«Leonardo da Vinci war der letzte Gelehrte, der alles wusste»

Manuel P. Nappo leitet das Center for Digital Business der Hochschule HWZ in Zürich. Er zeigt den Führungskräften, wie man mit der digitalen Transformation umgeht.

Manuel P. Nappo, Leiter des Center for Digital Business der Hochschule HWZ in Zürich

Was heisst Digitalisierung?
Manuel P. Nappo: Da gibt es so viele Definitionen, wie es Experten gibt. Rein technisch gesprochen definiert Digitalisierung den Wandel von analogen zu ICT-unterstützten Prozessen. Doch Digitalisierung ist viel mehr: Sie verändert Geschäft, Technologie und Kultur in einem Unternehmen und in der Welt, und zwar grundlegend.

Was Sie beschreiben, geschieht eigentlich seit Einführung der ersten Computer.
Das stimmt. Neu ist Digitalisierung insofern nicht. Neu sind aber die Anzahl Leute, die von digitalen Prozessen betroffen sind, und die Geschwindigkeit, mit der diese Prozesse eintreten. Wenn man heute beispielsweise erfährt, dass eine neue App auf dem Smartphone in der Lage ist, einen gesprochenen Text zeitgleich in Mandarin zu übersetzen, wäre das vor fünf Jahren eine Sensation gewesen. Heute erstaunt der technologische Fortschritt kaum mehr jemanden. Unsere Abgestumpftheit gegenüber derartigen Innovationen zeigt, wie omnipräsent Digitalisierung und Technologie sind. Die Magie der neuen Technologien wie Sprach- oder Gesichtserkennung, künstliche Intelligenz, Roboter und selbstfahrende Autos ist wie verflogen, bis der nächste grosse Sprung kommt.

Sie sprechen von der zunehmenden Geschwindigkeit. Welches sind die Gründe?
Sicher das Web. Zudem haben heute weltweit viel mehr Leute Zugang zu Bildung und Wissen als noch vor 20 Jahren. Es ist ferner viel günstiger geworden, etwas Neues zu produzieren. Einen industriellen Prototyp oder eine technologische Innovation benötigte früher viel Kapital. Heute können 16-Jährige in einem Kaffee mit Gratis-Internet das neue Facebook basteln.

Was heisst die Digitalisierung für Führungskräfte?
Für sie ist es eine grossartige Chance.

Was nicht erstaunt, denn das steht in jedem Lehrbuch.
Und trotzdem gelingt die Veränderung längst nicht immer, weil Wandel primär eine Frage der Einstellung ist – genauso wie ob ein Glas halbvoll oder halbleer ist. Für Führungskräfte ist die Digitalisierung die spannendste Zeit, weil sie nicht mehr nur managen müssen, sondern aktiv gestalten können. Ja gar sollen. Sie können eine echte Leaderfunktion übernehmen, selbst in einem kleinen Team. Man muss das aber wollen. Für Führungskräfte, die glücklich damit waren, Aufgaben abzuarbeiten und Stunden zu kontieren, wird es in Zukunft schwierig werden.

Wie soll dieses Gestalten möglich sein? Führungskräfte beklagen sich über die Geschwindigkeit und die zunehmende Informationsflut.
Gestalten ist eine Einstellungsfrage. Dahinter verbergen sich der Wille, etwas aktiv verändern zu wollen, und der Mut, etwas auszuprobieren. Die Geschwindigkeit ist sehr relativ. Zum einen darf sie kein Hinderungsgrund sein, weil der digitale und technologische Wandel so oder so kommt. Zum anderen zwingt die Veränderung die Führungskräfte, sich noch klarer zu fokussieren und nicht von der Informationsflut ablenken zu lassen.

Sind die Schweizer Unternehmen fit für diesen Wandel?
Es gibt den Unterschied zwischen verwalten und gestalten. Die einen sind Manager, die anderen sind Unternehmer oder Entrepreneure. Allerdings plädiere ich nicht nur für neue Alfred Escher oder Steve Jobs, sondern für Leute, die auch im Kleinen etwas verändern und gestalten wollen, weil sie neugierig sind und neue Chance sehen. Das reine Managen passt heute nicht mehr ins digitale Zeitalter, es hat ausgedient. Heute sind mehr die Veränderungswilligen, die Gestalter und die Eroberer gefragt.

Gleichwohl gilt die Schweiz als risikoscheu. Überall ertönt der Ruf, dass die Unternehmer mutiger sein sollen...
… ist das so? Das sehe ich anders. Wenn man die schweizerische Wirtschaftsgeschichte anschaut, ist das Gegenteil der Fall. Der Bau des Gotthardtunnels war doch ein Projekt, das Risiken ohne Ende barg, und trotzdem wurde das Jahrhundertprojekt realisiert. Die Schweiz ist ein Land voller Unternehmer und Pioniere, die Grossartiges aufgebaut haben. Denken Sie an die Maschinen-, die Uhren-, die Finanz-, die Pharma- oder die Käseindustrie. Diese Frauen und Männer müssen heute unsere Vorbilder sein, gerade im digitalen Zeitalter: Unternehmer, die keine Angst vor Veränderungen und vor Neuem haben. Sinnbild dafür ist für mich Alfred Escher. In den USA würde man ihn gross feiern, wie Rockefeller. Hier ist man wesentlich zurückhaltender.

Sind die Unternehmen bereit, diese digitale Herausforderung anzunehmen?
Wie fast immer, hängt das in erster Linie von den Chefs ab. Wie viel Freiraum gestehen sie ihrem Unternehmen und ihren Teams zu? Die derzeitigen Leader müssen sich eine grundsätzliche Frage stellen: Wenn die Digitalisierung und die neuen Technologien unsere Welt wirklich derart umpflügen, wie zahlreiche Studien und Experten voraussagen, was ist dann die richtige Strategie? Von sich aus zu gestalten und zu verändern oder verändert zu werden? Zuwarten ist in dieser schnelllebigen Zeit definitiv die falsche Strategie. Da sich ohnehin alles wandeln wird, braucht es Mut zu Freiräumen, zu Experimenten. Wer nichts wagt, gewinnt nichts.

Also fehlt der Mut.
Ich glaube nicht. Die Schweizer haben immer die Tendenz, sich schlechter zu machen, als sie sind. Bescheidenheit ist zwar eine grosse Qualität, aber die Schweizer sollten durchaus stolz auf ihre Errungenschaften sein. Die Schweiz gilt seit Jahren als eines der innovativsten Länder der Welt. Das ist kein Zufallsergebnis. Wir dürfen stolz darauf sein, dürfen diesen helvetischen Pionier- und Innovationsgeist cool finden. Wir müssen in Zukunft jedoch mehr zusammenstehen und den Unternehmen ihre Erfolge gönnen. Die grossen Herausforderer heissen heute Alibaba, Amazon oder Facebook und nicht Migros oder Coop, CS oder UBS. Mir geht es darum, den Leuten Mut zu machen. Ich sage immer, als Motivation ist es besser, die Prinzessin zu gewinnen, als den Drachen zu bekämpfen.

Was heisst das konkret?

Schon der Managementguru Peter Drucker sagte zurecht: «Culture eats strategy for breakfast». Stimmt die Einstellung, so stimmt die Unternehmenskultur, dann kommt alles andere von selbst. Technologie ist heute beherrschbar – oder sie ist es nicht. Entweder hat man ein Tool, das so einfach zu bedienen ist wie das iPad, oder eine Technologie, die wie Künstliche Intelligenz nur Top-Spezialisten beherrschen. Als Führungskraft ist es wichtig, gegenüber neuen Technologien offen zu sein und die Abwehrhaltung abzulegen. Es ist viel einfacher zu sagen, das brauche ich nicht. Doch eine solche Einstellung bringt die Führungskräfte nicht weiter. Was jedoch nicht heisst, dass man alles annehmen muss.

Aber gleichwohl verstehen wir immer weniger.
Leonardo da Vinci war der letzte Gelehrte, der wohl wirklich fast alles wusste. Seither hat sich das Wissen explosionsartig vermehrt, und es geht immer weiter. Deshalb ist es heutzutage so wichtig, Netzwerke zu bilden, um zu wissen, wo man das nötige Know-how abholen kann. Nicht umsonst spricht man heute von Kollaboration. Das heisst, Leute mit unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichem Wissen arbeiten zusammen, um gemeinsam ein konkretes Problem zu lösen. Das bedingt aber eine offene Einstellung.

Wie hält man sich auf dem Laufenden? Die Veränderung findet nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit statt.
Es war wohl noch nie so einfach, an Informationen heranzukommen. Im Internet ist heute das gesamte Wissen in irgendeiner Form verfügbar. Die Frage ist, welches sind in dieser Flut die relevanten Informationen. Wichtig ist herauszufinden, wie man diese filtert und dass man sich etwas stärker fokussiert und sich nicht von allem Neuen ablenken lässt. Was ich auch immer wieder feststelle: Die Erwachsenen getrauen sich nicht zu fragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Es ist unmöglich, alles zu wissen, also sollte man, wie Kinder es machen, ganz einfach fragen. Es fällt mir doch kein Zacken aus der Krone, wenn ich jemanden frage, was ein Quantencomputer ist. Nur so kommen wir alle zu neuem Wissen.

Sie plädieren für Offenheit und Netzwerkdenken. Viele Unternehmen müssen sich neu erfinden.
Das beobachte ich auch. Als erstes muss sich die Kultur ändern, dann folgt die Organisationsform. Eine Struktur auf dem Reisbrett zu entwickeln, funktioniert nicht. Vielmehr muss ein Unternehmen die eigenen Werte und Visionen ins Zentrum rücken. Das mag etwas retro tönen, denn lange hiess es: «Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.» Doch gerade in einer Zeit, in der sich alles ändert und eine Strategie höchstens sechs Monate Bestand hat, ist die Vision der einzige Fixpunkt eines Unternehmens.

Ist eine Vision nicht konträr zur Geschwindigkeit, zur Technologisierung und zur Schnelllebigkeit?
Eben nicht. Die Vision von Facebook lautet, die Menschen auf der Welt miteinander zu vernetzen. Der Weg dorthin kann sich mannigfach ändern. Doch die Vision bleibt, sie ist der Polarstern von Facebook. Die Vision meines Centers for Digital Business ist, dass wir die Studierenden so weiterbilden, dass sie sich, ihre Unternehmen und damit die Schweizer Wirtschaft für das digitale Zeitalter fit machen.

Sie bilden an der HWZ Studierende in Digital Leadership aus. Können diese ihr neues Wissen in den Unternehmen auch anwenden? Gibt es diese Offenheit?
Der Höhepunkt der Ausbildung ist die Silicon-Valley-Reise. Natürlich ist auch in Kalifornien längst nicht alles Gold, was glänzt. Doch der Spirit, die Offenheit ist schon beeindruckend. «Everything goes, everything is possible» spürt man auf Schritt und Tritt. Dann kommen die Studierenden zurück in die Schweiz in ihre Organisationen und merken, dass die Prozesse, die Strukturen und die Chefs diese Offenheit vermissen lassen. Die eine Hälfte der Studierenden kann vieles umsetzen und gestalten, die andere muss noch warten – oder verlässt das Unternehmen und orientiert sich neu.

Wie ist die Schweiz in der digitalen Transformation aufgestellt?
Ich finde, die Schweiz ist sensationell aufgestellt. Es gibt kein Land, das mit acht Millionen Einwohnern zwei Weltklasseschulen wie die ETH Zürich und die EPFL hat und mit der Universität St. Gallen und dem IMD Lausanne über zwei Top-Managementschulen verfügt – und mit der HWZ eine Pionierin im Bereich Digital Business hat (lächelt). Die Schweiz als kleines, rohstoffarmes Land war schon immer darauf angewiesen, sich nach aussen zu orientieren und im Ausland neue Wege und Absatzmärkte zu finden. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Schweiz für die digitale und technologische Transformation ausgezeichnet aufgestellt ist. Ich wünsche mir einfach etwas mehr Pioniergeist. Be more Alfred Escher!

Gespräch: Pascal Ihle