«Ich rechne mit einem schwierigen 2016, danach sehe ich Licht»

Scheuklappen ablegen, digital denken und global handeln – das Rezept des Exportförderers Daniel Küng an die Schweizer KMU.

Daniel Küng, CEO der Organisation für Aussenwirtschaftsförderung Switzerland Global Enterprise.

Schweizer Gesamtexporte gingen letztes Jahr um 2,6 Prozent auf 202,9 Milliarden Franken zurück. Hätten Sie nach der Aufhebung der Franken-Euro-Untergrenze vom 15. Januar 2015 mit einem grösseren Rückgang gerechnet?
Nein, eigentlich nicht. Mir war immer klar, dass die Mengenrückgänge über Preisnachlässe kompensiert werden würden, und das ist auch geschehen. Wir sehen das an den Exportzahlen in den Euroraum am deutlichsten: Wertmässig sind sie um fast 7 Prozent rückläufig. Wobei die gesamte Exportmenge nur um 0,7 Prozent zurückgegangen ist. Die verbleibende Differenz ist auf Preiskonzessionen zurückzuführen. Ohne diese würden wir im Euroraum deutlich weniger verkaufen.

Der Frankenschock ist also noch nicht verdaut, die Schweizer Exportindustrie nicht über dem Berg?
Soweit sind wir leider noch nicht. Erstens zehren immer noch viele Firmen – vor allem kleinere – von ihren Reserven, weil sie im operativen Geschäft kaum noch Margen machen. Je länger diese Durststrecke andauert, desto mehr Firmenschliessungen und Abwanderungen werden wir erleben. Zweitens wird sich die gedrückte Margensituation mittelfristig auf die Innovationskraft und damit auf die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Firmen auswirken, denn geringere Margen bedeuten, dass heute weniger in die Erneuerung von Produkten und Betriebsanlagen investiert werden kann. Und drittens sehe ich persönlich für den starken Franken keine Zeichen der Abschwächung.

Immerhin hat sich der Franken zum Euro bei 1.10 eingependelt.
Der drohende Brexit, die neu aufflammende Schuldenkrise in Griechenland, die zunehmenden Flüchtlingsströme und die Terrorismuswelle verstärken tendenziell den Abwärtsdruck auf den Euro und die Fluchttendenz in den Franken.

Sie gehen davon aus, dass sich der Frankenschock langfristig positiv auf den Werkplatz Schweiz auswirken wird, weil die Unternehmer produktiver und innovativer werden müssen. Irgendwann ist die Zitrone aber ausgepresst.
Wir beobachten im Moment den schmerzhaften Strukturwandel «live» mit: Firmen und Produktionsschritte mit tiefer Wertschöpfung verschwinden oder wandern ab, weil sie sich in der Schweiz gar nicht mehr lohnen. Der starke Franken hat die Schweiz zu einem überteuerten Produktionsstandort gemacht. Der Produktivitätszuwachs konnte mit dieser horrenden Aufwertungsgeschwindigkeit nicht mithalten. Diese ungünstige Entwicklung kann nur korrigiert werden, indem die Firmen Kosten sparen, ihre Produktivität mit allen Mitteln steigern und indem Überregulierung abgebaut wird. Das alles wird uns mittelfristig zum Vorteil gereichen und unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Welches sind Ihre Prognosen für die Exportindustrie?
Ich rechne noch mit einem schwierigen Jahr 2016 und sehe danach wieder einen Silberstreifen am Horizont.

Wie stark wird sich die wirtschaftliche Abschwächung in China auswirken, dem Powerhouse der Welt?
China durchlebt derzeit eine normale Phase mit etwas schwächerer Konjunktur. Dieser Markt wird jedoch auch in Zukunft eine tragende Rolle für das Weltwachstum spielen und insbesondere für Schweizer KMU weiter an Bedeutung gewinnen. Vergessen wir nicht, dass vor etwa 200 Jahren China für fast einen Drittel der Weltwertschöpfung verantwortlich war. Vor 50 Jahren waren es noch etwa 5 Prozent, heute sind es vielleicht wieder knapp unter 20 Prozent. Da besteht Aufholpotenzial. Das sehen auch unsere KMU so, denn die meisten sagten in unserer grossen Jahresendumfrage, dass sie diesen Markt im 2016 angehen wollten.

Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP), bei dem die Schweiz draussen wäre, muss Ihnen Kopfschmerzen bereiten.
Beim TTIP bleibt abzuwarten, wie es am Ende aussehen wird und ob wir uns anschliessen können. Vielen KMU bereiten aber vor allem die unklare Entwicklung unseres Verhältnisses zu Europa sowie allgemein protektionistische Tendenzen im globalen Handelssystem Sorgen.

Wie können sich die Schweizer Unternehmen fit machen für die Zukunft?
Die Internationalisierung, die Diversifikation der Beschaffungs- und Exportmärkte, hat sich in den letzten Jahren als probates Gegenmittel zur Frankenaufwertung entwickelt. Auch kleine Unternehmen müssen vermehrt an internationale Wertschöpfungsketten andocken. Sie können von unseren Grosskonzernen lernen, welche die Klaviatur der Internationalisierung beherrschen. Die digitale Transformation bietet auch den KMU mehr und mehr Möglichkeiten, von globaler Vernetzung zu profitieren. Sie muss deshalb als Chance begriffen werden, nicht nur als Herausforderung. Dies umso mehr, als die Schweizer Firmen für die digitale Transformation besser gerüstet sind als die meisten ihrer Mitbewerber aus dem Ausland. Um KMU bei der Digitalisierung ihres Exports zu unterstützen, haben wir Ende 2015 gemeinsam mit Google Schweiz die eLearning-Plattform Export Digital ins Leben gerufen.

Welche Firmen und Branchen werden zu den Gewinnern gehören? Und wer zu den Verlierern?
Gewinner werden diejenigen Firmen sein, die sich aktiv damit auseinandersetzen, was der momentane Strukturwandel und die anstehende digitale Transformation für ihr Geschäftsmodell bedeuten und wie sie beide Entwicklungen zu ihrem Vorteil einsetzen können. Gewinnen werden diejenigen, die die ganze Welt als ihre Spielwiese betrachten und ihre Scheuklappen ablegen. Deshalb haben wir unser diesjähriges Aussenwirtschaftsforum, den Treffpunkt für die Schweizer Exportwirtschaft, vom 21. April ganz ins Zeichen der vierten industriellen Revolution gestellt. International aktive Firmen können sich hier für ihre eigene Zukunft inspirieren lassen und konkrete Ratschläge mitnehmen.

Autor: Pascal Ihle

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