Die neueste Prognose stammt vom Moshe Vardi. «Wir nähern uns einem Zeitalter, in dem die Maschinen die Menschen in beinahe jeder Aufgabe übertreffen werden.» Mitte Februar referierte der US-Professor für Computerwissenschaft und Direktor des Ken Kennedy Institute for Information Technology, Rice University, vor der American Association for the Advancement of Science (AAAS) und sagte: «In den nächsten 30 Jahren dürfte die Hälfte der Menschheit ihren Job an Maschinen verlieren.»

Wir dürften diese Entwicklung nicht unterschätzen, so Vardi. Deshalb müsse sich die Gesellschaft eine Reihe grundlegender Fragen stellen: «Wenn Maschinen bald in der Lage sind, fast jede Arbeit zu erledigen – was werden dann die Menschen tun?»

Vardi reiht sich ein in eine Reihe prominenter Warner, die trotz aller Begeisterung für die technologischen Errungenschaften auch die Kehrseiten sehen. Der Physiker Stephen Hawking, Microsoft-Gründer Bill Gates und der Tech-Pionier Elon Musk (Tesla) äussern ähnliche Bedenken wie Vardi. Für Musk stellt die künstliche Intelligenz die grösste existenzielle Gefahr dar, und laut Hawking könnte sie gar das Ende der Menschheit einläuten: «The development of full artificial intelligence could spell the end of the human race.»

Das Weltwirtschaftsforum versucht zu ergründen, wie sich die Digitalisierung auf die Welt auswirkt, und hat in einer gross angelegten Studie die Zukunft der Arbeit untersucht. Was kommt auf die Menschen zu? Wie wird sich die Arbeitswelt verändern? Welche Jobs sind bedroht? Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten werden künftig gefragt sein?

Neun technologische Treiber bis 2020
In einem ersten Schritt beleuchtet die Studie, welche demographischen und sozio-ökonomischen Treiber die Arbeitswelt bis zum Jahr 2020 beeinflussen werden. influence hat darüber berichtet («Was auf die Arbeitswelt zukommt»). Ausserdem beleuchtet die Studie die neun technologischen Entwicklungen, welche Wirtschaft, Politik und Gesellschaft verändern werden:

  1. Mobiles Internet und Cloud-Technologie: Dank der Applikationen auf den mobilen Geräten verbessern sich Dienstleistungen, Wertschöpfung und Produktivität. Zusammen mit der Cloud-Technologie entstehen laufend neue Internet-basierte Geschäftsideen und Services, die nahezu ohne lokale Software und Rechenleistung auskommen.
  2. Rechenleistung und Big Data: Der technologische Fortschritt wird eine noch nie dagewesene Flut an Daten auslösen. Es werden Systeme entstehen, die diese Daten verstehen, ihnen einen Sinn geben und so zu immer neueren Innovationen und Geschäftsmodellen führen werden.
  3. Energieversorgung und neue Technologien: Neue Energieträger und Technologien stellen die bisherige Energieversorgung radikal in Frage. Die grossen Konzerne werden von neuen Firmen und Innovationen herausgefordert werden, allenfalls gar überflüssig gemacht werden (Disruption), was eine grosse Herausforderung für Geopolitik und Umwelt darstellt.
  4. Internet der Dinge: Der zunehmende Einsatz von Sensoren, Kommunikation und Prozessleistung in der industrieller Ausrüstung sowie in den Alltagsgegenständen wird die Objekte miteinander vernetzen. Die Folge ist eine Kaskade an Daten (siehe auch Punkt zwei).
  5. Crowd-Sourcing, Sharing Economy und Peer-to-peer-Plattformen: Neue Plattformen, auf denen sich je nach Aufgabe und Arbeit unterschiedliche Personengruppen zusammenfinden, fordern die klassischen Unternehmen heraus. Für Konzerne könnte es künftig vorteilhafter sein, sich an solchen Plattformen zu beteiligen und dort Talente und Ressourcen anzuzapfen, als diese in-house zu beschäftigen.
  6. Roboter und autonomer Transport: Roboter, die mit Sensoren, Geschicklichkeit und Intelligenz ausgerüstet sind, kommen immer mehr in der Produktion zum Einsatz, aber auch in Service, Reinigung und Unterhalt. Zudem werden autonom fahrende Autos, Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge unser Transportsystem revolutionieren, sofern die Regulierungen dies zulassen werden.
  7. Künstliche Intelligenz und selbstlernende Maschinen: Lange Zeit glaubte man nicht daran, dass die sogenannte Wissensarbeit eines Tages durch künstliche Intelligenz, selbstlernende Maschinen und natürliche Schnittstellen zur Maschine (wie die Stimmerkennung) ersetzt werden könnte.
  8. Herstellungstechnologien und 3D-Druckverfahren:Fortschritte in Verfahrenstechniken und der Herstellung von Materialien erlauben es, Gegenstände, die digital designed wurden, dreidimensional zu drucken. Das wird weitreichende Folgen für die Produktion und die globalen Lieferketten haben.
  9. Neue Werkstoffe, Biotechnologie und Genomforschung: Wissenschaftliche Durchbrüche schlagen sich bereits in der Medizin und der Landwirtschaft nieder. Ähnliches ist im Bereich der synthetischen Moleküle zu erwarten, was sich auf die pharmazeutische Industrie sowie auf Kunststoffe, Polymere, Materialien und Industrieprozesse auswirken wird.

Diese neun technologischen Entwicklungen werden sich zwangsläufig auf die Firmen, deren Geschäftsmodelle und letztlich auf die Arbeitsplätze auswirken. Das Weltwirtschaftsforum rechnet damit, dass bis 2020 durch diese Innovationen und Disruptionen rund 7,1 Millionen Jobs verloren gehen werden, vor allem im Gesundheits-, Finanz- und Energiesektor. Dafür entstehen 2,1 Millionen neue Jobs.

Stellt sich die Frage, wie man sich auf diesen Wandel vorbereiten kann. Die vom Weltwirtschaftsforum befragten Entscheidungsträger, namentlich Strategieverantwortliche und Personalchefs von 371 Firmen und 15 grossen Volkswirtschaften, die gemeinsam 13,5 Millionen Personen beschäftigen, kamen auf folgende zehn Fähigkeiten, die im Jahr 2020 besonders gefragt sein werden:

  • Lösung komplexer Probleme
  • Kritisches Denken
  • Kreativität
  • Management
  • Koordination
  • Emotionale Intelligenz
  • Beurteilungsvermögen und Entscheidungsstärke
  • Dienstleistungsorientierung
  • Verhandlungsgeschick
  • Intellektuelle (kognitive) Flexibilität.

Die Arbeiter von morgen müssen also vor allem kreativ sein. Angesichts der neuen Technologien, Arbeitsprozesse und Möglichkeiten preisen die Personalchefs die geistige Flexibilität als geeignete Strategie an, um von den Veränderungen zu profitieren. Roboter, künstliche Intelligenz und selbstlernende Maschinen können uns zwar dort helfen, wo wir schneller und produktiver sein möchten. Zum Glück sind sie nicht so kreativ wie wir Menschen. Noch nicht, wenn man den Warnungen von Moshe Vardi, Elon Musk und Stephen Hawking Glauben schenken will.

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