«Wir wissen alle, was zu tun wäre. Nur: Wir machen es nicht»

Früher hat Karen A. Tramontano im Weissen Haus US-Präsident Bill Clinton beraten. Heute setzt sie sich als Lobbyistin unter anderem für die Ärmsten ein.

Karen A. Tramontano war unter US-Präsident Bill Clinton stellvertretende Stabschefin. Nun nimmt sie als Lobbyistin Einfluss. (Bild: zvg)

Karen A. Tramontano ist eine der wohl einflussreichsten Lobbyistinnen der Vereinigten Staaten. Die politische Karriere der US-Amerikanerin nahm eine bedeutende Wende, als sie 1997 zur stellvertretenden Stabschefin des Weissen Hauses ernannt wurde. Unter Präsident Bill Clinton war Tramontano bis 2001 für das nationale und internationale Portfolio zuständig. Heute führt Tramontano eine eigene Agentur in Washington. Die promovierte Juristin setzt sich dafür ein, dass auch die ärmsten Menschen von der Globalisierung profitieren können. Dabei arbeitet sie eng mit der Familie Clinton zusammen, mit welcher sie die Global Fairness Initiative (GFI) gegründet hat.

Das Gespräch fand vor einer Woche statt. Influence traf Karen A. Tramontano anlässlich ihres Gastauftritts im Rahmen einer Veranstaltung der Universität St. Gallen in Genf. Noch nie zuvor hat die US-Amerikanerin in Europa ein Interview gegeben.

Sie waren unter Bill Clinton stellvertretende Stabschefin. Wie gross war Ihr Einfluss?
Karen A. Tramontano: Die US-Regierung hat 1999 die «Worst Form of Child Labour Convention» (schlimmste Form der Kinderarbeit, die Red.) unterzeichnet. Es war das zweite Mal nach 1991, dass die USA eines der Kernanliegen der Internationalen Arbeitsagentur ILO umgesetzt haben.

War dies der Höhepunkt Ihrer Amtszeit?
Ja, meine Kollegen und ich waren damals sehr stolz, dass wir es geschafft hatten, nicht nur den Präsidenten zu überzeugen, sondern auch den Senat. Das war mein grösster Erfolg damals.

Was war Ihr grösster Misserfolg?
Die WTO-Ministerkonferenz in Seattle, 1999. Das war im Prinzip eine einzige gewalttätige Demonstration, die von den Linken angeführt wurde. Die eingeladenen Minister wurden bereits am Flughafen und später in ihren Hotels blockiert – es war ein Desaster. Die Stadt Seattle nannte das Vorgehen damals «Battle von Seattle». Im Internet kursieren noch immer Berichte darüber. Das ist und bleibt meine grösste Niederlage.

Politik gilt als Männerdomäne. Welche Vor- und Nachteile hat dies für Frauen?
Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt. Ich kann nicht von Vor- oder Nachteilen sprechen. Es gab bestimmt Aufgaben, die ich nicht erreichen konnte, weil ich eine Frau war. Allerdings nahm ich dies nicht direkt wahr. Mir ist aber bewusst, dass Frauen diskriminiert werden, besonders in unserem Land. Ich bin dankbar, dass ich dies niemals zu spüren bekam. Natürlich wurde ich bevorzugt – aber niemals wegen meines Geschlechts, sondern wegen meines Verstandes und wegen der Art und Weise, wie ich Informationen verarbeitete.

Heute sind Sie eine Lobbyistin.
Ja, das bin ich. Die Öffentlichkeit weiss wenig über das Berufsbild der Lobbyisten. Sie ist uns gegenüber sehr kritisch, vorverurteilend und harsch. In den Augen der Öffentlichkeit sind wir Lobbyisten oftmals die Bösen.

Können Sie diese Einstellung nachvollziehen? Wissen Sie, woher das schlechte Image des Lobbying kommt?
Ich glaube, diese Vorstellung stammt aus einer Zeit, als unser Beruf noch unter kriminellen Rahmenbedingungen ausgeübt wurde, also vor circa 150 Jahren. Ich bin überzeugt, dass diese Eindrücke heute noch nachhallen. Die Menschen spüren zu wenig, dass die heutigen Leader ihnen zuhören und ihre Bedürfnisse wahrnehmen. Stattdessen ist die Öffentlichkeit überzeugt davon, dass die Politikerinnen und Politiker anstatt ihnen den grossen Unternehmen zuhören. Diese Unternehmen bezahlen wiederum uns Lobbyisten.

In Europa fordert man überall mehr Transparenz und versucht, die Lobbying-Aktivitäten einzuschränken. Weshalb eigentlich?
Die Bevölkerung wird zu wenig gehört von den Politikern, die sie selbst gewählt haben. Das ist jedenfalls das vorherrschende Gefühl. Um diese Situation zu verbessern, ist Transparenz eine sehr gute und wichtige Forderung. Die Bevölkerung soll wissen, wer mich bezahlt und mit wem ich mich treffe. Die Öffentlichkeit hat auch ein Recht darauf, diese Personen zur Rechenschaft zu ziehen. Demokratie basiert darauf, dass die Menschen genügend Informationen haben, um ihre eigene Meinung bilden zu können. Der offene Zugang zu solchen wichtigen Informationen muss sichergestellt werden. Je mehr Länder diese Forderung stellen, desto transparenter wird das ganze System. Das ist eine gute Sache.

Sie verfügen über grosse Erfahrung im Bereich Lobbying. Was hat sich in den letzten Jahren neben der Forderung nach mehr Transparenz noch verändert?
Den grössten Wandel brachten die sozialen Medien. Dank ihnen können wir innert kürzester Zeit sehr viele Menschen erreichen und mobilisieren. Es stellt sich allerdings die Frage, ob wir deswegen Gesetze schneller verändern können. Das weiss ich nicht – ich denke, wir können die Effizienz der sozialen Medien noch nicht bemessen. Hinzu kommt, dass wir heute 24 Stunden nonstop News konsumieren können. Das ist ebenfalls eine grosse Veränderung und bringt Vor- und Nachteile mit sich, denn diese Zeit muss gefüllt werden, sprich Inhalte müssen rund um die Uhr produziert werden.

Was sind die negativen Seiten der digitalen Medien?
Die Gegenseite kann sich heute sehr schnell formieren. Früher konnte man monatelang unbemerkt eine Kampagne führen, ohne dass dies jemand mitbekam, weil die Zielgruppe stark selektiert war. Heute gehören die sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Outbrain etc. zu jeder Kampagne. Somit kann sich die Gegenseite innerhalb von Sekunden aufstellen. Das ist ein unberechenbarer Faktor mit enormem Sprengstoff und er erschwert den Alltag der Lobbyisten massiv.

Sind auch die «Fake News» ein Problem geworden?
Ja, «Fake News» sind eines der jüngsten Phänomene. Das wohl bekannteste Beispiel wurde der Öffentlichkeit in den Wahlen 2016 gezeigt. «Fake News» gibt es aber schon viel länger, übrigens auch in Europa. Ich bin gespannt darauf, wie sich die hochkarätigen Untersuchungen, die heute hauptsächlich in den USA durchgeführt werden – aber nicht nur –, auf die «Fake-News»-Taktik auswirken werden. Zentral ist die Frage, wie die Öffentlichkeit mit diesen Informationen umgeht, denn  Fake-News» werden nicht verschwinden. Interessant werden die längerfristigen Auswirkungen sein.  

Verbreiten Lobbyisten nicht auch gezielt «Fake News»?
Nein. Ich kenne keine Firma, die im Bereich Lobbying – das ist nicht dasselbe wie bei einer Kampagne – bewusst «Fake News» verbreitet. Allerdings: Daten können immer anders interpretiert werden.

Fordert die Branche auch das Verbreiten von vertraulichen Dokumenten?
Auch damit müssen sich Lobbyisten beschäftigen und allenfalls die Strategie kurzfristig anpassen. Vertrauliche Dokumente wurden aber schon immer von verschiedensten Quellen verbreitet. Der Unterschied liegt heute in der Geschwindigkeit und in der Menge. Für diesen Vorgang wäre die Bezeichnung «Datenwegwerfen» treffender. Man stellt den Medien einen grossen Satz an Daten zu und diese machen daraus ihre Story.

Mit geleakten Dokumenten wurde in Deutschland versucht, das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zu stoppen. Sie waren bei verschiedenen Handelsabkommen aktiv beteiligt. Können Sie nachvollziehen, weshalb die Menschen heute von der Globalisierung, den offenen Märkten und den Handelsabkommen genug haben?
Diese Abwehrhaltung ist nicht neu. Handel hat sowohl zahlreiche positive als auch negative Einflüsse. Fakt ist, dass sich die Wirtschaft ständig verändert. Einerseits sorgt Handel für neue Arbeitsstellen, andererseits führen neue Technologien zu Automatisierungen. Die Menschen haben davon genug, gerade wenn es ihren Arbeitsbereich betrifft. Heute sind wir Teil eines globalen Markts, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch kulturell. Alles scheint miteinander vernetzt und dadurch komplizierter zu sein. Das führt zum Gefühl, die Kontrolle über sich und sein Leben zu verlieren. Und das ist etwas, das alle Menschen als bedrohlich empfinden.  

Haben unsere Wirtschaftsführer/-Experten versagt, die positiven Einflüsse der Globalisierung besser zu kommunizieren?
Das glaube ich nicht. Es liegt nicht daran, die Vorteile näher zu erläutern. Ich denke, dass wir genau damit einen Fehler machen. Wir meinen, dass jemand, der soeben seinen Job verloren hat, weil die Fabrik nach Mexiko verlagert worden ist, hören möchte, dass die offenen Märkte vielen anderen Menschen Gutes tun. Das funktioniert so nicht. Was wir hauptsächlich in den USA falsch gemacht haben: Wir haben die Menschen nicht unterstützt, die nicht direkt vom Freihandel profitiert haben. Wir haben ihnen keine Perspektiven für einen Berufswechsel gegeben. Das betrifft insbesondere die alten Industrien, ältere Arbeiter und schlechter Gebildete. Wir, die «United States of America», wissen das eigentlich. Aber wir unternehmen nichts dagegen.

Die Arbeitslosenquote steigt aber auch bei den Jungen in vielen Ländern. Können Sie das begründen?
Jüngere Menschen haben Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt – auch in den USA. Wenn ein Arbeitnehmer, sagen wir ein Klimaanlagen-Monteur, seinen Job verliert, weil seine Firma Konkurs ging, sagt unser Arbeitsamt einfach nur «Das tut uns Leid für dich». Das Arbeitsamt müsste die Leute aber umschulen und sie für den heutigen Arbeitsmarkt fit machen, um ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen. Während dieser Zeit sollten die Betroffenen auch entlohnt werden. Das Problem liegt auf dem Tisch: Wenn man Teil einer globalen Wirtschaft sein möchte – und die USA wollen sogar deren Leader sein –, wenn man also von allen Vorteilen des Handels profitieren möchte, dann müsste man auch alles unternehmen, um den Menschen bei der Anpassung an ein verändertes berufliches Umfeld zu helfen.

Was können Lobbyisten dafür tun?
Im letzten Dezember habe ich ein sehr langes und vermutlich auch sehr langweiliges Papier verfasst. Darin habe ich die drei wichtigsten Gesetzesänderungen (Policy changes, die Red.) benannt. Würden wir diese Veränderungen vornehmen, könnten auch jene Leute vom Handel profitieren, die es heute noch nicht tun. Ohne dass ich als Lobbyistin bezahlt werde, verbreite ich diese Erkenntnisse nun in meinem Netzwerk, gebe TV-Interviews und spreche an Universitäten darüber. Ich unternehme vieles, damit wir endlich anfangen, einen anderen Dialog zu führen. Wir müssen das Problem an der Quelle angehen, nämlich im Sozialsystem (Social safety net). Die Arbeitsstandards in den verschiedenen Sektoren, die Arbeitslosenunterstützung und die Krankenversicherungen in den USA müssen verändert werden. Wir müssen aufhören, die Arbeiter zu beschuldigen, wenn sie ihren Job verlieren. In den USA haben wir die verrückte Situation, dass wir die Arbeiter auffordern zu belegen, dass sie ihren Job wegen der Handelsfreiheit verloren haben. Wir müssen anderen Ländern helfen, ihre Standards zu verbessern, sodass Handel nicht dazu führen kann, dass wir von den Schwächsten profitieren. Wir müssen diesen Ländern helfen, dass sie ihre technischen Fähigkeiten ausbauen können. Wir müssen auch den ärmsten Ländern helfen, einen Schritt weiterzukommen. Eigentlich ist es nicht schwierig. Wir wissen alle, was zu tun wäre. Nur: Wir machen es nicht.

Gespräch: Antonia Müller