«Vor 20 Jahren wollte niemand Bio-Schoggi produzieren»

Alessandra Alberti, Chefin des Tessiner Schokoladeherstellers Stella, über den Vorteil der Kleinen, die Bedeutung des Exports und die Freude am Führen.

Alessandra Alberti, CEO von Chocolat Stella in Giubiasco TI. (Bild: ZVG)

Wie sind Sie eigentlich auf die Schokolade gekommen? Haben Sie sich einen Kindheitstraum erfüllt?
Alessandra Alberti: Seit ich Kind bin, liebe ich das Kochen und Lebensmittel, ganz speziell Kuchen, Süssigkeiten und Schokolade. Ich habe viel mit meiner Mutter gebacken. In meinem letzten Jahr an der Mittelschule hörte ich im Fernsehen, dass es an der ETH in Zürich ein Studium für Lebensmittelingenieure gebe. Die Kombination von Lebensmittelkunde, Wirtschaft und Kochen faszinierte mich derart, dass ich mich für dieses Studium entschied. Ich hatte dann die Gelegenheit, ein Praktikum hier bei Chocolat Stella zu machen und so habe ich angefangen, mich intensiver mit der Schokolade zu befassen.

Ein unglaublicher Zufall, dass Sie Jahre später ausgerechnet Chefin dieses Unternehmens geworden sind.
Eigentlich schon. Das Praktikum bei Stella war eines unter mehreren. Nach Beendigung des Studiums arbeitete ich ein paar Jahre beim Bundesamt für Gesundheitswesen in Bern, danach folgte ein Nachdiplomstudium in Human-Ernährung in Lausanne. Ich erhielt ein paar interessante Jobangebote, so auch eines von Stella. Das Tessiner Kleinunternehmen suchte eine neue verantwortliche Person für die Qualitätssicherung und eine für den Einkauf. So begann ich 1996 meine Karriere bei Stella.

Es kommt nicht häufig vor, dass Tessinerinnen und Tessiner, die in der Deutschschweiz studiert haben, zurück in ihre Heimat kehren.
Das hat natürlich auch viel mit dem Zufall zu tun, dass ausgerechnet bei Chocolat Stella in Giubiasco eine Stelle ausgeschrieben war, die auf mich zugeschnitten war. Die Firma war klein. Damals waren wir 28 Personen, jetzt sind wir 55.

Was hat den Ausschlag gegeben, über 20 Jahre lang bei Stella zu arbeiten?
Wir haben in den letzten 20 Jahren die Zahl der Jobs verdoppelt. Das zeigt, dass wir immer neue Projekte realisieren können und erfolgreich damit sind. 1999 wurde der damalige Direktor pensioniert. Die Besitzerfamilie, der auch Chocolat Bernheim in Kreuzlingen gehört, fragte mich an, ob ich die Geschäftsleitung übernehmen wolle. Da ich das Team kannte und man letztlich nur gemeinsam Erfolg haben kann, sagte ich zu.

Was Sie offensichtlich noch keine Sekunde bereut haben.

Nein, es gab und gibt immer neue, spannende Projekte wie die Umstellung vom Ein-Schicht- auf den Zwei-Schicht-Betrieb, die Produktionserweiterung, den Neubau, und wir verfolgen eine klare Nischenstrategie.

Wollten Sie schon immer Unternehmerin werden?

Als ich mit dem Studium begann, sicher nicht. Jetzt bin ich aber sehr gerne Geschäftsführerin. Mir ist wichtig, dass man eine Arbeit macht, die Freude bereitet. Enthusiasmus und Leistungsbereitschaft sind in meinen Augen wichtige Erfolgsfaktoren. Und dann entscheidet hin und wieder eben auch das Schicksal… Das Leben ist zu kurz, um etwas Uninteressantes zu machen.

Was heisst es, als Unternehmerin im Tessin zu arbeiten?
Das Team ist ganz wichtig, alleine kann ich wenig ausrichten. Die Mitarbeitenden merkten von Anfang an, dass ich gewillt war, mit ihnen zusammen etwas Neues zu machen. Der Vorteil ist sicher auch, dass uns die Besitzerfamilie Müller viel Vertrauen schenkt. Vor 20 Jahren haben mein Kollege Gastone Farolfi und sein Team die Export-Abteilung entwickelt und dank dieser Strategie exportieren wir heute viele unserer Produkte-Spezialitäten ins Ausland. Heute sind wir in 55 Ländern präsent und exportieren zwei Drittel der Produktion, Tendenz steigend.

Sie erwähnen die Bedeutung des Exports und der Nischen. Das heisst, ohne diese Fokussierung gäbe es Chocolat Stella heute nicht mehr?
Das ist eine gute Frage. 1996, als ich bei Stella anfing, befand sich das Unternehmen auf einem tiefen Niveau. Die Besitzerfamilie Müller hätte den Betrieb genauso gut einstellen können. Doch dann folgte die strategische Repositionierung: mehr Qualität, mehr Nischenprodukte, mehr Flexibilität, mehr Export. Einen Teil der Produkte verkaufen wir unter der Marke Stella, was uns punkto Bekanntheit im Ausland hilft. Aber immer mehr Kunden, gerade im Ausland, lassen Schokolade oder ihre Spezialitäten unter ihrem eigenen Markennamen von uns produzieren.  

Sie sind ein kleines Unternehmen. Setzt Ihnen die Konkurrenz von grossen Unternehmen wie Frey, Cailler oder Mondelez nicht zu?

Wir sind nicht direkt Mitbewerber, weil wir gar nicht in der Lage sind, derart grosse Mengen zu produzieren. Doch für diese grossen Hersteller produzieren wir manchmal Nischen, die sich für sie gar nicht lohnen. Namentlich wenn sie etwas Neues lancieren möchten, aber die Menge zu klein ist.

Zum Beispiel?
Vor zwanzig Jahren wollte niemand Bio-Schokolade produzieren, weil die Mengen gerade für die Grossen zu klein waren, zum Teil ist das heute noch so. Für uns ist dieses Geschäft aber sehr interessant. Mittlerweile ist ein Drittel unserer Produktion Bio- und Fair-Trade-Schokolade. Ein zweites Beispiel ist die zuckerfreie Schokolade, bei der wir die erste Produzentin der Schweiz waren. Die Herausforderung für uns besteht darin, neue Nischen zu finden. Denn wenn eine Nische wächst, wird sie auch für die Grossen lukrativ.

Welches sind die nächsten Nischen?

Die laktosefreien Produkte und die vegane Schokolade. Wir können schnell auf Trends und individuelle Wünsche reagieren, denn unsere Maschinen sind kleiner, lassen sich schneller reinigen, und unsere Mitarbeitenden können schnell umschalten. Nur so sind wir in der Lage, rasch auf Trends zu reagieren und Nischen zu entwickeln.

Verstehen Sie Stella als Labor für Experimente?

Wir positionieren uns zwischen einer Confiserie und einer grossen Schokoladeherstellerin.

Wie entwickeln Sie neue Ideen?
Wir haben ein Entwicklungsteam, das aus Leuten von Chocolat Stella und von Chocolat Bernrain besteht. Einmal pro Woche tauschen wir uns aus und besprechen Ideen und Projekte. Diese stammen auch von unseren Mitarbeitenden wie zum Beispiel die Schokolade mit Tessiner Brot, welche mittlerweile in der ganzen Welt verkauft wird Die Idee stammte von unserem Hauptmechaniker. Er meinte: «Meine Familie isst immer Brot mit Schokolade. Können wir nicht eine solche Schokolade herstellen?» Wir fanden diese Idee hervorragend und haben sie dann realisiert. Neuheiten stammen auch von unseren Kunden und zum Teil direkt von internationalen Messen. Diese sind für uns wichtig, denn wir haben nicht viel Geld für Werbung, vor allem nicht im Ausland.

Wie treten Sie an internationalen Messen auf?
Meistens nehmen wir im Schweizer Pavillon teil. Das hilft. Wir versuchen uns mit Neuheiten zu positionieren und zeigen, dass unsere Produkte personalisiert werden können, und zwar mit der Rezeptur wie mit der Verpackung. Aufgrund der vielen Kontakte stellen wir fest, dass unsere Präsenz an diesen Messen gut ist und wir als kleine Schweizer Schokoladeproduzentin gut ankommen.

Welches sind die Trends, die nach laktosefreier und veganer Schokolade folgen?

Das Interesse an dunkler Schokolade mit hohem Kakao-Anteil bis zu 100 Prozent steigt. Immer wichtiger wird der Ursprung der Kakaobohnen: Ecuador, Indien oder Madagaskar. Früher hatten wir vier bis fünf unterschiedliche Provenienzen, was viel war. Heute sind es viel mehr.

Wie wichtig ist das Thema Nachhaltigkeit?
Für uns als Nischenproduzentin ist das Thema sehr wichtig, aber auch für die Schweiz insgesamt. Wir können unsere vergleichsweise hohen Preise nur mit Schweizer Qualität, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Innovation und Flexibilität durchsetzen. Dazu zählt auch Nachhaltigkeit.

Der Export wird für Sie immer wichtiger. Wie reagieren Sie auf das Aufkommen von Protektionismus und die Angriffe auf den Freihandel?
Wir müssen alles daran setzen, dass die Rahmenbedingungen möglichst gut bleiben, gerade für Exporteure. Ich habe häufig das Gefühl, dass die Politiker, die für die Gesetze verantwortlich sind, sich zu wenig bewusst sind, welche Auswirkungen gewissen Regeln auf die Weltmärkte haben, und dass sie uns massiv behindern können.

Woran denken Sie?
Zum Beispiel an das Swissness-Gesetz. Das Grundprinzip ist ja in Ordnung, damit das «Swiss made»-Label geschützt wird. Es gibt aber Produkte wie unsere laktosefreie Schokolade, die zwar in der Schweiz produziert wird, aber das Schweizerkreuz nicht mehr auf der Verpackung haben darf.

Weshalb nicht?
Milchpulver ist ein typischer Schweizer Rohstoff für unsere Milchschokolade. Doch Milchpulver ohne Laktose kann gegenwärtig nicht in der Schweiz produziert werden, so dass wir zurzeit auf Importe aus den Niederlanden angewiesen sind. Die Konsequenz ist, dass wir auf der Verpackung das Schweizerkreuz nicht abbilden dürfen, weil nicht 80 Prozent der Rohstoffe aus der Schweiz stammen. Die gleiche Tafel Schokolade mit laktosehaltigem Milchpulver, das aus der Schweiz stammt, darf hingegen das Schweizerkreuz abbilden. Ich kritisiere die Politiker nicht, weil das wirklich komplizierte Details sind. Deshalb ist unser Branchenverband so wichtig, der den Politikern erklärt, welche Folgen eine zu starke Regulierung haben kann.

Was können Sie als Chefin von Chocolat Stella unternehmen?
Wir müssen uns öffnen, und zwar gegenüber der Bevölkerung wie auch der Politik. Wir organisieren Tage der offenen Türe, damit die Leute sehen, was wir wirklich machen. Wir treten an Veranstaltungen auf. Das ist gerade im Tessin wichtig, weil die Leute wegen der Diskussion um die Grenzgänger aus Italien verunsichert sind. Unsere Offenheit kann dazu beitragen, dass die Bevölkerung unsere Anliegen besser versteht.

Wie wirkt sich der starke Franken aus?

Ich erinnere mich noch gut an den 14. Januar 2015. Wir waren mit der Tessiner Handelskammer hier bei uns und kamen überein, dass wir weiterhin mit einem Wechselkurs von 1.20 Franken rechnen dürften. Wir liessen eine entsprechende Medienmitteilung raus. Am anderen Tag hob die Nationalbank die Untergrenze zum Euro auf. Das war ein grosser Schock.

Wie haben Sie reagiert?
Wir mussten verhindern, dass wir Kunden verlieren. Zum einen haben wir die Preise gesenkt und dadurch eine Margenreduktion in Kauf genommen. Zum anderen haben wir bei gewissen Kunden neu in Euro verrechnet. Beides war eine grosse Herausforderung. Parallel dazu haben wir unsere gesamte Organisation nach mehr Effizienz durchforstet, um die Kosten zu drücken. Aber irgendwann geht es nicht mehr, weshalb wir noch stärker in Nischen und Qualität investiert haben.

Hat Sie dieser Schock gezwungen, noch innovativer und kreativer zu werden?
Das hat sicher dazu beigetragen. Und wenn man heute, fast zweieinhalb Jahre später, eine vorsichtige Bilanz zieht, dann hat der Frankenschock der Schweizer Exportwirtschaft zum Glück weniger zugesetzt als anfänglich befürchtet. Aber es war ein Stück harter Arbeit.

Haben Sie daran gedacht, Teile der Produktion ins Ausland auszulagern?

Nein, das kam für mich nie infrage. Erstens wäre das nicht kompatibel mit unserer Schweizer Qualität, und zweitens glaube ich an den Standort Schweiz. Aber entscheidend ist, dass die Rahmenbedingungen für alle stimmen. Wichtig ist, dass die Landwirtschaft und unsere Branche noch stärker zusammenarbeiten und dass gewisse Regulierungen nicht überborden.

Könnte Stella ohne Grenzgänger überleben?
Das könnten wir. Wir haben seit vielen Jahren die gleichen Grenzgänger aus Italien und haben derart gute Erfahrungen mit ihnen gemacht, dass wir sicher weiter auf sie zählen werden. Bei uns ist die Situation nicht die gleiche wie in Mendrisiotto.

Ist es für Sie ein Vorteil, im Tessin zu produzieren?

Diese Frage wird gerne gestellt, da wir mit Chocolat Bernrain über einen zweiten Standort in der Schweiz verfügen. Dadurch, dass wir stark in Nischen und Qualität sind, erzielen wir gute Resultate. Verglichen mit anderen Regionen der Schweiz haben wir keine Nachteile. Der Aktionär, die Familie Müller, ist glücklich mit uns im Tessin. Was will man mehr.

Gespräch: Pascal Ihle