«Alle Menschen haben Werte, aber nicht alle dieselben»

Kirchenratspräsident Gottfried Locher über ethisches Handeln in Wirtschaft und Politik.

Gottfried Locher, Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds und Vorsitzender des Schweizerischen Rats der Religionen.

Wie wird Ihnen bewusst, dass eine Politikerin oder ein Unternehmer nach ethischen Grundsätzen handelt?
Gottfried Locher: Ich gehe davon aus, dass alle in irgendeiner Form über ein ethisches Ko-ordinatensystem verfügen. Menschen, die prinzipienlos handeln, sind selten. Wir verfügen über Werte, die wir in uns tragen, kombiniert mit eigenen Zielvorstellungen – letzteres könnte man überspitzt auch Egoismus nennen. Das ethische Koordinatensystem und der eigene Wille sind nicht immer kongruent: Manchmal tun wir trotzdem das, was wir eigentlich nicht gut finden. Das trifft auf uns alle zu.

Wie häufig erleben Sie es, dass Sie ethische Werte erkennen?
Im Grossen und im Kleinen begegne ich Menschen, die ethisch denken und handeln. Kürzlich konnte ich mit Papst Franziskus sprechen. Er ist jemand, der das christliche Wertesystem überzeugend vorlebt. Ich sehe bei ihm eine Einheit von Glauben und Handeln. Er legt Zeugnis ab für Christus und setzt sich ein für die Armen.

Erkennen Sie positive Handlungsgrundsätze auch in der Wirtschaft und der Politik?
Darüber, was positiv ist, gehen die Meinungen auseinander. Dass jemand ethisch handelt, heisst noch nicht, dass das auch meiner Ethik entspricht – vielleicht hat er eine andere. Fast alle Menschen handeln ethisch, aber nicht unbedingt nach derselben Ethik. Alle haben Werte, aber nicht alle dieselben.

Haben sich die ethischen Vorstellungen im Laufe der Zeit verändert?
Wirklich wichtige Werte haben eine lange Halbwertszeit. Ich halte mich da an die christliche Sicht: In uns Menschen stecken positive und negative Triebfedern, die nennen wir Tugenden und Laster. Ein Beispiel: Die Hybris, der Hochmut, also mehr zu wollen, als sinnvoll ist. Die entsprechende Tugend dazu ist die Demut. Diese zwei Kräfte wirken in uns allen. Sie wirken auch in Parteien und Institutionen. Das ist unmittelbar, das steckt in jedem von uns. Tugenden sind menschlich – Laster auch. Deshalb glaube ich nicht, dass sich daran viel ändert.

Sie erkennen keinen Wertewandel?
Es gibt Wellenbewegungen in der öffentlichen Meinung und es gibt Moden, klar. Aber echte Veränderungen gibt’s erst, wenn sich in uns selber etwas ändert. Was sich in unseren Herzen bewegt, kann dann auch die Welt bewegen. Aber man sollte sich keine Illusionen machen: Laster sind Veranlagungen, die wird man nicht so leicht los.

Inwiefern steuern Glaube und Religion unsere Ethik?
Früher hat eine Institution wie die Kirche aufgrund der vermittelten Werte direkter darauf eingewirkt, was öffentlich als richtig und falsch angesehen wurde. Das hat sich entkoppelt. Denn die Kirche gibt nicht mehr den Ton an, wenn es um Ethik geht. Insofern ist es im Moment eine unangenehme Zeit für die institutionellen Ethik-Anbieter, aber vielleicht doch eine gesunde Situation. Es ist ja nicht so, dass die Institutionen keinen Einfluss mehr hätten. Wenn die Kirchen verständlich sprechen, hört man ihnen durchaus zu.

Woran merken Sie das?
Zum Beispiel daran, dass Sie mich interviewen. Kirchen können aus einem ethischen Schatz schöpfen, der ist viele Jahrhunderte alt. Eine überzeugende Ethik braucht Zeit zum Reifen, wie ein guter Wein im Fass. Eine ethische Stimme, die etwas weniger dem Zeitgeist unterliegt, tut der eigenen Meinungsbildung gut. Das wissen übrigens auch politische Parteien.

Was will eine politische Partei von Ihnen hören?
Zum Beispiel konkrete Stellungnahmen der Kirche, möglichst im Sinn der jeweiligen Partei. Parteien wollen Mehrheiten. Da wird abgetastet, wie Meinungsmacher sich konkret positionieren, auch ganz konkret zu tagespolitischen Themen.

Geht es nicht in erster Linie um ethische oder christliche Werte?
Doch, bestimmt auch. Parteien handeln nach ihrem jeweiligen Wertesystem. Aber Ethik und Eigeninteresse lässt sich nicht so leicht voneinander trennen. Jeder ist verstrickt in seine eigenen Interessen. In diesem Konflikt befinden wir uns je persönlich, aber auch die Wirtschaft und die Parteien.

Wie lauten Ihre persönlichen ethischen Grundsätze?
Ich orientiere mich an Jesus von Nazareth, so gut es halt geht, wenn man in einer anderen Welt lebt als er damals. Nächstenliebe ist ein guter ethischer Grundsatz. Darauf lässt sich ein brauchbares Wertesystem aufbauen.

Wie machen Sie das konkret?
Ich habe eine Tugend-Checkliste: Demut, Mildtätigkeit, Keuschheit, Geduld, Mässigung, Wohlwollen und Fleiss. Die Bezeichnungen sind veraltet, aber was sie bedeuten, veraltet nicht. In diesem Koordinatensystem kann ich mich gut bewegen. Nicht, dass ich mich immer daran halten würde, aber ich versuche es.

Wo sehen Sie in der Wirtschaft die Grenzen von christlich-ethischen Grundsätzen?
Das kann man nicht verallgemeinern. Pfarrer Sieber kann das existenziell ausleben, indem er sein letztes Hemd gibt. Wenn das alle tun, dann gibt es niemanden mehr, der Hemden produziert. Darum muss jeder für sich bestimmen, was Nächstenliebe in seinem Leben konkret heisst. Wie gehe ich als Unternehmen mit einem Gewinn um? Geht es nur ums Image oder ist es echte Grosszügigkeit? Tugenden sind Maximen fürs tägliche Leben. Die Tugend-Checkliste taugt für alle, auch fürs Wirtschaftsleben.

Interview: Petra Wessalowski

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