«Unser Gesetz ist schlank und hat nur vier Paragrafen»

Der Kanton Zug hat mit dem Crypto Valley einen globalen Brand geschaffen und ist zu einem Hotspot der Fintech-Szene geworden. Der Zuger Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel erklärt, wie es dazu gekommen ist und was der Kanton anders macht.

Matthias Michel, Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Zug.

Zug ist ein wunderlicher Kanton: In den 1980er-Jahren geriet er mit Marc Rich und der Rohstoffbranche in die Weltschlagzeilen, heute mit Bitcoin und dem Crypto Valley. Ist das Unerwartete Ihr Programm?
Matthias Michel: Überhaupt nicht. Auslöser für das globale Medieninteresse war nicht der Kanton, sondern die Stadt Zug, als sie bekanntgab, dass sie in einem beschränkten Versuch die Bitcoin-Währung zulasse. Diese Ankündigung schien tatsächlich die ganze Welt zu interessieren, war aber nicht der eigentliche Startpunkt des Fintech-Clusters.

Sondern?
Wir verfolgen die Entwicklung der digitalen Währungen schon seit längerem, haben das aber nie an die grosse Glocke gehängt.

Wieso nicht?
Weil es nie einen Masterplan mit konkreten Meilensteinen gegeben hat. Es ist nicht die Strategie des Kantons Zug, dass er gezielt einen Sektor oder eine Branche bevorzugt. Wir haben zum Beispiel nicht vor fünf Jahren den Entscheid gefällt, wonach wir alles unternehmen, damit der Kanton der massgebende Bitcoin-Standort der Schweiz oder gar der Welt wird. Das war nie eine Regierungsstrategie.

Gleichwohl haben sich internationale Firmen bei Ihnen angesiedelt, was jeder andere Kanton gross bejubelt hätte.
So sind wir Zuger eben nicht. Wir haben ein anderes Verständnis. Wir sind darum bestrebt, die Rahmenbedingungen und Standortfaktoren so zu definieren, dass sie für die Wirtschaft möglichst optimal sind. Das ist im Fintech-Bereich gelungen; andere Beispiele sind die Bereiche Life Sciences und IT. Firmen und Startups kommen hierher und fühlen sich offensichtlich wohl. Und so entsteht ein Cluster.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass sich ein solcher Fintech- oder Crypto-Cluster bildet?
Für mich war das Jahr 2013 entscheidend, als sich Johann Gevers mit seiner Firma Monetas bei uns niederliess. Es gab schon vorher kleinere Firmen in und um Zug, doch mit dem Südafrikaner Gevers kam ein globaler Brand zu uns, der nicht nur uns aufhorchen liess.

Wie ist der Begriff Crypto Valley eigentlich entstanden?
Wir diskutierten mit Gevers über diesen neuen Cluster, der in Zug am Entstehen war. Im Laufe des Gesprächs fielen die Begriffe Silicon Valley und Crypto Währungen. Und irgendwann kamen wir auf Crypto Valley. Das eine hat das andere ergeben, so dass niemand genau weiss, wer den Begriff erfunden hat. Wichtiger ist, dass dieser Begriff zum land- ja weltläufigen Inbegriff eines Clusters in und um Zug geworden ist.

Das Crypto Valley ist also nicht aus einem Masterplan heraus entstanden.
Nein, überhaupt nicht. Jetzt haben Sie sicher den Eindruck, wir liessen etwas Neues unkontrolliert entstehen. Auch das stimmt nicht. Wir sind von unseren Standortbedingungen für die Wirtschaft überzeugt und haben stets diese im Visier. Erst wenn diese stimmen, können Clusters entstehen.

Was braucht es?
Als Basis: qualifizierte Arbeitskräfte und damit starke Bildungsinstitutionen, ein attraktives steuerliches Umfeld und gute Verkehrsinfrastrukturen.

Davon sprechen alle anderen Kantone auch, aber nicht mit demselben Erfolg. Was macht Zug besser?
Ich würde nicht von besser sprechen, sondern von anders. Natürlich spielen tiefe Unternehmenssteuern eine Rolle, sonst haben Sie im internationalen Wettbewerb keine Chance. Aber es braucht mehr als das. Die Sicherheit und die Stabilität sind für internationale Firmen wichtig. Dazu gehört neben klaren politischen Verhältnissen auch ein verlässlicher, planbarer Steuersatz. Was wohl auch für Zug spricht, ist die Tatsache, dass wir die Bedürfnisse der Firmen schnell erkennen und entsprechend reagieren.

Was heisst das konkret?
Wir bieten den Firmen beispielsweise keine Steuerabkommen an, wie das andere Kantone tun.

Also keine Steuerbefreiung.
Nein, das gibt es im Kanton Zug nicht. Das ist eines unserer Prinzipien, dass die Rahmenbedingungen für alle dieselben sein müssen. Wir bevorzugen weder einzelne Firmen noch einzelne Sektoren.

Weshalb? In der Westschweiz wird dies praktiziert.
Es ist gegen den Willen unserer Politik, dass wir einen Sektor gegenüber einem anderen bevorzugen. Wir plädieren vielmehr für Rahmenbedingungen, die für alle gelten. Und wenn diese wirklich gut sind, dann wachsen einzelne Cluster automatisch heran. Monetas hat sich unter anderem wegen der Unkompliziertheit der Steuerbehörden für Zug entschieden. Als es um die Frage ging, wie man mit Bitcoin umgehen solle, gaben die Steuerbehörden zur Antwort: «Wie eine Fremdwährung.»

So einfach geht das in Zug?
Das ist unser pragmatischer Ansatz. Die Verwaltung sucht nach gangbaren Lösungen und fokussiert bei einer potenziellen Neuansiedlung darauf, was – im Rahmen bestehender Gesetze – möglich ist, und nicht darauf, was alles nicht geht. Der Kanton Zug kennt ausserdem kein Wirtschaftsförderungsgesetz, sondern ein Wirtschaftspflegegesetz, denn wir pflegen die Standortfaktoren und wir pflegen den direkten Kontakt insbesondere zu den schon ansässigen Unternehmen. So sind wir stets nahe am Puls. Unser Gesetz ist schlank und besteht aus vier Paragrafen.

Wie bitte?
Ja. Wir brauchen kein ellenlanges Gesetz, in dem alles Mögliche detailliert aufgeführt ist. Wir diskutieren mit den Unternehmen, gehen auf ihre Bedürfnisse ein und suchen gemeinsam möglichst gute Lösungen. Wir sind bekannt für den unkomplizierten Kontakt zur Verwaltung, welche Beziehungen zu Kunden auf Augenhöhe pflegt.

Woher kommt dieser liberale, wirtschaftsfreundliche Geist?
In den 1940-er Jahren stellte sich der Kanton erstmals die Frage, wie man internationale Unternehmen besteuern müsste, die keine Erträge und Umsätze in der Schweiz erzielten. So entstanden die Gemischten Gesellschaften, die lediglich auf den in der Schweiz erwirtschafteten Erträgen besteuert werden. Diese Steuerpraxis fand dann Eingang ins Gesetz. Unser Motto lautet: «Wir machen das, was es braucht.»

Das klingt sehr simpel.
Ist aber essenziell. Bei uns käme ein Volkswirtschaftsdirektor nicht auf die Idee, eine Sporthochschule zu bauen, nur weil er sportaffin ist. Zug hat durch die Internationalisierung gemerkt, dass wir Leute mit einer höheren Qualifikation benötigen. Deshalb haben wir als einer der ersten Kantone eine Berufsmaturität gefördert und haben heute einen sehr hohen Stand bei den Abschlüssen. Wir haben auch zusammen mit den Firmen Verbünde realisiert, bei denen die Firmen ihre Berufsbildung outsourcen können. Ausserdem ist Englisch ein derart wichtiges Thema geworden, dass wir die erste kaufmännische und IT-Lehre in der Schweiz anbieten, die zu 80 Prozent auf Englisch ist.

Bildung als Standortfaktor.
Man spricht seit Jahren vom «War for talents». Firmen siedeln sich dort an, wo am meisten qualifizierte Arbeitskräfte ausgebildet werden. Deshalb muss man als Standortförderer auf die Bedürfnisse der Wirtschaft hören. Wenn die Fintech-Branche keine Finanz- und IT-Spezialisten findet, kommt garantiert keine Firma nach Zug. Ausserdem sind wir dabei, zusammen mit der Hochschule Luzern in Rotkreuz ein neues Fachhochschuldepartement zu konzipieren, in das auch das Institut für Finanzdienstleistungen ZUG (IFZ), das für die Entwicklung des Fintech-Sektors von eminenter Bedeutung ist, einziehen wird. Wir sind nahe am Markt, gerade auch im Bereich der Aus- und Weiterbildung.

Ist dies das Zuger Geheimrezept?
Unternehmer schauen, was der Kunde will. Bei uns schaut der Kanton, was die Bürger und die Firmen wollen. Deshalb lässt sich unsere Strategie nicht nur auf «tiefe Steuern» reduzieren, sondern beinhaltet ein Gesamtpaket an Rahmenbedingungen. Das ist das Rezept, eigentlich wie beim Kochen: Es braucht verschiedene gute Zutaten und natürlich engagierte Köche!

Eigentlich erstaunlich, dass sich Zug von der Wirtschaftsmacht Zürich emanzipieren konnte.
Zug war schon immer ein Durchgangskanton an der Nord-Süd-Achse und ist es gewohnt, sich als kleiner Kanton offen und zusammenarbeitsfreundlich gegenüber den Nachbarn zu verhalten. Heute ist Zug nicht mehr «das Tor zur Innerschweiz», so ein Poststempel zu meinen Kindheitstagen, sondern das Tor zu Zürich und zur Welt. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Politik. Wenn es dem Grossraum Zürich gut geht, dann geht es allen gut. Deshalb hat sich der Verein Metropolitankonferenz Zürich gebildet, dem 8 Kantone und über 120 Gemeinden angeschlossen sind. Uns geht es weniger um lokale Sonderwünsche, als um gemeinsame Standortinteressen in den Bereichen Verkehr, Wirtschaft, Gesellschaft und Lebensraum. Sodann sind wir aktives Mitglied in der Greater Zurich Area (GZA), der Standortpromotion mehrerer Kantone mit und um Zürich. Im internationalen Wettbewerb kommt es primär darauf an, dass sich eine Unternehmung aus dem Ausland in diesem Raum ansiedelt, und erst sekundär, in welchem Kanton. Diese Haltung war früher nicht so.

Das hört sich jetzt sehr idyllisch an. Letztlich hat jeder Kanton seine eigene Standort- und Wirtschaftsförderung, die gegenüber dem Parlament Rechenschaft über ihre Erfolge geben muss.
Das war früher tatsächlich der Fall, weil jede kantonale Standortförderung autonom arbeitete. Heute weiss man, dass man voneinander abhängig ist und nur dann profitiert, wenn man sich gegenseitig unterstützt und einander vertraut.

Ist das wirklich so?
Absolut. In der Greater Zurich Area wird nicht mehr Buch darüber geführt, wie viele Neuansiedlungen und neue Arbeitsplätze pro Kanton geschaffen wurden. Vielmehr rapportieren wir die Erfolge für den gesamten Raum. Der Gesamtraum ist ausschlaggebend. Die Arbeitnehmer pendeln, die Zulieferer arbeiten an verschiedenen Standorten, die Wirtschaft wird immer vernetzter, so dass man den Nutzen gar nicht mehr auf einen einzelnen Kanton herunterbrechen kann. Monetas kam über Swiss Global Enterprise in die Schweiz und über die Greater Zurich Area in den Grossraum Zurich. Dann hat sich die Firma aufgrund ihrer Bedürfnisse für Zug entschieden.

Kein Konkurrenzkampf?
Nein. Für den einen Konzern ist die Nähe zum Flughafen Zürich entscheidend, ein Think Tank sucht eine möglichst grüne Umgebung, ein dritter sucht die Nähe zu Finanzdienstleistern. Wir sind mittlerweile so weit: Wenn unser Standortförderer im Ausland unterwegs ist, hat er auch den Hut der Greater Zurich Area auf. Wir haben in den letzten Jahren ein Vertrauensverhältnis erarbeitet – und dieses spielt jetzt. Der echte Konkurrenzkampf spielt sich im Verhältnis zum Ausland ab.

Gespräch: Pascal Ihle und Rob Hartmans