«Es fehlen die Möglichkeiten für eine gleichberechtigte Partnerschaft»

Die Genferin Lisa Mazzone ist mit 28 Jahren die jüngste Nationalrätin und Vizepräsidentin der Grünen Partei. Als Feministin setzt sie sich für die Gleichstellung von Mann und Frau ein.

Wie weit ist die Gleichstellung in der Politik?
Ungleichheiten zeigen sich in der Politik vor allem durch die Einstellung und die Schwierigkeit, gewisse Positionen zu erreichen. Hier sind die Parteien in der Pflicht, die Gleichstellung voranzutreiben. Insbesondere deshalb, weil es keine gesetzlichen Vorgaben gibt. Es ist offensichtlich, dass gewisse Parteien aktiver sind als andere. Ich bin in einer Partei, in der die Beteiligung der Frauen immer selbstverständlich war. Die Grünen sind unter anderem auch mit dem Anspruch auf die Verwirklichung der Gleichberechtigung gegründet worden. Daher gilt beispielsweise bei den Genfer Grünen ein 50:50-Verhältnis bei den Wahllisten. Das ist ein wichtiges Instrument, um die Gleichberechtigung voranzutreiben. Doch im Parlament ist die Realität eine andere. Dort sind Frauen immer noch eine Minderheit.

Wie wichtig sind Quoten?
Ich sehe sie als Mittel zum Zweck und zwar übergangsweise. Ziel muss es sein, die Einstellung zu ändern. Was das Parlament angeht, so bin ich überzeugt: Je mehr Frauen im Parlament sind, desto mehr Frauen werden in die Politik gehen. Vorbilder sind wichtig! Quoten unterstützen diese Entwicklung und helfen bei der Erreichung einer besseren Vertretung, aber sie sind kein reiner Selbstzweck. Wichtig ist aber auch die Solidarität unter den Frauen. Ich wurde selbst von einer anderen Frau unterstützt und ermutige nun meinerseits andere Frauen oder Junge, sich in der Politik zu engagieren.

Was hat Sie motiviert, in die Politik zu gehen?
Ich hatte schon seit jeher Interesse und Lust an der Debatte. Überrascht hat mich kürzlich, als ich in einem Gespräch gemerkt habe, dass mein Vis-à-vis das Gefühl hatte, es sei Zufall oder Glück, dass ich im nationalen Parlament Politikern bin.

Haben Sie die Reaktion auf Ihr Alter oder Ihr Geschlecht bezogen?
Die Reaktionen oder Bemerkungen ähneln sich in der Regel. Das heisst, meine Kompetenz wird angezweifelt. In Fernsehdebatten erlebe ich es häufig, dass man mir vorwirft, naiv zu sein oder dass ich halt einfach etwas noch nicht kapiert habe. Anstatt auf meine Argumente einzugehen, zielt man auf mich als Person. Solche Angriffe sind schwer zu kontern, weil damit meine Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird. Diese Vorgehensweise ist häufig in der Politik. Beliebt sind gegenüber Frauen auch Bemerkungen in der Art, wir sollen uns beruhigen und nicht hysterisch reagieren.

Ist die fehlende Gleichstellung in der Politik besonders auffällig?
In meiner Familie wurde die Gleichberechtigung durch beide Eltern konsequent vorgelebt. Doch bereits in der Schule sind die Stereotypen immer noch sehr stark verankert. Ein Beispiel: Mit etwa acht Jahren waren ein Junge und ich die Klassenbesten. Die Lehrerin verlangte von mir, dass ich den anderen vorlese und ihnen helfe. Den Jungen hat sie hingegen anders behandelt. Von ihm verlangte sie nicht, dass er sich für die Klasse einsetze, sondern unterstützte ihn, damit er persönlich weiterkam.

Wie setzen Sie sich für die Gleichstellung ein?
Wichtig ist natürlich die Einreichung eigener oder die Unterstützung der Vorstösse anderer im Parlament. Ausserdem muss man über Sexismus auch reden, damit die Frauen ihre Rechte einfordern können. Es gibt manchmal Situationen, in denen man unsicher ist, ob man diskriminiert wird, oder ob man einfach nicht gut genug ist. Ausserdem ist es enorm wichtig, dass das Parlament die Rahmenbedingungen verbessert – und zwar bei der Familienpolitik, der Lohngleichheit und den Arbeitsbedingungen

Das heisst, Sie sind für staatliche Regeln und gegen freiwillige Lösungen?
Ja. Wir haben seit zwei Jahrzehnten ein Gleichstellungsgesetz. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass wir ein Gesetz haben, die Realität aber eine andere ist. Es braucht Kontrollen und Sanktionen. Umso mehr, als unbestritten ist, dass die Gleichstellung gerade auch der Wirtschaft nützt. Eine wichtige Rolle spielt der Staat aber in der Familienpolitik. Der Bund muss die Zeit für die familiäre Betreuung so regeln, dass die Gleichstellung auch gelebt werden kann. Das gleiche gilt bei der Vertretung der Frauen in Kaderpositionen. Der Anteil der Frauen in Verwaltungsräten beträgt gerade einmal 13 Prozent. Skandinavien hat gezeigt, dass mit Quoten viel erreicht werden kann. Die fähigen Frauen gibt es.

Wieso ist die Schweiz noch nicht weiter?
Es braucht einfach Zeit, bis sich Einstellungen ändern. Meiner Ansicht nach müssen wir daher zwingend die Rahmenbedingungen verbessern. Im Parlament sitzen wenig Junge und die Politiker sind immer noch eher konservativ. Unser politisches System begünstigt schnelle Fortschritte nicht unbedingt. Bei den Jungen ist die Gleichberechtigung hingegen angekommen. Ich kenne viele junge Männer, die sich eine Teilzeitarbeit wünschen. Nur ist dies noch nicht möglich.

Sie gehören zu einer Generation von Frauen, die immer abstimmen und wählen konnte. Ist das für Sie eine Selbstverständlichkeit oder ein Privileg?
Es ist für mich schon selbstverständlich. Ich habe erst etwa mit 16 Jahren erfahren, dass die Frauen in unserem Land sich dieses Recht erst erkämpfen mussten. Im Kontakt mit diesen Frauen wurde mir auch klar, dass sie immer noch sehr gut organisiert sind. Feministin ist für mich auch kein Schimpfwort. Es ist absolut notwendig, sich weiterhin zu engagieren. Heutzutage habe ich den Eindruck, dass man sich weniger mit einem Ziel identifiziert, für das es sich zu kämpfen lohnt. Wir müssten uns wieder mehr mobilisieren, um gehört zu werden. Für viele gut ausgebildete Frauen und Akademikerinnen kommt beispielsweise erst mit der Mutterschaft der Moment, in dem sie realisieren, dass die Gleichberechtigung eben noch nicht überall erreicht ist.

Wo liegt das Problem?
Es fehlen vor allem die Möglichkeiten für eine gleichberechtigte Partnerschaft. Wir sehen meistens Superfrauen, die alles können und erreichen. Echte und ausgewogene Beispiele müssen ermöglicht werden. Ich sehe das beispielsweise, wenn es um die Wahllisten geht. Bevor sich Frauen für eine Wahl zur Verfügung stellen, müssen sie für sich definieren, ob das geht, wenn sie bereits Kinder haben oder noch welche haben möchten. Bei den Männern ist es anders – beispielsweise bei Antonio Hodgers. Als er in den Regierungsrat gewählt wurde, wurde er Vater einer Tochter. Während des Wahlkampfs wurde seine baldige Vaterschaft kaum diskutiert. Man stelle sich an seiner Stelle eine schwangere Kandidatin vor.

Was ist Ihre Idealvorstellung?
Männer und Frauen sollen Teilzeit arbeiten können, damit sie neben der beruflichen Karriere Zeit für ihre Familie, ihre Interessen und ihr soziales Engagement haben. Es braucht genügend Betreuungsplätze. Das bedingt natürlich, dass der Lohn genügend hoch ist und Lohngleichheit herrscht.

Wann ist für Sie das Ideal erreicht?
Ich glaube nicht, dass sich Männer und Frauen grundsätzlich unterscheiden. Daher braucht es nicht überall eine 50:50-Parität. Wichtig ist aber die Änderung der Haltung. Frauen und Männer werden immer noch unterschiedlich erzogen. Das führt dazu, dass Frauen in Führungspositionen tatsächlich eine andere Sichtweise einbringen, weil sie andere Erfahrungen gemacht haben.

Was sind die drei wichtigsten Elemente, um die Gleichberechtigung zu erreichen?
Für mich persönlich waren diese drei Tipps wichtig:

  • Ganz klar das Netzwerk. In Genf organisiert beispielsweise das Gleichstellungsbüro Anlässe, um sich zu vernetzen.
  • Die sozialen Codes verstehen und entscheiden, wie man damit umgeht und allenfalls auch damit spielt.
  • Selbstbewusstsein: Es ist wichtig, dass man in sich ruht, seine Werte kennt und nicht zu sehr von der Aussenmeinung abhängt.

 
Auf institutioneller Ebene setze ich mich ein für:

  • Einen geteilten Elternurlaub, basierend auf dem Modell in Norwegen, sowie den Ausbau von Krippenplätzen.
  • Die Lohngleichheit und den Ausbau von Teilzeitstellen, auch für Männer.
  • Anreize, um einen ausgeglichenen Anteil an Frauen und Männern in verantwortlichen Positionen zu erreichen.

Gespräch: Petra Wessalowski