Was ist eigentlich Heimat?

Fünf Thesen

Silsersee. (Bild: Hansueli Krapf)

Die Kulturwissenschaftlerin  Cordula Seger ist seit dem 21. August 2017 Leiterin des Instituts für Kulturforschung Graubünden. In ihrer Festansprache zum 1. August 2017 in Sils Maria, deren Kernaussagen influence hier zitiert und den weiteren inhaltlichen Bogen zusammenfasst, fragte sie, was Heimat ausmache, und stellte dazu fünf Thesen auf.

1) Heimat ist widersprüchlich, sie umfasst die Sehnsucht nach dem anderen Ort und zugleich den Traum vom Verlorenen.
Der Begriff Heimat wurde erst virulent, als ein bedeutender Teil der ansässigen Menschen den angestammten Ort verliess. Zuvor hatte man das Überkommene wohl als Gewohnheit, Alltag oder Trott erlebt. Heimat aber verlangt nach der Erfahrung von Distanz, nach einem Gestört-Sein, das dazu führt, dass man das scheinbar Vertraute mit anderen, bewussteren Augen sieht, es nicht einfach hinnimmt, sondern beginnt, es sich vorzustellen.

Cordula Seger erwähnte die Engadiner Zuckerbäcker, die wieder nach Hause kamen und ihren in der Ferne erworbenen Reichtum in stattliche Häuser und Hotels investierten. Es gibt auch analoge Beispiele aus dem Tessin oder der Innerschweiz. Erst der distanzierte Blick auf die Heimat, der vergleichend abwägt, identifiziert das Typische, Heimische. Heimat, so scheint es, ist also nicht einfach da, sondern sie wird konstruiert, erfunden, ersehnt und durch die Erfahrung der Fremde neu zusammengesetzt.

2) Heimat ist Auseinandersetzung, sie entsteht in der Reibung zwischen Fremdem und Eigenem.
Was eigen und was fremd ist, lässt sich oft nicht auseinanderhalten. Das eine gehört zwingend zum anderen, ist Kehrseite derselben Medaille. Und dass gerade jene das Bewahren der Heimat als hohes Gut achten, die für das Fremdsein besonders sensibilisiert sind, gehört wohl zu diesem Paradox. Vor dem Festpublikum in Sils konnte Cordula Seger am 1. August zwei berühmte Beispiele von Gästen nennen, welche sich als «Fremde» stark für den Erhalt der «Heimat» eingesetzt hatten: So lobte Friedrich Nietzsche, dass der Silser Gemeinderat 1897 verbot, die Halbinsel Chastè zuzubauen.

1953 machte Hermann Hesse in einem Essay auf Zersiedelung und Spekulationswut aufmerksam und warnte vor der Vereinnahmung des Eigenen durch das Fremde. Dieses Engagement wurde 1967 durch den Münchner Architekt Tino Walz weitergeführt, der in einem Appell in der NZZ dazu aufrief, sich einzumischen, weil Schönheit keine Unterscheidung kenne. Der Schutz der Oberengadiner Seenlandschaft wurde 1972 schliesslich möglich, weil es gelang, verständlich zu machen, dass diese einmalige Landschaft als «kollektives Kapital aller» begriffen werden müsse und für alle Heimat bedeute, die die Schönheit des Landes liebten – Beheimatete und Beherbergte. 

3) Heimat verlangt nach Offenheit zwischen Bewahren und Aufbrechen.
Doch Heimat ist nicht nur schöne Landschaft, kein Museumsstück, nicht Kulisse, sie ist Lebensraum, der sich in der Siedlung niederschlägt. Kaum benutzte Zweitwohnungen gibt es heute in allen touristisch attraktiven Regionen mehr als genug. Deren Bau einzuschränken, haben viele begrüsst. Doch was bleibt, ist der Wunsch, an diesen Orten auch tätig zu sein, den Ort und das Tal weiterzuentwickeln, denn nur so kann bewahrt werden, was allen lieb ist – ein vielgestaltiger Lebens- und Siedlungsraum. Das ist nicht nur legitim, das ist existenziell und bedarf eines kolossalen Umdenkens, wobei dem Gemeinwesen eine besondere Verpflichtung und Verantwortung zukommt – nämlich vorausschauend die Zukunft gemeinsam und im Zusammenhang zu planen und sich zu fragen: Was wollen wir? Und diese Frage kennt keine Gemeindegrenzen, sondern nur ein gemeinsames Bedürfnis, nämlich das Tal als Heimat für viele zu begreifen. Als Teilhabe am Ganzen und Mehrwert für alle – für Gäste also und Gastgeber.

4) Heimat braucht Menschen, die «sich heimisch fühlen».
Das «Sich-Heimisch-Fühlen» ist vielschichtig: Es gibt etwa jene, die man «Erstheimische» nennen könnte, weil sie zuerst da waren und glauben, dass es genüge, im Ort oder im Tal geboren und aufgewachsen zu sein. Heimisch sein, bedeutet ihnen gleichviel, wie das Geschäft in den eigenen Reihen zu halten. Dann gibt es «Zweitheimische», jene also, die aus Gründen der Selbstentfaltung ihre Heimat verlassen und sich an einem (schöneren) Ort eine Wahlheimat suchen. Sie haben ihre neue Heimat mit Bedacht und Geschmack gewählt und sind hier, weil sie sich von diesem Aufenthalt einen Mehrwert für das eigene Dasein erwarten: mehr Geist, mehr Musse, mehr Landschaft – vielleicht auch mehr Prestige.

Aber es gibt auch – neben allerlei «Andersheimischen» – eine neue Generation, die im Ort, im Tal, in der Region aufwächst. Kinder, deren Eltern es hierher verschlagen hat, auf der Suche nach Arbeit und im Wunsch, ihren Söhnen und Töchtern ein besseres Leben zu bieten. Sie sind «Soll-Heimische», denn sie haben nicht gewählt, sondern sich eingefunden und müssen sich nun eingliedern. Von ihnen wird Integration erwartet, «Heimatbruch» verlangt, wie es die Autorin Thea Dorn nennt. Heimatbruch, «der nur gelingen kann, wenn die neue Heimat die Neuen als die Ihrigen anerkennt, während die Neuen bereit sein müssen, die Heimat ihrer Eltern als vergangene Heimat zu betrachten.» Eine lebendige und lebenswerte Region braucht sie alle, Erstheimische und Zweitheimische, Soll-Heimische und Zwischenheimische, diejenigen also, die sich zwischen den benannten Polen bewegen, diese in Schwingung und unter Spannung halten und mit ihrer konstruktiven Kritik dafür Sorge tragen, dass das Tal zu Offenheit gezwungen wird und so Heimat bleibt, ist und noch wird.

5) Heimat ist Erinnerung an morgen. 
Ein Paradox? Ja, natürlich. Denn «Erinnerung an morgen» bedeutet, die Vergangenheit, die eigene Geschichte, den Ort und die Sehnsüchte, das Fremde und das Eigene, Überkommenes und Neues zu bedenken, zu bewahren, um weiterzukommen, neugierig auf morgen sein, weil das Wissen um das Gestern wertvoll bleibt. Oder um es mit Karl Kraus zu sagen: «Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.»