«Die besten Ideen habe ich meist auf dem Velo»

Er stand auf dem Kilimandscharo, den Wildstrubel hat er mehrmals bestiegen, nun träumt er von einem Trekking im Himalaya: Alec von Graffenried (54). Der Berner Stadtpräsident spricht über die Wirkung von Bergwanderungen, seine Emotionen in Afrika und zwei Menschen, die ihn besonders inspirieren.

Alec von Graffenried, Stadtpräsident von Bern. (Bild: bern.ch)

Die ersten 100 Tage als Berner Stadtpräsident haben Sie hinter sich. Wie fühlen Sie sich?
Alec von Graffenried: Es geht mir gut, danke! Der Einstieg wurde mir sehr leicht gemacht. Ich spüre viel Goodwill und Unterstützung aus der Öffentlichkeit. Womöglich habe ich in den ersten 100 Tagen eine gewisse Schonfrist genossen.

Sie wurden von Beginn weg mit den Krawallen rund um die Reitschule gefordert.
Ich wusste von Anfang an, dass das komplexe Dossier Reitschule zu meinem Aufgabenbereich dazugehört. Die Krawalle haben mich enttäuscht und entsetzt, für solche Gewaltausbrüche hatte ich noch nie Verständnis. Ich bin aber zuversichtlich, dass ich etwas bewegen kann.

Wie wichtig ist es für Sie, Ihre Batterien abseits vom Tagesgeschäft aufzuladen?
Das ist mir sehr wichtig. Ich brauche Bewegung und frische Luft, um meinen Kopf zu lüften. Deshalb fahre ich tagsüber häufig mit dem Velo von einem Termin zum nächsten. Ich versuche, am Wochenende ab und zu auch Sport zu treiben.

Wie tanken Sie am besten Energie?
Am liebsten täglich zwischendurch. Im Sommer gehört Aareschwimmen dazu. In die Aare eintauchen heisst abtauchen, da bin ich weg von allem. Ich kombiniere gerne auch Laufen und Schwimmen. An heissen Tagen kann es vorkommen, dass ich von Kiesen nach Bern schwimme (knapp 20 Kilometer, die Red.). Sport zu treiben hilft mir, meine Batterien aufzuladen. Ich bewege mich lieber an der frischen Luft als auf einem Hometrainer im Fitness-Studio. Das einzige Sportgerät, das ich zu Hause installiert habe, ist eine Rudermaschine mit integriertem Wassertank. So kann ich Oberkörper und Rumpfmuskulatur trainieren.

Sie standen schon auf dem Kilimandscharo. Weshalb haben Sie Afrikas höchsten Berg (5895 m ü. M.) bestiegen?

Das ist eine lustige Geschichte: Ein guter Freund von mir, Lehrer in Bern, baut und betreibt seit fast 20 Jahren Schulhäuser in Malawi, im Südosten Afrikas. Wir unterstützen ihn dabei auch finanziell, deshalb wollte ich unbedingt einmal mit meiner Familie dorthin fahren. Ich war noch nie zuvor in Schwarzafrika gewesen, daher habe ich das mit einer Reise nach Tansania verbunden. Meine beiden Söhne haben sofort zugesagt, als ich vorschlug, eine Kilimandscharo-Tour zu einem Familienprojekt zu machen. Wir wollten die Ferien mit einem unvergesslichen Erlebnis verbinden. Es wurde ein lässiges Gemeinschaftserlebnis mit meinen beiden Söhnen. Am Berg haben wir den damaligen Grossratspräsidenten Bernhard Antener getroffen – das war lustig. Die Idee für den Kilimandscharo hatte ich übrigens von den Helfer Architekten. Können Sie sich an die Firma erinnern?

Nein.
In den 1960er-Jahren lud der bekannte Berner Architekt Eduard Helfer, Erbauer des Gäbelbachs, jeden Mitarbeiter, der fünf Jahre im Betrieb gearbeitet hatte, auf den Kilimandscharo ein. Das fand ich immer eine inspirierende Idee.

Was hat Ihnen der Kilimandscharo gegeben?
Am Kilimandscharo durchwandert man fünf Vegetationsstufen. Das ist schon sehr speziell. Unten ist es ein tropischer Regenwald mit Affen und exotischen Pflanzen. Die alpine Wüste mit dem Gletscher in der Gipfelzone erinnert dann stark an Schweizer Berglandschaften, aber auf dem Gipfel sieht man wenig, man kann keinen anderen Berggipfel sehen. Und bis in die Steppenlandschaft sieht man auch nicht. Die Aussicht vom Niesen ist spektakulärer.

Hat auch die Besteigung des Wildstrubels (3244 m ü. M.) eine besondere Geschichte?
Der Wildstrubel ist für mich eine Herzensangelegenheit. Auf diesem Gipfel stand ich schon mehrere Male. Mit dem Wildstrubel verbinde ich viele Kindheitserinnerungen. Damals gingen wir immer an die Lenk im Simmental in die Ferien. Eindrücklich finde ich die Passage von der Wildstrubelhütte über den Plaine-Morte-Gletscher, wo sich die Auswirkungen des Klimawandels ausgeprägt zeigen. Früher versanken wir beim Queren des Gletschers metertief im Schnee, heute hat sich die Gletscherzunge zurückgezogen. Die Schneedecke ist weg, der Plaine-Morte-Gletscher liegt blank da und ist geschmolzen. Er liegt mehrere 100 Meter tiefer als in meiner Jugend.

Welche Gipfel haben Sie noch bestiegen?
Den Gurten natürlich (lacht). Auf diesem Gipfel habe ich am häufigsten gestanden. Wenn ich einen Longjog in meinen Trainingsplan einbaue, steuere ich häufig auch den Ostermundigenberg an. Dort befindet sich die Kasthofer-Gedenkstätte – Sie sehen, beim Sporttreiben kann man durchaus etwas lernen (der Grabstein des Regierungsrats und Forstmeisters Karl Albrecht Kasthofer wurde 1992 bei Aushubarbeiten im Monbijouquartier gefunden; die Grabstätte Kasthofers war bis dahin unbekannt gewesen, die Red.). Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich bin kein Bergsteiger, sondern ein Bergwanderer. Mir gefallen schöne Übergänge wie der Lötschenpass, die Sefinenfurgge, die Greina, verbunden mit einer Übernachtung hoch oben in einer SAC-Hütte. Mit der Familie unternahmen wir in den letzten Jahren mehrtägige Wanderungen – von Kandersteg ins Tessin oder vom Bündnerland ins Tessin. Ich suche nicht unbedingt das Gipfelerlebnis, für mich geht es auch nicht ums Kräftemessen.

Und welchen Gipfel möchten Sie noch besteigen?

Sie meinen, welches mein Sehnsuchtsberg ist?

Ja, genau.
(überlegt lange) Es würde mich reizen, einmal im Himalaya zu wandern und Kontakt mit der Bevölkerung von Nepal und Tibet zu haben.

Wie lautet Ihr Motto, um auf einen Gipfel zu gelangen?
Ich weiss, es tönt abgedroschen: «Nicht der Gipfel ist das Ziel, sondern der spannende Weg dorthin.» Ich bin dankbar dafür, dass für uns Stadtberner die Alpen so nahegelegen sind. Innerhalb einer Stunde können wir einen riesigen Naturpark betreten, der uns eine Rückzugsmöglichkeit zur Erholung bietet. So etwas ist unbezahlbar.

Haben Sie auf einer Bergtour jemals einen heiklen Moment erlebt?
Nein, ich habe Glück gehabt, dass es noch nie gefährlich wurde. Ich bin eher ein vorsichtiger Mensch.

Wer auf Gipfel steigt, ist auch auf einer Reise zu sich selbst. Bergsteiger berichten, dass sie am Gipfelkreuz Gott besonders nahe sind. Suchen Sie kontemplative oder gar spirituelle Momente in den Bergen?
Eine Wanderung ist für mich auch ein Rückzug zur Selbstbesinnung. Genau das suche ich in den Bergen. Deshalb wandere ich häufig allein, auch auf Ski. Bei einem anstrengenden Aufstieg stösst man an seine körperlichen Grenzen und man kann die Gedanken auf die wesentlichen Dinge im Leben fokussieren. Auch Wind und Wetter ausgesetzt zu sein, gehört zu den fundamentalen Erlebnissen am Berg. Ob Bergwandern eine spirituelle Komponente hat? Schwierig zu sagen. Ich empfinde einfach riesige Lebensfreude dabei. Zuletzt beispielsweise Anfang April auf einer Hochgebirgs-Skitour vom Jungfraujoch über den Konkordiaplatz zur Lötschenlücke – weniger als 500 Meter Aufstieg, dann eine 20-Kilometer-Abfahrt – eine Skitour für Bequeme (lacht).

Welcher Mensch hat Sie in Ihrem Leben am meisten inspiriert?
Darf ich zwei Menschen nennen?

Ja, bitte sehr.
Meine Schulfreunde Martin Schaer und Jörg Peltzer beeindrucken mich mit ihrem Enthusiasmus und ihrer schier grenzenlosen Energie. Schaer, den ich bereits erwähnt habe, arbeitet als Lehrer an der Gewerbeschule in Bern. Mit dem Verein Bildungsprojekte baut er seit 2001 Schulhäuser in Malawi. Es sind schon gegen 10 Schulhäuser. Daneben organisiert er jährlich Fussballcamps für malawische Schulkinder und betreibt einen Campus. Peltzer ist Chefarzt Chirurgie am Hôpital du Jura in Delsberg. Er hat ein Hilfswerk in Äthiopien gegründet, das die unfallchirurgische Versorgung verbessern soll. Mehrere Wochen pro Jahr verbringt Peltzer in diesem ostafrikanischen Land, um praktisch rund um die Uhr zu operieren. Schaer und Peltzer investieren ihre ganze Schaffenskraft in diese zwei Projekte – solche Menschen inspirieren mich und zeigen, wieviel ein Einzelner bewegen kann.

Alt Bundesrat Adolf Ogi fällte grosse Entscheidungen oft aus der Ruhe heraus – er ging ins Gasterntal bei Kandersteg. Was tun Sie, wenn grosse Entscheidungen anstehen?
Ich bin nicht der Typ, der die Abgeschiedenheit und die Natur aufsuchen muss, um Klarheit zu erlangen. Die besten Ideen habe ich meist auf dem Velo. Finde ich die Lösung eines Problems nicht selber, suche ich den Austausch mit anderen. Im Gespräch lassen sich Ideen weiterentwickeln bis sie reif sind zur Umsetzung.

Finden Sie noch Zeit, ein Buch zu lesen oder Musik zu hören?
Unter der Woche lese ich viele Zeitungen und Fachliteratur. Bücher nehme ich hauptsächlich in den Ferien zur Hand. Kürzlich habe ich den Krimi «Dubach im Finanz-Sumpf» von Norbert Hochreutener und den Roman «Wutanfall im Berner Rathaus» von Dieter Widmer gelesen. Schriftstellerisch brillant fand ich «Ein passender Mieter», den neuesten Roman von Lukas Hartmann. Mein Lieblingsbuch der letzten Monate war der Roman «Das Leben ist gut» von Alex Capus. Musik höre ich heute überwiegend an Live-Konzerten. Ich geniesse die Berner Bands wie Züri West und Stiller Has mit meinem Freund Mario Batkovic ebenso wie klassische Sinfoniekonzerte, Jazz und Schweizer Musik generell. Ich habe das Glück, in einem musikalisch aktiven Quartier zu wohnen. Im Murifeld sind viele Künstler zu Hause. Auch meine vier Kinder – 28, 25, 15 und 14 Jahre alt – halten mich in Sachen Musiktrends auf dem Laufenden.

Welche Werte sind Ihnen im Umgang mit Menschen oder im Leben generell wichtig – unabhängig von der Politik?

Mir ist der gegenseitige Respekt ganz wichtig. Ich finde, dass es uns noch nie so gut gegangen ist wie heute, und ich bin überzeugt, dass wir die Herausforderungen – weltweit – gemeinsam meistern können. Ich bin ein zuversichtlicher Mensch und glaube an das Gute im Menschen. Das prägt mein Weltbild. Dankbarkeit ist das Wichtigste im Leben. Sie kann viel dazu beitragen, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.

Uns stehen herausfordernde Zeiten bevor, sowohl global als auch in Europa. Wozu raten Sie Menschen, die sich Sorgen machen?
Wir leben im Katastrophenmodus, machen uns generell zu viele Sorgen. Ich finde es daher unsäglich, eigentlich verbrecherisch, wenn mit Angst Politik gemacht wird. Als Stadtpräsident möchte ich den Menschen Zuversicht und Lebensmut vermitteln und sie ermutigen, nicht ständig Negatives zu erwarten. Es ist wichtig, an die positiven Entwicklungen zu glauben. Dazu ist Neugierde nötig. Wir erleben gerade die Digitalisierung. Sie kann Angst machen, viele sehen ihren Arbeitsplatz in Gefahr oder befürchten, dass nur noch oberflächliche Informationen konsumiert werden. Die Digitalisierung bietet aber auch viele Chancen, die es zu nutzen gilt. Wir können uns darüber freuen, dass wir in unglaublich spannenden Zeiten leben.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Früher konnten wir im Kreise von Freunden einen Abend lang herrlich darüber streiten, wie hoch der Kilimandscharo ist. Wir wetteten, wie das Resultat zwischen Brasilien und Italien im WM-Final 1970 ausgegangen war – 4:1 oder doch 4:2? Heute können wir diese Fakten in Sekundenschnelle auf dem iPhone nachlesen. Dadurch gewinnen wir Zeit, zu wesentlichen Fragen vorzustossen. Das finde ich grossartig.

Wie gross ist der Einfluss als Berner Stadtpräsident?
Die Ausstrahlung ist gross. Der Stadtpräsident wird gefragt, man hört ihm zu. Und als Stadtpräsident kann ich die Zukunft der Stadt Bern aktiv mitgestalten. Ich werde mich bemühen, die Menschen in der Stadt zu motivieren und Einfluss auf die Stimmung in der Bevölkerung zu nehmen. Die Entscheidkompetenzen hingegen sind nicht enorm. Mein finanzieller Spielraum ist beispielsweise eng. Pro Jahr kann ich in eigener Kompetenz über einen Betrag von total lediglich 75‘000 Franken verfügen.

Wie stehen Sie zu YB und dem SC Bern?
Im Moment freue ich mich natürlich sehr über den Meistertitel des SCB. Die Spieler haben begeisterndes Eishockey gezeigt, und der SCB ist ein toller Botschafter für die Stadt Bern. Es war natürlich sehr schön, bereits nach so kurzer Zeit als Stadtpräsident eine Meisterfeier zu erleben. Als Sportart liegt mir aber der Fussball etwas näher als Eishockey. Meine Liebe zu YB hat stets einen melancholischen Touch, auch heuer wird maximal der zweite Rang resultieren. Meine Hoffnung, dass YB in den nächsten Jahren einen Titel gewinnen wird, bleibt aber intakt. Bern ist eine Sportstadt – sobald YB und der SCB Erfolg haben, strömen die Fans ins Stadion. Oder denken Sie an den Grand Prix von Bern: Jedes Jahr nehmen über 30‘000 Läuferinnen und Läufer daran teil. Es freut mich, dass die Bernerinnen und Berner so begeisterungsfähig sind.

Gespräch: Thomas Wälti


Der Berg ruft

Berge haben für Wirtschaftsführer eine hohe Anziehungskraft. Oswald Oelz, der langjährige Chefarzt am Triemlispital Zürich, stand 1978 auf dem Mount Everest (8848 m ü.M.). Der ehemalige Nestlé-Präsident Peter Brabeck-Letmathe scheiterte 2008 bei seinem Versuch, den Aconcagua in Argentinien – mit 6962 Metern höchster Berg Südamerikas – zu besteigen. André Lüthi, CEO der Globetrotter Group, stand unter anderem auf dem Ninchin Kangsa (7206 m ü.M.) im Tibet. Der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel ist ebenso Bergführer wie Rega-CEO Ernst Kohler. Weibel bestieg das Finsteraarhorn (4274 m ü.M.), höchster Gipfel der Berner Alpen. Kohler erreichte am 22. August 2012 in einer Seilschaft mit den Firmenchefs Andreas Meyer (SBB), André Béchir (Good News), Urs Kessler (Jungfraubahnen) und Mammut-CEO Rolf Schmid den 4107 Meter hohen Mönch. Aufmerksamkeit erregte auch die Sternbesteigung der Jungfrau (4158 m ü. M.) anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Bergsportfirma Mammut 2011. Es war gewissermassen ein Manager-Gipfeltreffen: Axpo-Chef Heinz Karrer, Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand und Meyer erreichten ebenso den Gipfel wie die frühere Zürcher Regierungsrätin Dorothée Fierz und Seco-Direktorin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch.

Auch die Patrouille des Glaciers erfreut sich grosser Beliebtheit. Das Rennen von Zermatt nach Verbier über 110 Leistungskilometer gilt als härtester Tourenskiwettkampf der Welt und lockt Jahr für Jahr Führungskräfte jeglicher Couleur an, wie der Blick auf die Teilnehmerliste vergangener Anlässe zeigt: Christophe Darbellay (Walliser Staatsrat, Ex-Präsident der CVP), Christian Constantin (Präsident FC Sion), Michel Kunz (Ex-Post-Chef) und Urs Schaeppi (CEO Swisscom). Auch der verstorbene Carsten Schloter (ehemaliger CEO Swisscom) absolvierte die Ausdauerprüfung durch die Walliser Alpen erfolgreich.