der Missionen war dies immer etwas Bemerkenswertes: Jede Mission hatte ein oder mehrere Ziele, die klar waren und sehr spezifische Prioritäten hatten. Als wir ins All flogen, wussten wir genau, was von uns erwartet würde. Wir bereiteten uns entsprechend vor. Diese Struktur und Genauigkeit waren eine wichtige Lektion und haben auch unser Handeln auf der Erde geprägt. Wenn man kein Ziel hat, hat man keine Aussicht auf Erfolg, denn Erfolg heisst, ein Ziel zu erreichen.
Der 31. Juli 1992 war der Tag Ihrer ersten Mission, aber auch der Tag, an dem zum ersten Mal ein Schweizer ins Weltall flog. Was verbinden Sie mit diesem Datum – wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Es ist etwas, worauf man sich lange vorbereitet. Du hast das Gefühl, dass du genau weisst, was passieren wird, weil du es so oft geprobt hast. Das Einzige, was fehlt, sind echte Eindrücke: Man fragt sich immer wieder, wie man sich tatsächlich fühlen werde. Ich war vor allem neugierig.
Jeder hatte sein eigenes Rezept für die Vorbereitung. Es gab Piloten, die mit dem T-38 (Überschall-Trainingsflugzeug für Militärpiloten, die Red.) viel Akrobatik betrieben, um Körper und Gehirn optimal auf die Weltraumbedingungen vorzubereiten. Schon die Möglichkeit, an der Mission teilzunehmen, war eine Kombination aus Glück und Arbeit. Und ich bin sehr froh, dass ich mitfliegen konnte. Die Schweiz ist ein Land, das sich stark mit dem Weltraum und mit menschlichen Abenteuern im Allgemeinen beschäftigt. Ich schätze mich glücklich, dass ich meinem Land auf diese Weise dienen konnte. Aber es muss auch gesagt sein, dass ich in erster Linie Europa und den europäischen Interessen gedient habe. Darüber hinaus denke ich, dass dies eine positive Botschaft ist, das heisst, es lohnt sich, mit Europa zusammenzuarbeiten – auf jeden Fall in den Bereichen Technik und Wissenschaft. 
Während Ihrer Reisen ins All sind Sie nie über die Schweiz geflogen. Warum eigentlich nicht?
Wenn man im Orbit ist, hängt es von dessen Winkel im Verhältnis zum Äquator ab, was man von der Erde sehen kann. Die Bahnen all meiner Raumfahrtmissionen hatten einen Winkel von 28 Grad. Damit haben wir alle Erdregionen zwischen 28 Grad nördlicher Breite und 28 Grad südlicher Breite überflogen. Der Ort, der am nächsten zur Schweiz lag, war Nordafrika. Wir sahen den eindrucksvollen italienischen Stiefel mit den Lichtern von Mailand und Turin. Ganz weit am Horizont konnten wir noch die Lichter von Paris wahrnehmen. Aber die Schweiz, nein, die habe ich nie gesehen.
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Nicollier ist bis anhin der einzige Schweizer, der im Weltraum war. (Quelle: Photo NASA)

Was hat Ihnen die Schweiz im Lauf Ihrer Karriere gegeben?
Vor allem eine gute Ausbildung. Meinen Eltern, insbesondere meinem Vater, verdanke ich meine Leidenschaft für Mathematik und Raumfahrt. Ich denke jedoch, dass es in der Schweiz noch Verbesserungspotenzial in Bezug auf die Lernmotivation in den Bereichen Technik, Naturwissenschaften und Mathematik gibt. Mir selbst wurde die Mathematik immer als ein Spiel des Geistes vermittelt. Und wenn es ein Spiel ist, haben wir einen einfacheren und mehr auf Spass ausgerichteten Zugang dazu. Gleichzeitig lernt man komplexe Themen wie lineare Algebra oder Matrixberechnung. Ich war schon immer von diesem Spiel der Mathematik fasziniert. Die Beherrschung der Mathematik ist bereits ein aussergewöhnliches Werkzeug, insbesondere für die Naturwissenschaften und die Physik. Darüber hinaus ist es eine gute Schule fürs Leben.

Sie bezeichnen die Schweiz als «Raumfahrtnation». Die Schweiz hat aber keine Tradition in der Raumfahrt wie beispielsweise die USA. Was wollen Sie mit diesem Satz sagen?
Die Schweiz ist eine Raumfahrtnation, weil die Menschen sich mit dem Weltraum auseinandersetzen. Ich sehe es, wenn ich über das Weltall spreche und merke, wie viele Menschen Fragen haben und interessiert sind. Die Schweiz ist eine Nation, die sich unter den anderen europäischen Ländern durch ihre Leidenschaft für das All auszeichnet. Eine Leidenschaft, die mit der Bereitschaft zum Mitmachen verbunden ist.

Sie haben 25 Jahre in Houston, Texas gewohnt. Wie fühlten Sie sich als Auslandschweizer?

Ich habe mich sehr gut gefühlt. Es gab und gibt immer noch einen gegenseitigen Respekt zwischen den USA und der Schweiz. In den USA habe ich in einem sehr privilegierten Umfeld gelebt, einem Umfeld der Spitzenleistung. Ich habe viel gearbeitet und wurde dafür anerkannt. Ich wusste, wenn ich an diesen wunderbaren Missionen teilnehmen wollte, musste ich arbeiten. Ich habe enorm von dieser Erfahrung im Ausland profitiert, aber ich habe auch alles zurückgegeben, was ich konnte. Es muss einen «Win-Win»-Faktor für Schweizer im Ausland geben.
Es ist bekannt, dass viele ehemalige Astronauten, die die Erde von sehr weit weg und die Galaxien von nahem gesehen haben, nach ihrer Rückkehr depressiv werden. Ist das ein Phänomen, das Sie auch kennen?
Ich habe mich nie auch nur ansatzweise depressiv gefühlt. Solche Erfahrungen gab es hauptsächlich beim Apollo-Programm, das eine weitere Dimension hatte und bei dem der Druck gross war. Ich denke daher, dass dieses Problem viel mit Druck zu tun hat. Man erwartet, etwas Aussergewöhnliches zu tun. Nach der Mission ist der ganze Druck mit einem Schlag weg. Ich würde jedoch nicht sagen, dass Astronauten mehr Probleme haben als andere Berufsgruppen. Ich denke sogar, dass es viele Ärzte, Anwälte und Politiker gibt, die auch Anpassungsschwierigkeiten haben, wenn sie aufhören zu arbeiten.
Wenn man Sie nach Ihren wichtigsten Momenten im Leben fragt, nennen Sie die Besteigung des Matterhorns mit Ihrer Tochter 1994. Es gibt also nicht nur Raumfahrtmissionen?
Ja, meine Tochter Marina war damals 16 Jahre alt. Ich stand meiner Familie immer sehr nahe. Leider ist meine Frau vor 12 Jahren verstorben, aber zu meinen Töchtern habe ich eine sehr enge Beziehung. Ich habe immer versucht, sie durch Werte zu inspirieren, die mir vermittelt wurden, wie etwa das Bewusstmachen von Risiken und die Vorbereitung auf ein Projekt. Meine ältere Tochter Maya ist charakterlich anders und wollte nicht zum Matterhorn mitkommen. Marina, die jüngere, war eher bereit, ein bisschen aussergewöhnliche Dinge zu tun. Sie hat also Ja gesagt und wir sind mit einem Bergführer losgegangen. Wir haben Vorsichtsmassnahmen ergriffen und sind bis zum Gipfel aufgestiegen.
Zum Schluss ein kleines Kuriosum: Ein Asteroid wurde nach Ihnen benannt. Was bedeutet das für Sie?
Ich bin der Internationalen Astronomischen Union dankbar, dass sie einem Asteroiden meinen Namen gegeben hat. Heute ist die Lehre ein zentraler Inhalt meines Lebens. Ich empfinde dies als Verantwortung, als eine Aufgabe, der ich mich nicht entziehen kann. Ich war die meiste Zeit meines Lebens ein Staatsdiener und ich habe immer noch die Mentalität eines Staatsdieners. Meine Mission ist es nun, der Nachwelt das zu vermitteln, was ich gelernt habe. Wenn ich den Planeten Erde verlasse, diesmal für immer, sollen diese Lehren nicht verloren gehen. Daher macht mich die Vorstellung glücklich, dass ich meinen Namen irgendwo da oben habe und dass es, wenn ich nur noch Asche bin, immer noch den Nicollier in seiner Umlaufbahn irgendwo im All geben wird.

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